Willa Cather: Rückblick auf ein Leben mit Sinn

Willa Cathers Erzählwerk „Der Tod kommt zum Erzbischof“ zeigt, dass man den missionarischen Einsatz nicht nach weltlichen Kriterien beurteilen kann. Von Michael Hanke
Willa Cather
Foto: Willa Cather Foundation | Kein spektakuläres Leben, aber Erzählungen mit Transzendenzperspektive: Willa Cather (1876–1947).

Es gibt Autoren, deren wenig spektakuläres Leben die Bildung von Legenden fördert. Die amerikanische Erzählerin Willa Cather (1876–1947) ist ein Beispiel dafür. Der katholische Gehalt einiger ihrer Erzählungen hat dazu geführt, dass sie in einigen Nachschlagewerken als Konvertitin bezeichnet wird, obwohl sie sich als Mitglied der Episkopalkirche – einer amerikanischen Filiation des Anglikanismus – zeitlebens zum Protestantismus bekannte.

Geboren wurde sie im Bundesstaat Virginia, ihre Kindheit und Jugend jedoch hat sie weiter westlich, auf der Farm ihrer Eltern in Nebraska, im Herzen der Vereinigten Staaten, verbracht. Sie war dankbar dafür, unter einfachen, noch ganz vom Geist der Pioniere geprägten Menschen aufgewachsen zu sein, und obwohl sie eine geschliffene, von gründlicher humanistischer Bildung zeugende Prosa schreibt, kehrt sie in ihren reifen Werken in diese ihre Wahlheimat zurück. Dort sind, eigenem Bekenntnis zufolge, ihre Wurzeln zu finden: „Die stärksten Anregungen empfing ich am frühen Morgen, während ich einer dieser Pionierfrauen beim Backen oder Buttermachen half. Der Ritt nach Hause erfolgte in einem mir kaum erklärlichen Zustand innerer Erregung; ich spürte, dass diese Frauen mir weit mehr vermittelt hatten, als was sich in Worten hätte fassen lassen.“ Vielleicht war es dieses Bekenntnis, das einen der damals einflussreichen amerikanischen Kritiker, den als Romancier gescheiterten Lionel Trilling, zu dem boshaften Aperçu von Willa Cathers „mystischer Vorliebe für Töpfe und Pfannen“ veranlasste. Aber es war genau dieses Interesse an den Alltagsmenschen, das ihr die Anerkennung bedeutender amerikanischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts (darunter Lyrikern wie Robert Frost und Wallace Stevens, die sie als beste Autorin ihrer Zeit ansahen, aber auch Erzählern wie F. Scott Fitzgerald und Truman Capote) eingetragen hat. In Europa fand sie Verehrer in Graham Greene, der sie in einem literarkritischen Essay würdigte, und in Sigismund von Radecki, der eine dem Original ebenbürtige und mehrfach aufgelegte Übersetzung ihres Hauptwerkes „Death Comes for the Archbishop“ (1927) unter dem Titel „Der Tod kommt zum Erzbischof“ vorgelegt hat; sie erschien erstmals 1936 in der katholischen Zeitschrift „Hochland“, vier Jahre später in Buchform. Seit 2007 liegt eine Neuübersetzung von Irma Wehrli („Der Tod bittet den Erzbischof“) vor.

Willa Cather hat ihren Roman als „narrative“ (als eine ausführliche Erzählung) bezeichnet. Dies zeugt von Bescheidenheit, lässt aber auch auf eine bestimmte Absicht der Autorin schließen. Viele Romane sind final konzipiert: Sie laufen auf ein mit innerer Notwendigkeit sich aus dem Charakter der Hauptfiguren und der Handlungsführung ergebendes, Spannung weckendes Ende zu. So wird etwa jeder Leser eines Kriminalromans die Lektüre bald aus der Hand legen, wenn allzu flagrant gegen dieses einleuchtende Prinzip verstoßen wird. Im Falle von Willa Cathers Roman ist es (wenn überhaupt) ausschließlich der Titel, der Spannung verheißt. Und tatsächlich endet das Werk mit dem Tod des Erzbischofs. Statt die Spannung wachsen zu lassen, wie es in einem typischen (gedanklich eher flachen) Krimi a la Edgar Wallace oder Agatha Christie geschieht, baut Willa Cather die Spannung innerhalb eines jeden Kapitels auf und lässt sie zum Ende hin abklingen. Sie folgt einem additiven Kompositionsprinzip: Manche Kapitel könnten, ohne das Verständnis zu erschweren, untereinander ausgetauscht werden. Das Thema des Romans ist von einer für die Autorin typischen Prägnanz: Die Bejahung des Todes im Rückblick auf ein sinnerfülltes – hier ein missionarisches – Leben.

