Wie Orden künftig Bildung tradieren

Haben Ordensschulen in Zeiten fehlenden Ordensnachwuchses noch eine Perspektive? Von Stefan Sieprath
Internat Kloster Metten
Foto: dpa | Das Bildungsangebot in Ordensschulen ist unersetzlich.

Ende einer Ordensschule: Soeben haben Abrissbagger die Gebäude des ehemaligen Internats des Vinzenz-Pallotti-Kollegs bei Bonn dem Erdboden gleichgemacht. Das Gymnasium in Trägerschaft der Pallottiner hat seine Pforten endgültig geschlossen, nachdem die Anzahl der Patres in Schule und Unterricht immer weiter zurückgegangen war. Flächendeckend belasten fehlender Nachwuchs und überalterte Gemeinschaften die Orden und Kongregationen in Deutschland, was nicht ohne Folgen für die Ordensschulen bleiben kann. Müssen wir uns daran gewöhnen, dass die Schließung von Ordensschulen in Zeiten mangelnden Ordensnachwuchses eine zwingende Konsequenz darstellt? Der Gedanke drängt sich aktuell auf, zeigt doch die im Raum stehende Schließung von acht Schulen im Erzbistum Hamburg, dass, trotz der ohne Zweifel vorhandenen Sondersituation in dem Nordbistum, die Schließung von katholischen Schulen kein Tabu mehr darstellt. Wie ist die Situation der Ordensschulen in Deutschland aktuell, haben diese Schulen eine Perspektive?

Bei der Gruppe dieser Schulen handelt es sich um ein fast alle Schulformen umfassendes System, immerhin 196 Ordensschulen oder Schulen in Ordenstradition sind derzeit in der ODIV, der Ordensdirektorenvereinigung, organisiert.

Laienlehrkräfte müssen sorgfältig ausgesucht werden

Ein Blick in die Geschichte der Ordensschulen offenbart zunächst eine jahrhundertealte, reichhaltige Tradition. Ordensschulen gehörten und gehören zu den prägenden Elementen der katholischen Schullandschaft, eine kaum überschaubare Vielfalt an Orden und Kongregationen, bestehend aus Schwestern, Patres oder Brüdern, dominierten das Trägerwesen des katholischen Schulwesens vor allem in der Vergangenheit. Aber bereits seit Mitte der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gingen manche Ordensgemeinschaften dazu über, ihre Trägerschaft wegen personeller oder finanzieller Auszehrung in die Hände der Bistümer zu geben. Die heute vorzufindende Anzahl der Bistumsschulen entstand so erst sukzessive. Aber auch die meisten Ordensschulen, die nicht in Bistumshand übergingen, blieben von dem Fortgang der schleichenden, partiell existenzbedrohenden Entwicklung nicht verschont. Diese resultiert, wie angedeutet, vor allem aus dem zurückgehenden Ordensnachwuchs, aber auch aus der nicht immer vorhandenen Bereitschaft mancher jüngerer Ordensleute, in den aktiven Schuldienst zu gehen. Sukzessive wurden, anders als in früheren Zeiten, die Lehrerkollegien längst überwiegend mit Laienlehrern besetzt.

Die Abläufe im Kontext vieler Ordensschulen weisen dabei unübersehbare Parallelen auf: Zurückgehender Nachwuchs des hinter der Schule stehenden Ordens oder der Kongregation insgesamt, eine damit einhergehende Überalterung der Gemeinschaft, unter anderem daraus resultierend eine gegen Null tendierende Anzahl an Ordensleuten, die als Lehrkräfte zur Verfügung stehen, die Übergabe auch der Schulleitung in Laienhand, gleichzeitig kein Ordensnachwuchs, der aus der Schülerschaft der eigenen Schule erwächst; schließlich eine aus diesen Elementen resultierende, schwindende Kraft und Bereitschaft mancher Schwestern und Patres, als Schulträger einer eigenen Schule fungieren zu wollen. Trotzdem, und das ist das Interessante, die Schulen leben und tun ihren Dienst. Allerdings, nur mit zum Teil einschneidenden Veränderungen können viele für die Zukunft aufgestellt werden. Und da sie über kein gemeinsames Trägerfundament verfügen, sind die Situation und die Lösungsmodelle vielfältig und unübersichtlich. Zum Teil hängt es von wenigen engagierten Verantwortlichen im Orden, partiell auch von der Schulleitung, ab, welcher Weg beschritten wird und wie nah der Orden rechtlich und faktisch an der Schule verbleibt.

Die wirtschaftliche Sicherung der einzelnen Schulen gehört an nahezu allen Standorten zu den prioritären Zielen, da sie als Basis für eine erfolgreiche Arbeit und Profilsicherung unerlässlich ist. Was die wirtschaftlichen Fundamente und die Trägerstrukturen betrifft, haben Ordensschulen die Veränderungen, die die letzten Jahrzehnte mit sich brachten, in sehr unterschiedlicher Weise verarbeitet. Auch aktuell sind manche Ordensgemeinschaften, die zum Teil ein hohes Durchschnittsalter aufweisen, mit Fragen der Veränderung der Finanzierung ihrer Schulen oder der Schulträgerstruktur beschäftigt. Sie haben beispielsweise eine Stiftung gegründet oder haben der Stiftung sogar die Trägerschaft übergeben. Da nur die Erträge einer Stiftung für ihren Zweck zu nutzen sind, ist auch dieser Schritt nicht immer ein einfacher. Manche Schulen werden sogar von interessierten Kommunen, die ihre Schülerinnen und Schüler versorgt wissen wollen, teilfinanziert, was aber auch keine Garantie für die Ewigkeit darstellen muss und immer neuer Verhandlungen bedarf. In Süddeutschland haben Ordensschulträger ihre Schulen in einen Trägerverband eingebracht und können so Verwaltungsaufgaben konzentrieren. So ziemlich jedes dieser Modelle hat seine Vor-, aber auch seine Nachteile. Ein großer Rückhalt ist gegeben, wenn ein finanzstarkes Bistum im Rücken steht, das den Eigenanteil übernimmt, was aber längst nicht in jeder Kirchenprovinz der Fall ist. Immerhin, das ist erfreulich, man kann die bisherigen Bestrebungen insgesamt auf die Formel „Sicherung geht vor Schließung“ bringen.

