Wie sich Glaube mit Rationalismus verbindet

Auch dreihundert Jahre nach seinem Tod fasziniert die Spannweite der Wissensgebiete von Gottfried Wilhelm Leibniz. Von Felix Dirsch

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) gilt als einer der letzten Universalgelehrten. Diese Bezeichnung ist insoweit richtig, als er die wesentlichen Wissensbestände seiner Zeit überblicken konnte und zahlreiche von ihnen weiterdachte. Was die Nachwelt an ihm faszinierend fand, war nicht nur die ungeheure Breite der Wissenschaftsdisziplinen, die er beherrschte, sondern sein chronologischer Blick nach hinten wie nach vorne. Er kannte die philosophische Tradition aus Antike und Mittelalter in exzellenter Weise und prüfte mit messerscharfem Blick, was davon zu bewahren ist und was nur zeitbedingte Gültigkeit beanspruchen kann. Kein Denker früherer Jahrhunderte hat für die diversen Computertheorien des letzten Centenniums und der unmittelbaren Gegenwart Vergleichbares geleistet. Vor allem die binäre Codierung ist grundlegend – und das sowohl für die Funktionsfähigkeit des Computers als auch für moderne Gesellschaftstheorien wie diejenige Niklas Luhmanns. Einstein partiell vorwegnehmend, hat er die Absolutheit des Raumes hinterfragt, anders als Newton. Wenn geniale Geister wie John von Neumann oder Konrad Zuse in den Jahren bald nach dem Zweiten Weltkrieg eine etwaige Simulierung des Universums im Computer theoretisch durchdachten, griffen sie auf weit zurückliegende Vorarbeiten Leibniz' zurück.

Eine Auswahl von Leibniz' wissenschaftlichen Leistungen ist zu erwähnen: Er verfasste umfangreiche Werke zu den Themenbereichen Logik, Modalität, Zeichen und Sprache. Gerade diese Felder wurden im 20. Jahrhundert wieder aufgegriffen. Besonders ein herausragender Gelehrter wie Ludwig Wittgenstein hat die Bedeutung von Leibniz' Forschungen wieder zum Leben erweckt und ihre Aktualität hervorgehoben. Unsterblich wurde er als Philosoph, der die bis heute diskutierte Monadenlehre entwarf. Doch Leibniz verdanken wir einiges mehr. Er wirkte als Erfinder, Ingenieur und Wissenschaftsorganisator. Letzteres stellte er als Begründer einiger Wissenschaftssozietäten unter Beweis. Zum dreihundertsten Todestag 2016 wurden ihm einige Ausstellungen gewidmet. Eine davon, im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum, beschäftigte sich mit Modellen, die er konzipierte. Sie sollten dem wissenschaftlichen Fortschritt dienen. Sein eigentlicher Beruf als Jurist in Diensten des Hofes von Hannover war alles andere als ein Nebenjob, wie man aufgrund seines riesigen OEuvres meinen könnte. Auch zur Verfassung des Heiligen Römischen Reiches publizierte er. Weiter wirkte er als Ireniker in einer Zeit starker konfessioneller Zwistigkeiten. Obwohl Protestant, unterstützte er die jesuitische Mission in China, die bekanntlich fehlschlug – zum großen Schaden für das Christentum in dieser Region bis heute.

Gründlicher Kenner des Leibniz'schen Werkes zu werden, ist eine Lebensaufgabe. Der emeritierte Berliner Philosoph Hans Poser stellt sich dieser Herausforderung schon seit Jahrzehnten. Zum Gedenkjahr hat nunmehr der Herausgeber Wenchao Li Arbeiten Posers, die an unterschiedlichen Orten erschienen sind, kompiliert in einem Band versammelt. So ist auch dem Laien ein fundierter Überblick über Leibniz' Schaffen möglich, fokussiert auf die innere Einheit von Metaphysik und Wissenschaft bei dem Jahrhundertgelehrten.

Beeindruckend auch für den heutigen Zeitgenossen ist, wie differenziert Leibniz seine Theoreme begründete. Man nehme als Beispiel lediglich die Modallehre, die Poser in einem Aufsatz überaus vielschichtig darstellt. Leibniz gliederte das Seiende in Notwendiges, Wirkliches und Mögliches. Jeder dieser Modi findet seine Basis in logischen Begrifflichkeiten, die Leibniz mit einer Akribie entfaltete, die ihresgleichen sucht. Vor dem Hintergrund einer solchen Vorgehensweise kam er zum Resultat, unsere Welt sei die „beste aller Welten“. Von Voltaire bis Schopenhauer ist dieses Diktum häufig mit Spott übergossen worden, und doch besitzt es einen realen Grund, wenn man die reale Lebenswelt für einen Moment außer Acht lässt und das imponierend logisch konstruierte Gedankengebäude nachvollzieht. Für den begeisterten Rationalisten wie Leibniz war das durchaus einleuchtend. Ebenso wie später für Hegel hätte er auf den Einwand der Diskrepanz zwischen der erfahrenen Realität und dem logisch Abgeleiteten geantwortet: „Umso schlimmer für die Wirklichkeit …“

Leibniz zählt – im Gegensatz zur Traditionslinie der englisch-schottischen Aufklärungstradition – zur rationalistischen Richtung des frühneuzeitlichen Denkens. Er setzte sich nachhaltig mit Descartes ausein-ander, auf dessen Schwachstellen er trotz aller Hochschätzung hinweist. Überraschend für manche heutige Rezipienten dürfte sein, dass für ihn die Existenz Gottes einen integrativen Bestandteil seiner Reflexionen darstellte. Während die Monadenlehre zu den am besten bekannten Teilen seines Schrifttums zählt und heute noch zahllose Veranstaltungen darüber an philosophischen Seminaren stattfinden, ist seine Unterstützung der jesuitischen Mission in China weithin vergessen. Poser will diesen Aspekt des Leibniz'schen Wirken ebenfalls würdigen. In seinen Briefen schreibt Leibniz, es sei erfreulich, dass mit der Förderung des wissenschaftlichen Denkens auch der christliche Glauben in dessen Gefolge Einzug halte. Er war davon überzeugt, dass das Christentum mit einer gewissen Aufgeschlossenheit für wissenschaftlich-rationalistische Erkenntnis einhergehe. Die Verbreitung des Glaubens in China betraf Aspekte der Theologia rationalis, in deren Kern er eine Vernunftethik sah. Anders als empiristisch orientierte Aufklärer, etwa David Hume, betrachtete er es als möglich, die Spaltung von (Vernunft-)erkenntnis und praktischem Handeln, also von Sein und Sollen, im göttlichen Ordo zu überwinden.

Posers Schrift ist eine vorzügliche Einführung in das Denken eines der Großen der Philosophiegeschichte gelungen. Die Texte sind allesamt gut lesbar. Jedoch ist zu beachten: Bei einem Gelehrten vom Schlage Leibniz' ist es selbstverständlich, dass die Lektüre, besonders wenn keine Fachkenntnisse vorliegen, langsam erfolgen muss, egal ob Primär- oder Sekundärliteratur rezipiert wird.

Hans Poser: Leibniz' Philosophie. Über die Einheit von Metaphysik und Wissenschaft. herausgegeben von Wenchao Li, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2016, 528 Seiten, EUR 36,–

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