Vom Ende her, „sub specie aeternitatis“, wird erkennbar, warum Willa Cather auf den konventionellen Aufbau eines Romans verzichtet. Die Wege des Erzbischofs Jean Latour und seines Vikars Pater Vaillant sind von Gott vorgezeichnet. Die scheinbar unüberwindlichen geographischen Barrieren, die physischen und seelischen Belastungen, die immer wieder bestürzende Einsicht in die Folgen einer Missachtung der göttlichen Gebote wirken einem bloß äußerlich spannenden Ablauf der Handlung gezielt entgegen. Die Triebfedern der beiden Missionare, von denen nur dem Erzbischof gegen Ende seines Lebens wenigstens ansatzweise so etwas wie Sesshaftigkeit vergönnt ist, sind Jesu Worte: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und doch Schaden nähme an seiner Seele?“

Zum Inhalt: Zwei junge Franzosen, Bischof Jean Latour und sein Vikar Pater Joseph Vaillant, gründen die Diözese von Neumexiko. Latour ist ein Geistesaristokrat, ein Mann von ungewöhnlicher musikalischer, literarischer und philosophischer Bildung, den man sich mit seinem attraktiven Äußeren und seinem distinguierten Auftreten eher als Theologieprofessor in Rom, denn als Missionar auf einem Maulesel in der dürren Vegetation Mexikos vorzustellen vermag. Seinem gesundheitlich angeschlagenen Begleiter Vaillant gibt allein das Sendungsbewusstsein die Kraft, bis zu seinem Tode rastlos als Missionar zu wirken. Kaum können die beiden Freunde in der neuen Diözese erste geistliche Erfolge verbuchen – die lockere Haltung einflussreicher Geistlicher in Fragen des Zölibats und ihr wild wuchernder Materialismus werden gebrochen –, trennen sich ihre Wege. Vaillant wird zum Bischof des geistlich verödeten Colorado berufen, und Latour erlebt die Vollendung der von ihm geplanten Kathedrale von Santa Fé, in der er nach seinem Tod als geachteter Seelenhirte aufgebahrt wird. Der nicht ohne leise Ironie auf ein sensationelles Geschehen deutende Titel des Werkes (ähnlich wie der von T. S. Eliots religiösem Festspiel „Mord im Dom“) gibt seinen vollen Sinn erst am Schluss zu erkennen: Der Tod ist das irdische Ziel des auf Transzendenz zielenden christlichen Lebens.

Es war der missionarische Eifer der Missionare des jungen Neu-Mexiko, der Willa Cather im Zeitalter des „Jazz Age“ und der „roaring Twenties“ angezogen und zur literarischen Darstellung bewogen hat. Sie hat den Lebensweg des Erbauers der Kathedrale von Santa Fé nicht erfunden. Angeregt wurde sie durch die Gestalt des Bischofs Jean-Baptiste Lamy (1814–1888). Lamy und Latour haben große Ähnlichkeit miteinander, und die Autorin hat sich bei der Zeichnung von Latours physischer und geistiger Gestalt nicht allein von der Biographie, sondern auch von den bildlichen Darstellungen des Bischofs Lamy – unter anderem der vor dem Eingang zur Kathedrale von Santa Fé errichteten Statue – leiten lassen.

Eine Fülle weiterer Anregungen ist in den Roman eingeflossen. Es handelt sich um Visionen, Legenden und Anekdoten von so diverser Natur, dass man die Fähigkeit der Autorin, sie bruchlos und oft gegenseitig sich erhellend in ein umfangreiches Erzählwerk einzufügen, nur bewundern kann. So arbeitet sie, um das Thema der Missionsarbeit und der damit verbundenen Probleme nachzeichnen zu können, mit dem Stilmittel des Kontrasts. Dem segensreichen Wirken der beiden Freunde steht beispielsweise der menschenverachtende Materialismus ihrer gefährlichen, weil egozentrischen Gegner Pater Martinez („in hohen, silbergespornten Stiefeln, einen breiten Mexikaner-Hut auf dem Kopf“) und Pater Lucero gegenüber. Martinez, ein begabter, geradezu charismatischer Prediger, schreckt vor Mord nicht zurück und verspottet, das Haus mit immer mehr eigenen Kindern füllend, den Zölibat als römische Perversität; der ihm in Hassliebe verbundene Lucero lebt dem Anschein nach in asketischer Schlichtheit, verbirgt aber unter dem Fußboden Gold- und Silberschätze. Beide widersetzen sich den Anordnungen des Bischofs und riskieren damit ein Schisma. Der erste stirbt reuelos, der zweite söhnt sich (vom unerbittlich mahnenden Pater Vaillant angetrieben) kurz vor dem qualvollen Krebstod mit seinem Schöpfer aus.

