Wie kann man nur „erlöst“ leben?

Erlösung ist nichts Statisches: Der Mensch muss diesem Geschehen immer wieder zustimmen. Von Stefan Ahrens

Das Osterfest ist gefeiert – und während heutzutage meist die unvermeidlichen sozialen und ökologischen Themen die Predigten beherrschen, dürfte es auch hier und dort um das Thema des Erlösungswerkes Christi für den Menschen gegangen sein – neben der Auferstehung des Herrn sicherlich der Hauptaspekt des Ostergeschehens. Aber seien wir einmal ehrlich: Welche Christgläubigen fühlen sich – auf lange Sicht – denn tagein, tagaus wirklich „erlöst“? Denker wie Nietzsche hatten da so ihre Zweifel – aber nicht nur die. Auch sich selbst als fromme Christen betrachtende Zeitgenossen erleben die Frohe Botschaft von der (nach christlichem Glauben bereits erfolgten!) Erlösung des Menschen als in einem nahezu unauflöslichen Spannungsverhältnis mit eben dieser Welt stehend: den Erfahrungen von Gewalt, Krieg, Hass, Lüge, Hunger, Krankheit, Elend und Unterdrückung, die tagein, tagaus auf uns hereinprasseln und die einen geradewegs dazu verleiten müssen, sich die berühmte, jahrhundertealte Theodizee-Frage – also die Frage nach der Güte und Allmächtigkeit Gottes – zu stellen. Wird der christliche Glaube, wird nicht gar Gott selbst, täglich, beinahe stündlich, durch eben diese Lebensrealität unwiederbringlich widerlegt? Gilt nicht für viele eine Haltung a la „Wir würden schon gerne an die Erlösung des Menschen glauben, aber ganz so einfach ist es dann halt doch nicht?“

Der Mensch muss diesem Erlösungsgeschehen immer wieder aufs Neue willentlich und aktiv zustimmen – täglich, stündlich, minütlich, sekündlich. Und daran scheitert er immer wieder aufs Neue – was in seinem Leben (beziehungsweise dem von Milliarden Menschen) zum Begehen neuer Sünden führt und innerhalb der Welt neue, unübersehbare Spuren der Verwüstung hinterlässt. Woran liegt dieses immer wieder erneute Scheitern des Menschen in Bezug auf seine eigene Erlösung und Sündhaftigkeit? Da ist zum einen dessen Willensfreiheit zu nennen: Gott schuf den Menschen ja nicht als ja-sagende Marionette oder Befehlsempfänger, sondern als freies Wesen mit einem freien Willen. Dieser freie Wille sollte es dem Menschen ermöglichen, zu den Geboten Gottes und Gott selbst freiwillig Ja sagen zu können. Wenn er dieses jedoch nicht kann oder will, dann dauert es nicht lange und er „verfehlt sein Ziel“ (was das griechische Wort für Sünde – hamartia – wortwörtlich übersetzt bedeutet). Und zum anderen kann es äußere Anfechtungen oder Eintrübungen der Seele eines Menschen geben – und hieraus resultierende Wirkungen: Zorn, Neid, Stolz, Wollust, Habgier, Unmäßigkeit, Überdruss – haben wir eine der sieben Hauptsünden vergessen aufzuzählen?

Interessanterweise galt gerade bei den Kirchenvätern und frühen Mönchen der letztgenannte „Überdruss“ (acedia) als das Haupteinfallstor für alle anderen Sünden. Die acedia, so wussten beispielsweise die ägyptischen Wüstenväter, war deshalb so besonders heimtückisch, da diese von vorübergehendem Müßiggang über Traurigkeit und Melancholie sich innerhalb kürzester Zeit zu einem regelrechten Lebensekel und Willen zum Nichts entwickeln konnte, so dass es am Ende geschehen kann, dass „der Mensch letztendlich seinem eigenen Sein nicht zustimmt.“ (Josef Pieper) Die Wüstenväter und nahezu alle auf sie folgenden Mönchsbewegungen entwickelten deshalb das abwechslungsreiche, den Benediktinern zugeschriebene „ora et labora“, also den beständigen Wechsel zwischen körperlichen und geistig-geistlichen Tätigkeiten für ihren Lebensalltag. Dem Leben Sinn und Abwechslung geben – eine zeitlose Erkenntnis der ersten christlichen Mönche. Bleibt die Frage: Wie kann man heutzutage der acedia und anderen Hauptsünden wirklich und nachhaltig entgehen? Die Antwort lautet: Indem man sich auf den Weg des Glaubens und der damit verbundenen göttlichen Weisheit einlässt. In Form der wohltuenden Kraft des Gebetes. Durch den kontinuierlichen Empfang der immer wieder aufs Neue Heil spendenden Sakramente. Einer nicht nachlassenden Liebe gegenüber Gott, dem Nächsten und sich selbst. Sich zu bemühen, Gottes Gegenwart zu vergegenwärtigen. Und dem Einüben einer ganz besonderen Tugend, welche ebenfalls von den frühen Mönchen als gewissermaßen die Haupttugend überhaupt angesehen worden ist: der Demut. Ein aus dem Gebet, den Sakramenten, der Nächstenliebe und der Demut gelebtes Leben ist erlöstes Leben.

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