Wie finden wir in die Weite?

Benedikt XVI. sprengt die Kategorien von „konservativ versus modern“, indem er die Moderne annimmt, aber zugleich ihre Verengungen geschichtsbewusst und mutig aufbricht. In Berlin hielt er ein Plädoyer für mehr Weite. Von Stephan Baier

Das hatten die Bundestagsabgeordneten aller Couleur vom Papst wohl eher nicht erwartet: ein Plädoyer gegen Enge und für Weite, gegen Verkürzungen und Amputationen – für das Große und das Ganze. In Berlin wurde am Donnerstag klar: Dieser Papst ist nicht anti-modern oder vormodern, sondern er hat Aufklärung und Rationalismus, Moderne und Postmoderne in ein umfassenderes Verständnis unserer Zeit eingebaut, hat ihre Einseitigkeiten und Halbheiten durchschaut.

Fünf Verengungen brach der Papst in seiner Rede auf, zunächst jene – dem Publikum angemessen – der Politik: Ja, der Politiker dürfe den Erfolg suchen, doch müsse dieser dem „Mühen um Gerechtigkeit“ dienen. Wenn der Papst forderte, den politischen Erfolg „dem Maßstab der Gerechtigkeit“ unterzuordnen, dann hätte er sich dabei auf Aristoteles berufen können, für den die Gerechtigkeit der Beurteilungsmaßstab der Polis war: „Es ist gewiss nun klar, dass die Verfassungen, welche sich am gemeinschaftlich Nützlichen orientieren, gemäß dem schlechterdings Gerechten... die richtigen sind. Diejenigen aber, welche sich allein am Eigeninteresse der Herrschenden orientieren, sind alle Verfehlungen und Entartungen der richtigen Verfassungen. Sie sind nämlich despotische. Die Polis ist aber eine Gemeinschaft der Freien.“

Doch dazu wird die Polis erst, wenn Politiker den engen Raum der persönlichen oder parteiischen Interessen verlassen, um sich in den Dienst an der Gerechtigkeit zu stellen. Also weitete der Papst auch das Verständnis von Recht, das mehr ist als positiv gesetztes Recht. Die Mehrheit sei durchaus „ein genügendes Kriterium... in einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien“, meinte er elegant. Doch um die „Grundlagen des Rechts“ ist der Papst in Sorge, weil der Begriff des Rechts verengt wird.

Also zeigte der Papst, dass das Naturrecht nicht „eine katholische Sonderlehre“ ist, sondern zur „abendländischen Rechtskultur“ führte, weil sich das junge Christentum – wider alles „Offenbarungsrecht“, wider die vom Theologen Joseph Ratzinger vielfach entlarvte Sakralisierung des Politischen – auf die Seite der Philosophen, also der antiken Aufklärung schlug. Als Kronzeugen hätte der Papst den auch im Weltkatechismus zitierten Cicero anführen können, für den Gerechtigkeit keineswegs deckungsgleich war mit dem bestehenden positiven Recht: „Vollends töricht ist es aber, zu meinen, all das sei gerecht, was in den Einrichtungen oder Gesetzen der Völker festgesetzt ist... Es gibt nämlich ein allgemeines Recht, an das die Gemeinschaft der Menschen völlig gebunden ist und das ein allgemeines Gesetz zum Urheber hat. Und dieses Gesetz ist die wahre und richtige Vernunft bei Befehl und Verbot. Wer dieses Gesetz nicht beachtet, der ist ungerecht – gleichgültig, ob es irgendwo oder nirgendwo geschrieben steht.“

Cicero hatte gegen das, was wir heute Rechtspositivismus nennen, eine gute Argumentation: „Wenn also allein durch Beschlüsse von Völkern, durch Verordnungen führender Männer, durch Urteile von Richtern Recht begründet würde, wäre es Recht, Straßenraub zu betreiben, Recht, Ehebruch zu begehen, Recht, gefälschte Testamente unterzuschieben, wenn solches nur durch Bestimmungen und Beschlüsse gebilligt würde.“ Der Papst hatte eine im Berlin des Jahres 2011 noch überzeugendere Argumentation, nämlich die Erinnerung an die rechtspositivistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts: „Wir haben erlebt, dass Macht von Recht getrennt wurde, dass Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und dass der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande.“

Hier referierte Benedikt XVI. auch einen Gedanken des heiligen Augustinus, den dieser in „De Civitate Dei“ so illustriert hatte: „Treffend und wahrheitsgemäß war darum die Antwort, die einst ein aufgegriffener Seeräuber Alexander dem Großen gab. Denn als der König den Mann fragte, was ihm einfalle, dass er das Meer unsicher mache, erwiderte er mit freimütigem Trotz: Und was fällt dir ein, dass du das Erdreich unsicher machst? Freilich, weil ich es mit einem kleinen Fahrzeug tue, heiße ich Räuber. Du tust es mit einer großen Flotte und heißt Imperator.“ Das vom Papst auszugsweise zitierte Fazit des Augustinus: „Was anderes sind schließlich Reiche, wenn ihnen Gerechtigkeit fehlt, als große Räuberbanden? Sind doch auch Räuberbanden nichts anderes als kleine Reiche.“ In Auslegung dieses Wortes schrieb Kardinal Joseph Ratzinger vor mehr als einem Jahrzehnt: „Wo Gott ausgeschlossen wird, ist das Prinzip Räuberbande – in unterschiedlich krassen oder gemilderten Formen – gegeben. Das beginnt sichtbar zu werden dort, wo das geordnete Umbringen unschuldiger Menschen – Ungeborener – mit dem Schein des Rechtes umkleidet wird, weil es die Deckung des Interesses einer Mehrheit hinter sich hat.“ Im Bundestag erlaubte sich der Papst immerhin einen Warnhinweis auf die dramatischen Folgen: „Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen.“

Wider politische und ökonomische Interessen werden solche Wege aber nur dann nicht beschritten, wenn sich Politik an Gerechtigkeit orientiert und gleichzeitig weiß, was die „Natur“ des Menschen ist. Also erweiterte der Papst den heutigen Naturbegriff, eingeleitet durch ein Kompliment an die Öko-Bewegung: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann.“ Ob den Abgeordneten überhaupt auffiel, wie revolutionär der Papst „Natur“ hier verwendete, dass er forderte, nicht nur in der Umweltpolitik, sondern auch in Biomedizin und Gesellschaftspolitik auf die Natur zu hören? Mit „mehr Moral in der Politik“, wie manche Medien resümierten, hat das wenig zu tun. Es geht darum, den Allmachtswahn des Menschen zu stoppen und menschliches – also auch politisches – Wirken neu an der „schöpferischen Vernunft“, am „Creator Spiritus“ auszurichten.

Das setzt eine Ausweitung des Vernunftbegriffs voraus, für die Benedikt XVI. immer wieder – auch in seiner meist falsch verstandenen Regensburger Rede – plädierte. Wie in Regensburg begründete der Papst dieses Plädoyer mit realen Gefahren: Die öffentliche Diskussion hierüber sei „dringend“, denn die Verengung auf die positivistische Vernunft „verkleinert den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit“. Dem Papst geht es hierbei (wie in Regensburg) ausdrücklich nicht um ein akademisches Ringen, um eine philosophische Neuausrichtung. Er wittert Bedrohungen und Gefahren. Weil in Europa nur mehr der Positivismus Grundlage der Kultur und Rechtsbildung ist, rückt Europa „gegenüber den anderen Kulturen der Welt in den Status der Kulturlosigkeit“. Zugleich würden so „extremistische und radikale Strömungen herausgefordert“. Hellsichtig hat Benedikt XVI. damit analysiert, wie der über Jahrhunderte gewachsene Rechtsstaat in Europa verfällt, wenn er seine eigenen Wurzeln kappt.

An dieser Stelle wurde seine Ansprache im Deutschen Bundestag zur Europa-Rede, weil sich Europa – wider den globalen Trend – im Positivismus einmauert. Der Papst verwendete harte Bilder, um diese Verengung zu illustrieren, verglich die rein positivistische Vernunft mit „Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben“. Ähnlich wie einst Johannes Paul II. plädierte Benedikt XVI. in Berlin dafür, die Fenster wieder aufzureißen. Wozu? Um der Vernunft ihre Größe wiederzugeben, die Natur „in ihrer wahren Tiefe... und mit ihrer Weisung“ zu erkennen. Damit gab der Papst – auch hierin seinem Vorgänger ähnlich – Antworten auf die mittlerweile allzu offensichtliche Identitätskrise Europas. Indem er die Rückbezogenheit der Menschenrechte auf den Schöpfergott freilegte, wies er den Abgeordneten ein Gegenkonzept gegen die „Amputation unserer Kultur“. Einer Kultur nämlich, die „aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms“ entstand. Diese Begegnung brachte hervor, was wir Europa nennen.

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