Winnetou bekannte seinen Glauben

Die Abenteuerbücher von Karl May haben christliche Grundlagen. Von Stefan Grotewohl
Foto: IN | Karl May als Old Shatterhand kostümiert.
Foto: IN | Karl May als Old Shatterhand kostümiert.

Ein Buch über Karl Mays Christentum wird von Freunden des Schriftstellers seit langem als überfällig angesehen. Auch wenn Buchautor Rainer Buck selbst betont, dass in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe origineller und wertvoller Arbeiten zum Thema erschienen ist, so haben sie doch, was Buck bescheiden verschweigt, kaum Wirkung über enge Fachkreise hinaus entfaltet. Die Arbeit des katholischen Theologen Hermann Wohlgschaft von 1994 (erweitert 2005) nennt Buck gar die „definitive Karl May Biographie“.

Die vorliegende Arbeit von Rainer Buck kann hier die Funktion eines Standardwerks übernehmen. Das Zeug dazu hat seine Arbeit allemal. In drei Abschnitten werden Leben, Werk und Wirkungsgeschichte Karl Mays betrachtet.

Der Autor zitiert Ernst Bloch, der Karl May bescheinigt, einer der besten deutschen Erzähler gewesen zu sein und „vielleicht der beste schlechthin, wäre er kein ar-mer, verwirrter Proletarier gewesen“. Tatsächlich schmerzt es alle Karl May-Kenner und -Freunde, dass May als Jugendbuchautor und Trivialschriftsteller abgestempelt, gleichsam verkannt wird. Wer sich zu seiner Neigung zu Karl May bekennt, sieht sich immer noch in Rechtfertigungszwang. Geduldet wird solches Bekenntnis, solange es als sentimentale Reminiszenz an die eigene Jugend durchgeht.

Das Rümpfen der Nasen beginnt, sobald man postuliert, dass May als Schriftsteller ernst zu nehmen sei. Warum diese Abneigung gegen May gerade im Bildungsbürgertum? Sollte es damit zu tun haben, dass May ein dezidiert christlicher Autor ist?

Karl Mays Weltbild ist nicht das Weltbild des linksliberalen mainstream. Wenn ein so entschieden christlicher Autor die Jugend und nicht nur diese begeistert, muss das allen unbehaglich sein, die dem Christentum kritisch bis ablehnend gegenüberstehen. Mays Werk zeugt von einer unglaublichen Allgemeinbildung. Eine so breite Allgemeinbildung kann fast nur autodidaktisch erworben werden, da das Bildungswesen damals wie heute ein so breites Allgemein- und Spezialwissen kaum vermitteln kann. Autodidakten wie May wird ihr Wissen gern als angelesenes Halbwissen abgetan. Karl May, der keine Universität besucht hat und, Bloch betont es, dem Proletariat entstammt, hatte keinen Stallgeruch aus der Sicht des wilhelminisch politisch Korrekten und seines Nachkommen heutiger Tage, des politisch korrekten, satten Akademikers.

Auch Feindesliebe ist ein roter Faden in den Abenteuern

Dieser Gegensatz zum Engstirnigen machte und macht (soweit junge Leute ihn noch lesen) Karl May besonders ansprechend für junge Menschen, die aus der Enge einer bürgerlichen Welt hinausstreben, zu einem Leben, das noch Schicksal ist, „empor ins Reich der Edelmenschen“, wie es in Mays berühmtem Wiener Vortrag hieß, den er kurz vor seinem Tode hielt.

Buck zeigt sich überzeugt, dass Karl May in seinem Leben und im Leben anderer Menschen Gutes bewirkt hat. In der Betrachtung des Lebens Karl Mays erkennt Buck in May einen „Hunger nach Liebe“. Das scheint der Schlüssel zu Leben und Werk Mays zu sein. Und als Christ weiß May, das dieser Hunger von Gott gestillt wird – und letztlich nur von ihm. Das zeigt sich in Karl Mays Büchern. Auch die Verirrungen und Skurrilitäten in Mays Leben lesen sich anders mit der Blaupause, die da „Hunger nach Liebe“ heißt. Während es scheint, dass Mays Glaube kurzfristig ins Wanken kam, wird er nachhaltig gestärkt durch die Güte, die May während seiner vierjährigen Haftstrafe seitens des katholischen Katecheten und des katholischen Anstaltsgeistlichen erfährt.

Sie bereiten eine spätere Resozialisierung des begabten Gestrauchelten vor – nach heutigem Recht wäre er wegen des Diebstahls einer Uhr nicht inhaftiert worden. Mays musikalische Begabung spielte bei der Resozialisierung eine Rolle, er wird als Protestant Organist der katholischen Anstaltsgottesdienste. Durch Vertrauen, dass ihm entgegengebracht wird, fasst er Selbstvertrauen und es gelingt ihm nach seiner Haftentlassung unter Verhältnissen, die ungleich schwieriger waren als die nicht eben leichten Bedingungen, unter denen dies heute der Fall ist, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen.

