Wie man Großes klein kriegt

„Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss bei den Salzburger Festspielen macht Regiemängel durch Thielemanns Dirigierkunst mehr als wett. Von Oliver Maksan

„Früher hatten die Frauen Kinder. Heute haben sie seelische Probleme“: Man kann die Richard-Strauss-Oper „Die Frau ohne Schatten“ durchaus als Vertonung dieses zeitdiagnostischen Diktums des Geschichtsphilosophen Oswald Spengler hören. Hugo von Hofmannsthal, der das Libretto nach seinem gleichnamigen Kunstmärchen schrieb, hat die atomisierende, grundstürzende Kraft der Moderne gerade im gewitterschwülen Wien mit voller Wucht gespürt.

Die Prinzessinnen der untergehenden Monarchie lagen bei den Kutschern, die Bürgerinnen auf Freuds Sofa. Hysterisch, flirrend, schrillgelb ihr Gemütszustand. Die Folge von verlorengegangenen Selbstverständlichkeiten und Bindungen, in dessen Folge das Ich ohne Umwege angezielt – und damit notwendig verfehlt werden musste. Davon singt Straussens Oper, entstanden zu Zeiten des Ersten Weltkriegs, 1919 uraufgeführt. Darin muss die feengeborene Kaiserin ihren Gatten vor der Versteinerung bewahren, die ihm droht, weil ihr der Schatten, also die Mutterschaft, zum vollen Menschsein fehlt. Durch List und Tücke ihrer dämonischen Amme hat sie Aussicht, der in ihrer Ehe mit Barak unglücklichen Färberin den Schatten abzunehmen.

Die Frau ohne Schatten, das ist die Unfruchtbare, den Ungeborenen das Leben Wehrende, aus dem natürlichen Zusammenhang der Geschlechter wie der Geschichte Herausgefallene: die moderne Frau, die an ihrer aseptischen Außenhaut endet. Dass am Schluss die gnadenhaft vermittelte Läuterung der Beteiligten steht, Ehe und Familie hymnisch besungen werden, das Gattenglück gepriesen wird: die Färberin jauchzt: „dienend, liebend, dir mich bücken, Kinder, Guter, dir zu geben“ – muss auf das durchschnittliche Regisseursbewusstsein provozierend wirken.

Christof Loy nahm den ihm von den Altvorderen hingeschleuderten Fehdehandschuh denn auch auf und warf ihm eine erwartbare Lesart des Stückes entgegen. Aus der Vollendung der Färberin (Evelyn Herlitzius leiht ihren expressiven Sopran und bleibt dabei fabelhaft artikuliert) etwa, die bereit war, Mutterschaft und Ehe für irdisches Glück dranzugeben, am Ende dann aber ihren zuvor verachteten Gatten Barak (der Bariton Wolfgang Koch singt mit großer, weicher Fülle) von Herzen lieben lernt, wird ausweislich des Programms eine Frau, für die in der „Gesellschaft“ keine „alternativen, liberaleren Rollenmuster“ bereitstanden. Hofmannstahl habe zudem eine reaktionäre Sichtweise gehabt.

Individualismus wird apologetisch gefeiert

Sein Dramaturg Thomas Jonigk assistiert ihm: mit der Figur der von der Amme (Michaela Schusters Mezzosopran ist farbig, aber unverständlich) versuchten, dann aber geläuterten Färberin verliere sich das Individuelle im patriarchalen Auftrag. Eine groteske, das Libretto und die es begleitende Musik völlig verfehlende Deutung dies: Geht es Hofmannsthal gerade um die Vollendung des – männlichen wie weiblichen – Individuums durch höheren Auftrag und Berufung, sieht der Zeitgeist die Vollendung in der Autonomie.

Bei der Salzburger Premiere am Freitag wurde denn auch eine Inszenierung vorgelegt, die den von Hofmannstahl kritisierten Individualismus apologetisch feiert. Auf der Bühne steht eine Bühne. Bühnenbildner Johannes Leiacker hat die Sophiensäle Wiens aufgebaut, darin seinerzeit bekannte Plattenaufnahmen gemacht wurden. Die Beteiligten sind nicht mehr Kaiser und Kaiserin auf den seligen Gefilden der südöstlichen Inseln, sondern deren Darsteller in Straßenkleidung nach Art der Fünfziger (Kostüme von Ursula Renzenbrink). Karl Böhms legendäre Einspielung der „Frau ohne Schatten von 1955 wird nachgestellt. Distanz zum Stück und seinem Stoff durch Historisierung.

Gewiss, man kann die Bühne als Ort der Bewährung sehen, darauf die Beteiligten ihren Egoismus, das Glück auf Kosten der anderen zu erzwingen, sittlich überwinden. Loy geht es aber vor allem um die Perspektive der Kaiserin – von der Sopranistin Anne Schwanewilms mit strahlender Fokussierung gesungen. Er setzt sie als junge Sängerin in Szene, die bald nicht mehr zwischen Traum und Realität unterscheiden kann, die den Kampf für den versteinernden Kaiser (Stephen Goulds Tenor ist sicher, bleibt aber farblos) mit dem Engagement und der künstlerischen Bewährung im Ensemble gleichsetzt.

Auch das wäre noch als Aktualisierung des von Hofmannsthal gestifteten Mythos lesbar, wenn nicht am Ende die Kaiserin bei der Premiere in der Premiere mit offenem Mund den sich in Zeitlupe vollziehenden Applaus der Schauspieler entgegennehmen würde und nicht glauben kann, wie ihr geschieht. Da ist keine die Schuld fürchtende Kaiserin zu sittlicher Größe gereift, da hat jemand eine Casting-Show gewonnen, es „geschafft“ und sein kleines, allzu kleines Glück gefunden. Dabei „sah“ man all das auf der Bühne nicht wirklich. Loys Konzept des heraufkommenden Zeitalters wurde zudem der Vielfalt der Bilder des Stücks nicht gerecht – und langweilte dementsprechend durch Statik. Unterinszeniert, weil uminterpretiert. An Hofmannsthals Vorlage lag der Mangel an Zauber nicht. Götz Friedrichs 1992er Interpretation der „Frau ohne Schatten“ in Salzburg zeigt, dass es auch anders geht.

An der schwachen Inszenierung konnte auch die überzeugende Führung der Personen und deren griffige schauspielerische Charakterisierung nichts mehr ändern, die zu beherrschen Loy in Salzburg schon 2009 mit Händels Theodora unter Beweis gestellt hatte. Es war deshalb vor allem am Dirigenten Christian Thielemann, der „Frau ohne Schatten“ eine Brücke zu den Sinnen zu bauen. Ihm gelang es mit den Wiener Philharmonikern, die ganze harmonische Fülle und Dramatik Straussens, mühelos von Expression zu Transzendenz wechselnd, zu erzeugen, die der Inszenierung selbst fehlte, der „die letzte romantische Oper“ (Strauss über sein Werk) aber so dringend bedarf.„Die Frau ohne Schatten“ in Salzburg 2011: Eine unfreiwillig konzertante Aufführung, die den in die Kühle der Nacht Heraustretenden dennoch von Klangwundern beseligt entließ.

Weitere Aufführungen am 4.8, 14.8., 17.8. 21.8., jeweils um 18.00 Uhr

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