„Wie kaum ein anderer mit dem geschundenen Menschen befasst“

Verschobene Fronten im Streit um die Hrdlicka-Ausstellung im Wiener Dommuseum

Dass ein bekennender Atheist und Kommunist sich, wenngleich eigenwillig, so doch jahrzehntelang künstlerisch mit biblischen und kirchengeschichtlichen Motiven auseinandersetzt und bekennt, er sei „wie besoffen von der Bibel“, ist ungewöhnlich genug. Dass diesem Künstler, der offiziell der altkatholischen Kirche angehört, ohne in dieser beheimatet zu sein, im Wiener Dom- und Diözesanmuseum eine große Ausstellung eingeräumt wird, darf und soll Aufsehen erregen und Kontroversen auslösen. Doch die Fronten der Skandalisierung sind zeitdiagnostisch interessant: Alfred Hrdlickas öffentlich geäußerte Hochschätzung der Bibel und seine geradezu schwärmerischen Äußerungen über die kirchliche Kunst („Die Tagespost“ berichtete am 13. März auf Seite 10) bewirkten weder katholischen Jubel noch laizistischen Spott oder atheistischen Unmut.

Stattdessen veröffentlichte das stets der Polemik zugeneigte Internetmagazin „kreuz.net“ die als pornografisch inkriminierten Ausschnitte aus den in Wien ausgestellten Hrdlicka-Kunstwerken, um einen „Blasphemie-Skandal im Wiener Dommuseum“ zu dokumentieren. Dann brandmarkte auch noch die zu Berlusconis Medienimperium gehörende italienische Zeitung „Il Giornale“ die Ausstellung unter dem Titel „Religion, Fleisch und Macht. Das Religiöse im Werk von Alfred Hrdlicka“ als „verheerende Wunde für den christlichen Glauben“.

Am Mittwoch nahm nun der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, selbst Stellung: Hrdlicka sei „einer der bedeutendsten lebenden Künstler Österreichs“ und habe sich „wie kaum ein anderer Künstler mit dem leidenden und geschundenen Menschen befasst und zur ,Compassion‘ mit der ,Passion‘ eingeladen“. Dieses Mitleiden drücke der Bildhauer in seinem Werk „in erschütternder Weise aus“. Deshalb, so Kardinal Schönborn, habe er der Ausstellung im Wiener Dommuseum zugestimmt, ohne die einzelnen Ausstellungsgegenstände zu kennen. Differenzierter als die bisherigen Kritiker der Ausstellung merkte Schönborn zugleich an, der Künstler beachte in einzelnen seiner Werke „die unbedingte Schwelle der Ehrfurcht vor dem Heiligen nicht“.

Kardinal Schönborn wörtlich: „Unter seinen Werken sind auch solche, die vom Standpunkt des gläubigen Christen klar abzulehnen sind. Selbstverständlich hätte ich der Präsentation von Werken, die blashemisch oder pornographisch sind, nicht zugestimmt. Ich bedauere es daher ausdrücklich, dass ein Bild dieser Art – ohne mein Wissen – in der Ausstellung zu sehen war. Dieses Menschen in ihrem Glauben verletzende Bild wurde auf meine Veranlassung hin am 20. Mai entfernt.“ Bei dem Bild, das am Gründonnerstag aus der Ausstellung entfernt und der Galerie des Künstlers zurückgegeben wurde, handelt es sich um die Radierung „Santa Maria delle Grazie – Leonardos Abendmahl, restauriert von Pier Paolo Pasolini“ aus dem Jahr 1989. Die Radierung ist eine Hommage des Künstlers an den homosexuellen italienischen Regisseur Pasolini und zugleich an Leonardo, von dem Hrdlicka meint, dass er ebenfalls homosexuell gewesen sei. Das Bild verfremdet Leonardos Abendmahlsszene zu einer offensichtlich homosexuellen Orgie, nimmt aber auch eine Kreuzesszene mit hinein.

Hier ist die Grenze dessen, was Christen sich von einem nichtchristlichen Künstler an kritisch-suchender künstlerischer Auseinandersetzung mit biblischen Motiven zumuten lassen wollen, weit überschritten. Dieser Meinung war offenbar auch Kardinal Schönborn, der nach der Kritik der Ausstellungsgegner jedoch nun von Seiten der Ausstellungsbefürworter kritisiert wird. „Einzig und allein Kunstfremden schien das Projekt befremdlich“, schrieb Ulrich Weinzierl am Mittwoch in „Welt online“ und wirft dem Wiener Erzbischof vor, einer „offenkundig gelenkten Kampagne“ auf den Leim gegangen zu sein: „Der Intellektuelle Schönborn besitzt viele Qualitäten, für die Stärke seines Rückgrats ist er nicht gerade bekannt.“ Weinzierl weiter: „Leider müssen wir den katholischen Kunstfreund Schönborn darauf hinweisen, dass das 1990 uraufgeführte Priesterdrama seines Künstlerfreundes Peter Turrini ,Tod und Teufel‘, wenn er es mit jenem absolut kunstwidrigen Blick betrachtete wie jetzt Hrdlicka, weitaus ,blasphemischer oder pornographischer‘ wäre.“

So zwischen alle Fronten geraten – hier jene, die kein Verständnis für das künstlerische Suchen haben, dort jene, die kein Verständnis für die Grenzen des guten Geschmacks und die unverzichtbare Ehrfurcht vor dem Heiligen haben – bekommt die Ausstellung Verteidigung von unerwarteter Seite: Ausgerechnet der sonst so strenge Sittenwächter Martin Humer, in Österreich als „Pornojäger“ bekannt, zeigte sich von der Hrdlicka-Ausstellung beeindruckt. Humer hatte vor einigen Jahren ein tatsächlich unsäglich perverses Bild des Otto Mühl – nach Eigendarstellung als Beitrag zur Aktionskunst – „zugenitscht“, also übermalt. In einem untypischen Anflug von Pluralismus veröffentlichte das sonst die Hrdlicka-Schau skandalisierende „kreuz.net“ eine überraschende Stellungnahme von Humer, in der es heißt: „In den Werken spürte ich das Ringen eines Menschen, dem noch nicht der Durchbruch und Aufstieg zu Jesus Christus gelungen ist.“

Nicht viel anders sieht das doch auch Kardinal Schönborn: „Hrdlicka hat sich zeitlebens intensiv mit biblischen Themen befasst, besonders mit dem Leiden Christi. Er sagt von sich, er sei Kommunist und Atheist. Er hat dennoch ein brennendes Interesse an der Bibel, und er hat nach eigenem Bekunden Sehnsucht nach dem Glauben.“

Ob durch diese Kontroverse um seine Kunst, um Blasphemie versus künstlerische Freiheit, um Ehrfurcht und religiöse Gefühle der Appetit des bibellesenden Atheisten Alfred Hrdlicka auf den christlichen Glauben und die Kirche gewachsen ist? Bei einem eigenwilligen Querdenker wie diesem 80-jährigen Bildhauer und Maler kann man das nie wissen.

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