Später nutzt May, der eine rege Korrespondenz mit seinen Lesern führt, seine Popularität, um den christlichen Glauben zu verbreiten. Pädagogisch wertvoll und auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes zeigen Mays Werke Freundschaften, die die Schranken von Rassen und Religionen überwinden – und das in einer Zeit, in der übersteigerter Nationalismus den Ton angab und fremden Kulturen meist mit Dünkel begegnet wurde, der teils auf Unwissenheit, teils aber auch auf Engstirnigkeit beruhte.

Auch die christliche Feindesliebe ist ein roter Faden der Abenteuererzählungen. Immer wieder vergibt Kara Ben Nemsi/Old Shatterhand Menschen, die ihm nach dem Leben trachteten. Dabei wird die christliche Motivation dieses Handelns ausdrücklich erwähnt. Wenn Horaz lehrt, der Dichter solle erfreuen und belehren, wird May dem als christlicher Schriftsteller gerecht, denn er fesselt das Publikum durch spannende Handlungen, bunte Exotik und verbreitet dabei die christliche Botschaft.

Der späte May hat seine treuen Leser mit seinen pazifistischen und symbolistischen Werken, wie Rainer Buck schreibt, „gelangweilt und überfordert“. Dabei haben sich Mays Grundideen kaum gewandelt. Er setzt nur stärkere Akzente in Richtung Pazifismus. Allein die „Einkleidung” seiner Werke ist eine ganz andere. Die Handlungen des Spätwerks werden immer dünner, treten ganz hinter den Ideen zurück. Philosophische Traktate in die Form eines Romans zu kleiden ist eine wahre Herkulesarbeit.

Mit den erdachten Figuren Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi schuf May Figuren, deren positive Wirkung so stark war, dass diese Figuren etwas vermochten, was normalerweise lebenden Menschen vorbehalten ist. Sicher, May behauptete, Old Shatterhand zu sein, viele glaubten es ihm. Aber wie viele? Wir werden es nie erfahren. Und was ist mit allen, die Mays Bücher nach seinem Tod, als er längst als „Lügner“ enttarnt war, lasen und lieben lernten? Wir wissen, dass Old Shatterhand nie gelebt hat, aber unser Unterbewusstsein glaubt es uns nicht.

Damit ist Karl May etwas gelungen, was nur wenigen gelingt und was ihn zu einem wirklich großen Literaten macht. Seine Taten weisen Old Shatterhand beständig als Christen aus und bisweilen bekennt er auch in Worten seinen Glauben. Buck formuliert dies nicht in dieser Deutlichkeit, gleichwohl weist er es in seiner kenntnisreichen und immer schlüssigen Arbeit nach. Das Bekenntnis Mays zum Christentum fehlt in seinen Werken nie, wirkt aber nicht aufdringlich. Dafür steht es an entscheidenden Stellen. Die vielleicht prominenteste Stelle in Mays Gesamtwerk, das viele tausend Seiten umfasst, ist der Höhepunkt seines vielleicht bekanntesten Werkes. Der sterbende Winnetou bekennt sich zum Christentum.

In den deutschsprachigen Ländern gibt es kaum jemanden, der Winnetou nicht kennt – und rund um den Globus hat Winnetou viele weitere Freunde. Aber nur, wer die Bücher gelesen hat, weiß, dass Winnetou Christ wird. Filme unterschlagen diesen entscheidenden Umstand durchweg, einzig die Europa-Hörspiele lassen den sterbenden Winnetou das Bekenntnis zum Christentum sprechen, ohne dass die Religion in den Hörspielen sonst eine Rolle spielt. Wird aber das Christentum aus Mays Stoffen herausgefiltert, man könnte auch sagen zensiert, bleiben in der Tat nur Abenteuergeschichten. Der Theologe Wohl-gschaft sieht in Old Surehand III die „Suche nach Gott“.

Eine wichtige These Bucks ist, dass Mays Wert als Literat sich dadurch manifestiert, dass er auch Jahrzehnte nach seinem Tod immer noch gern gelesen wird. Dies unterscheidet, so Buck, einen großen Literaten von einem durch Zeitgeist oder geschicktes Marketing nur temporär oder zu Lebzeiten erfolgreichen Autor.

Bei aller Empathie mit dem Menschen Karl May und seinem Werk als Künstler lässt es Buck nicht an der gebotenen Distanz fehlen. Dabei hat er eines mit Karl May gemeinsam, wenn man einmal angefangen hat, seine Schrift zu lesen, fällt es schwer, das Buch aus der Hand zu legen, bis man es zuende gelesen hat. Vielleicht liegt es daran, dass Buck, selbst bekennender Christ, auch Romane schreibt, auf die dieses Buch neugierig macht.

Rainer Buck: Karl May. Der Winnetou-Autor und der christliche Glaube. Mit einem Vorwort von Jens Boettcher. Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH. Moers 2012, ISBN 978-3-86506-371-7, 188 Seiten, gebunden, 192 Seiten, mit zahlreichen s/w Abbildungen, EUR 14,95

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann