Wie Islamisten die freien Gesellschaften spalten

Der französische Soziologie Gilles Kepel analysiert die neue Bruchstelle in Frankreich und Deutschland. Von Jürgen Liminski
Gewalt in Pariser Vororten im Jahr 2005
Foto: dpa | Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen in den Pariser Vorstädten, wie zuletzt im Vorort Bobigny zwischen Nordafrikanern und Polizisten.

Gilles Kepel gehört zu den führenden Soziologen und Orientalisten Frankreichs. Seine Bücher über den Islam und insbesondere die radikalen Formen dieser religiösen Ideologie haben erheblich zur Aufklärung der französischen Öffentlichkeit und darüber hinaus beigetragen. Kepel ist deshalb auch ein viel gefragter Interviewpartner, besonders nach den vielen Attentaten islamistischer Terroristen in Frankreich mit den insgesamt 239 Todesopfern. Jetzt hat er zahlreiche Interviews im Radio zu einem neuen Buch verarbeitet, sozusagen als erklärende Chronologie des Terrors. In diesem Buch zeigt sich die glückliche Symbiose zwischen den Schwerpunkten seiner Forschungsarbeit: Islam und Soziologie.

In diesem Sinn berührt Kepel auch den Lebensnerv Frankreichs. Jede Gesellschaft der freien Welt hat ihre Brüche, historische, soziale, politische. Das ist eine logische Folge des freiheitlichen und pluralistischen Systems. Die Frage ist aber, ob diese Brüche so tief sind, dass die Klammer der Gesetze und juristischen Verfassung des Staates nicht mehr ausreicht, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Kepels Analyse über den Bruch und Frankreichs gespaltene Gesellschaft spürt anhand des islamischen Denkens und Terrors diesem Zusammenhalt nach. Es ist das Verdienst dieses Buches, die Realität schonungslos aufzuzeigen: Der Bruch von heute ist nicht zu kitten.

Nach Kepel besteht der Bruch darin, dass der Dschihadismus, der radikale Islam, die Gesetze der freien Welt nicht anerkennen will, das auch nicht kann, und dass ein Teil des traditionellen französischen Establishments sich mit dem Islam gemein macht, ihn sogar benutzen will, um eine neue Klammer für den Staat zu formen.

Dieser Teil des politisch-medialen Establishments steht links und zwar in der Tradition des reformistischen Sozialismus, aber mit den immer noch nicht überwundenen revolutionären Elementen. Die Sozialisten Frankreichs haben eben kein Godesberg erlebt oder erfahren. Außerdem ist der Atheismus, das heißt die Fremdheit gegenüber jeder Religion, eher in sozialistisch-kollektivistischen Denkgebäuden zuhause als bei Konservativen. Mit anderen Worten: Linke Politiker neigen dazu, religiöse Elemente zu relativieren, nicht selten auch zu verharmlosen. Was zählt, ist das materielle Wohlergehen, die Gleichheit durch Verteilung der Güter bis in die Banlieus. Man mag an Kepels These bemängeln, dass er das Buch zu schnell aus einer Serie von Radiointerviews garniert mit einem längeren Vorwort zusammengeschustert hat, dass er in dem Vorwort oder einem zusätzlichen Kapitel nicht tiefer in die Geschichte des französischen Bruchs hinabgestiegen ist, also bis zur Großen Revolution 1789, der eigentlichen Zäsur in der Geschichte dieser Nation und auch Europas. Denn in der Zeit der Großen Revolution entstanden nicht nur die ideologischen Bruch-Begriffe von links und rechts in der damaligen Nationalversammlung, sondern auch die soziologischen Verwerfungen zwischen Bürgergesellschaft und Revolutionären, zwischen Umbruchgenossen und Loyalisten, zwischen System- und Königstreuen und egalitär gesinnten Sozialisten. Diesen Bruch hat Frankreich nie wirklich heilen, immer nur mit Integrationsgestalten übertünchen und klammern können. De Gaulle hat deshalb das Präsidialsystem geschaffen, den republikanischen Monarchen. Etliche Autoren, allen voran der große Staatsrechtler Maurice Duverger, haben auf diese Zäsur in der Geschichte der Grande Nation und ihre fortdauernde Wirkung im politischen Leben (es gab nie eine breite Mitte) hingewiesen. Dieses Kapitel wird Kepel noch in einem weiteren Buch schreiben müssen.