Die Laienlehrkräfte sind in Zeiten abnehmender Ordenspräsenz in den Schulen auch bei der Ausprägung des religiösen Profils – im Unterricht und außerhalb desselben – deutlich stärker gefordert. Dies bedeutet, dass bei ihrer Auswahl mit noch größerer Sorgfalt auf eine entsprechend vorhandene Bereitschaft und Religiosität geachtet werden muss, was nicht immer einfach ist. Wenn die Laienlehrkräfte sich ihrer diesbezüglichen Verantwortung bewusst sind und wenn sie von verbliebenen Ordensleuten sakramental und adäquat spirituell begleitet werden, ist ein entscheidender Faktor für eine Sicherung des Profils der Schule gewährleistet.

Welcher Ausblick ist möglich? Die Ordensschulen stellen ein zu heterogenes Gebilde dar, um alle auf einen Nenner bringen zu können. In einer Zeit, in der sich Kirche in Deutschland alles andere als im Aufschwung befindet und in der junge Ordensleute zu einer seltenen Spezies gehören, spricht vieles für die Prognose, dass es einerseits auch weiterhin vieler Anstrengungen bedarf, um die zahlreichen Standorte gut für die Zukunft aufzustellen, dass aber andererseits aus den bisherigen Erfahrungen heraus trotzdem eine Perspektive für viele Ordensschulen gegeben ist. Auch in Zukunft werden unterschiedliche Finanzierungs-, Trägerschafts- und Profilvarianten die Ordensschullandschaft prägen. Viele Ordensgemeinschaften sind gewillt, den weiteren Weg mit ihrer Schule zu gehen. Es ist aber auch davon auszugehen, dass weitere Gemeinschaften ihre Trägerschaft zugunsten eines anderen Trägermodells aufgeben werden. Manche dieser Orden und Kongregationen werden rechtlich und personell trotzdem in der neuen Trägerstruktur vertreten sein, manche werden sich auch ganz zurückziehen. Was das für das spezifische Profil bedeutet, wird von Fall zu Fall zu beobachten sein. Es fällt auf, dass Schulschließungen bisher die Ausnahme geblieben sind; der positive und konstruktive Wille, die Schulen zu erhalten, und die Flexibilität der Verantwortlichen sind an vielen Standorten zu spüren.

Unveränderte Tatsache ist: Die immer noch zahlreichen Ordensschulen erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit bei Eltern und Schülern. Und aus dem Blickwinkel eines wachen katholischen Blicks liegt der unschätzbarere Vorteil dieser Schulen auch weiterhin darin, dass sie der Kirche die Möglichkeit gewähren, an 365 Tagen im Jahr, minus Ferien und Wochenenden, in Kontakt mit Kindern und Jugendlichen – sowie deren Eltern – zu kommen. Ein Kontakt, der fruchtbringend sein kann, wenn er entsprechend gefüllt wird, wenn die Schulen glaubwürdig als Katalysatoren für Bildung und Erziehung aus katholischer Quelle fungieren. Eine Aufgabe, die allen Verantwortlichen in den Bistümern, Orden und in den Schulen selbst klarmachen sollte: Auf die Ordensschulen sollte man keinesfalls verzichten.

Ist die Präsenz von Ordensleuten an einer Schule gegeben, wird den Schülern alleine schon durch den täglichen Kontakt eine Lebensform und ein Ideal offeriert, das über die zumeist rein säkularen Zielsetzungen unserer Welt und Zeit entscheidend hinausweist. Bringen auch die Laienlehrkräfte ihren – ohne Zweifel abgestuften – Beitrag zu einem lebendigen katholischen Schulprofil ein, so ist für die Zukunft die Sicherung von katholischem Schulleben in der Tradition und Spiritualität des jeweiligen Ordens eine realistische Perspektive. Ja, auch aus diesen Schulen gehen längst nicht alle Jugendlichen als praktizierende Katholiken hervor, und auch den Weg ins Priesteramt oder in die Orden finden nur wenige. Aber wer überschaut wirklich, wie viele Samenkörner vielleicht im Verborgenen oder erst in fernerer Zukunft aufgehen? Und selbst wenn nur fünf oder zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler von Ordensschulen einen dauerhaften Weg in ein katholisch fundiertes Leben finden sollten - will man auf sie auch noch verzichten? Ein Fazit ist möglich: Der Abrissbagger auf dem Gelände einer Ordensschule sollte die absolute Ausnahme bleiben!

Der Autor ist Fachdezernent für Katholische Religionslehre an Gymnasien für die Bezirksregierungen Köln und Düsseldorf.

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