Von holzschnittartiger Schlichtheit ist die bestürzende Erzählung vom Leben und Tod des Bruders Baltazar Montoya, der sich auf einem Plateau in schwindelerregender Höhe in seiner Residenz zum Diktator über die ihm anvertrauten, allzu duldsamen Indianer aufschwingt. Zu Fall kommt er, als er während eines Festschmauses in einem Wutanfall seinen jungen Diener erschlägt. Ein letztes Mal wird er des faszinierenden Ausblicks auf die tief unter ihm liegende monderhellte Landschaft teilhaftig, bevor ihn die Indianer am nächsten Tag abholen und nach einem rituellen Wurfspiel von der Klippe stürzen. Doch auch bei der Beschreibung solch dunkler Gestalten hütet sich Willa Cather vor billiger Schwarz-Weiß-Zeichnung. Selbst dem Bruder Baltazar mit seinen Lastern des Jähzorns und der Völlerei nimmt sie nicht einen Rest inneren Adels: „Er war ein stolzer, alter Spanier und es steckte eine gewisse Festigkeit tief in seinem wohlgenährten Körper. Er war gewohnt zu befehlen, nicht zu betteln, und er erhielt sich den Respekt seiner indianischen Vasallen bis zum Ende.“ Das Element des Tragischen kommt zum Vorschein, wo Menschen glauben, das göttliche Gebot dem eigenen physischen Wohlergehen unterordnen zu dürfen.

Versteckte Belehrung (das „docere“) geht einher mit Unterhaltung (dem „delectare“). Lustspielhafte Züge begegnen in dem Roman auf Schritt und Tritt: So das von Bischof Latour und der Autorin selbst belächelte Geschick des Paters Vaillant, wenn es darum geht, den geizigen Rancheros Pesos, Reittiere und Wertgegenstände abzuluchsen, um sie in den Dienst seines missionarischen Wirkens zu stellen. Den Einklang von stilistischer Brillanz und meisterhafter Charakterisierungskunst zeigt in dieser Hinsicht vielleicht am besten das sechste, der ebenso attraktiven wie eitlen Dona Isabella gewidmete Kapitel.

Bischof Latour hatte „einen einzigen weltlichen Ehrgeiz: Er wollte eine Kathedrale in Santa Fé erbauen, die einer so schönen natürlichen Lage würdig sei“. Vornehme Zurückhaltung verbietet ihm, sich wie sein Freund Pater Vaillant aufs Betteln zu verlegen. Doch spricht sich sein Wunsch unter ihm wohlgesonnenen Rancheros herum, so dass einer von ihnen, Antonio Olivares, verspricht, dem Bischof binnen Jahresfrist die Durchführung seines Planes zu ermöglichen. Doch Olivares stirbt nur wenige Wochen später, und sein Vermögen geht an seine Frau, Dona Isabella, und deren Tochter. Auch sie gehören zum Freundeskreis der beiden Geistlichen, und es versteht sich, dass sie den Willen des Verstorbenen erfüllen werden. Doch sie haben nicht mit dem Widerstand der Brüder des Antonio Olivares gerechnet, die nun versuchen, einen großen Teil des Erbes widerrechtlich an sich zu raffen. Dabei machen sie sich die Eitelkeit der auf ihr jugendliches Aussehen stolzen Witwe zunutze, indem sie bestreiten, dass sie die Mutter ihrer erwachsenen und im Gegensatz zu ihr recht reizlosen Tochter sein könne. Die Schlinge zieht sich zu um die beiden Damen.

Aus der Sicht der beiden Geistlichen wäre das Problem mühelos zu lösen, nicht aber aus der von Dona Isabella. Für sie wäre es eine Schande, öffentlich einräumen zu müssen, sie habe (allen von ihr selbst genährten Gerüchten zum Trotz) die Fünfzig bereits überschritten. Pater Vaillant gerät außer sich. Im Beisein des Freundes wirft er Dona Isabella sündhafte Eitelkeit vor, die das Andenken ihres verstorbenen Mannes und das Ansehen der Kirche zu schänden drohe. Bischof Latour schiebt ihn sacht beiseite und verdeutlicht der tief Getroffenen in freundlichen Worten die Folgen ihres Tuns. Von seiner Sanftmut bezwungen, gibt sie unter Tränen ihr Geburtsdatum preis, und die Grundsteinlegung für die Kathedrale kann erfolgen.

Gewiss: Dieses sechste Kapitel ist ein umwerfend komisches Intermezzo, eine Goldgrube für Lustspieldichter, und mancher Leser wird es als solches goutieren. Doch ist es mehr als das. Es zeigt, wie sehr die Missionare auf die finanzielle Unterstützung der Gläubigen angewiesen sind; es zeigt auch, auf welch unterschiedliche Weise (bis zur Grobheit unverblümt der Pater Vaillant, wohlwollend und diplomatisch der Erzbischof) die beiden Geistlichen ihre störrische Herde – schließlich mit Erfolg – zu leiten wissen.

„Der Tod kommt zum Erzbischof“ gehört zur Weltliteratur. Das „Time“-Magazin rechnet ihn heute zu den 100 besten englischsprachigen Romanen des 20. Jahrhunderts. Aber schon 1930, als der erste Amerikaner (Sinclair Lewis) den Literaturnobelpreis erhielt, erklärte dieser, dass nicht er, sondern Willa Cather ihn verdient hätte.

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