Das (historische) Manko schmälert aber nicht das Verdienst des vorliegenden Buchs. Es beschreibt die Aktualität der Bruchgeschichte. Kepel zeigt auf, dass bei der Linken zumal Schuldkomplexe wegen der kolonialen Vergangenheit zu Verdrängungsmechanismen geführt haben, die blind machen gegenüber den totalitären Gefahren des Islam. Mehr noch, die Linke sieht in den Muslimen der Banlieus und im Islam allgemein ein neues Proletariat. Kepel folgert: „Sie werden als abstrakte und einheitliche Kategorie verstanden, deren soziale, kulturelle oder gar religiöse Ausdifferenzierungen, wie es sie in jeder menschlichen Gemeinschaft gibt, außer Acht gelassen und für den islamistischen Ausdruck einer Minderheit gehalten werden, die die Slogans der Salafisten, Muslimbrüder und Dschihadisten vermischt und deren Authentizität umso größer ist, als sie den Westen anprangert.“

Kepel macht mit Fakten und Belegen Schluss mit dem Ideal einer heilen multikulturellen Gesellschaft, der islamistische Terror habe Frankreich an seiner „Achillesferse“ getroffen, die totalitäre dschihadistische Weltanschauung ziele auf „Europa, den weichen Unterleib des Westens“, getreu „dem Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand, den der syrische Ingenieur Abu Musab al Suri 2005 ins Netz stellte“. Mit wenigen Skizzenstrichen vermag er es immer wieder, Hintergründe aufzuhellen, zum Beispiel über eben diesen syrischen Ingenieur: „Al Suri ist in Frankreich ausgebildet worden, in Spanien eingebürgert und lange in Londonistan wohnhaft gewesen, um die Jahrtausendwende ein Hafen für Islamisten aus der ganzen Welt.“

Für die deutsche Ausgabe des Buches hat Kepel in einem eigenen Kapitel einen hochinteressanten Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland mit Blick auf diese neue „proletarische Ersatzklasse“ gezogen. Er erklärt, warum rote und grüne Parteien versucht sind, sich aus ähnlichen, historischen Verdrängungsmechanismen dem Islam anzunähern, ja sich des Islams anzunehmen als Teil der westlichen Gesellschaft, ohne den totalitären Kern dieser religiösen Ideologie wahrzunehmen. In diesem Zusammenhang ordnet er erhellend die Begriffe „Islamophobie“ oder „Antisemitismus“ ein, zieht gemeinsame Linien zur Entstehung der EU aus dem deutsch-französischen Kern und spart nicht mit Kritik an der Politik insgesamt, gerade auch der deutschen, der er im besten Fall Naivität vorwirft, hier und da auch ein gewisses Maß an Komplizenschaft mit den Vertretern des Islam in Deutschland. Kepel schreibt: „Das erinnert an die Schöngeister der Weimarer Republik, die Mein Kampf bei seinem Erscheinen im Jahr 1925 für die exaltierten Fantastereien eines talentlosen Malers hielten, oder an die reformistische Intelligenzija des ausgehenden Zarismus, die in Lenins Schrift Was tun? Von 1902 die Dummheiten eines vom Kaiser manipulierten Doktrinärs sahen.“ Und er warnt: „Es stimmt zwar, dass diese sozialen Phänomene der Gewalt eigenen Logiken gehorchen und oft mit den Lebensbedingungen marginalisierter Bevölkerungsgruppen in Zusammenhang stehen und damit der instabilen psychischen Verfassung der Täter. Aber dennoch ist es die Ideologie, die erst ein Aktionsbewusstsein weckt und die Art der Tat bestimmt, die die Grenzen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft und deren Feinde definiert und sogar den Modus der Vernichtung dieser Feinde regelt.“ Dieses Kapitel allein lohnt schon die Lektüre.

Die bestimmte Gemeinschaft ist für Kepel natürlich der Islam. Die anderen, vor allem die Radiointerviews, illustrieren mit einzelnen Aspekten die Hauptthese: Der radikale Islam, der von anderen Formen immer schwerer zu trennen ist, weitet und vertieft den Bruch der Gesellschaft. Seine Chronologie des Todes wird auch durch die „Blindheit der Politik“, die vielfach gewarnt wurde und auf umfangreiche wissenschaftliche Erkenntnisse zurückgreifen könnte, vermutlich fortgesetzt werden. Kepels Buch ist eine weitere Warnung. Ja, man spürt: Diese Ignoranz macht den Autor fast wütend. Und die Wut gilt nicht nur den Regierenden in Paris, sondern auch denen in Berlin. Denn im Kampf gegen die totalitären, weltweit ausgreifenden Formen des Islam sitzen alle freiheitlichen Gesellschaften im selben Boot.

Gilles Kepel: Der Bruch: Frankreichs gespaltene Gesellschaft. Kunstmann Verlag 2017, 280 Seiten, EUR 20,–

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