Wie aus der republikanischen Tugend der Terror entstand

Die Janusköpfigkeit der Französischen Revolution in einer neuen großen Darstellung von Johannes Willms. Von Urs Buhlmann
Foto: dpa | Es droht Hungersnot: Hausfrauen versuchen zu Beginn der Französischen Revolution, die letzten Brote zu ergattern, nachdem es nur noch Kuchen geben sollte.
Foto: dpa | Es droht Hungersnot: Hausfrauen versuchen zu Beginn der Französischen Revolution, die letzten Brote zu ergattern, nachdem es nur noch Kuchen geben sollte.

Es gibt Themen, die nie aus der Mode kommen – die Französische Revolution, von manchen auch die Große Revolution genannt, gehört sicher dazu. Immer noch lassen sich neue Seiten an ihr entdecken, zum Beispiel, wenn man die Protagonisten selber zu Wort kommen lässt. Johannes Willms, der ehemalige Journalist und Erfinder des Fernsehformats „Das literarische Quartett“, ist als Frankreich-Spezialist bekannt. Er hat schon fast ein Dutzend Bücher zum großen westlichen Nachbarn vorgelegt, darunter gerühmte Biographien zu Napoleon, Talleyrand, Balzac und Stendhal. Sein neues Werk „Tugend und Terror“ ist eine Geschichte der Französischen Revolution und wohl sein opus magnum. Dieser große Wurf auf 800 Seiten lebt von den ungezählten Quellen, den Reden der Akteure, diplomatischen Memoranden und Tagebuch-Einträgen, die er unablässig zitiert, die viel von der dampfenden, aufgewühlten Atmosphäre vermitteln und dem Buch eine große Lebendigkeit geben.

Willms hat sicher recht, wenn er im Vorwort die geradezu „verstörende Aktualität“ der Revolution beschwört, denn seit 1789 haben sich ungezählte Berufene und weniger Berufene auf die französische Erhebung und deren Motive und Ziele bezogen. Mit Beklemmung erinnert man sich daran, dass die spießbürgerlichen Protagonisten des DDR-Unrechtsstaates sich in den Fußstapfen der Umstürzler des 18. Jahrhunderts wähnten, dass auch der Massenmörder Pol Pot einen Referenzpunkt im damaligen Geschehen fand. Aber nicht nur in allgemein-historischer Hinsicht wirkt die Revolution nach, in manchen Teilen Deutschlands gelten bis zum heutigen Tage Rechtsvorschriften, die direkt dem Code Civil oder anderen französischen Rechtssammlungen entstammen. Sie standen zwar dem germanischen Rechtsdenken im Prinzip entgegen, bewährten sich aber in der Praxis und überstanden so auch Änderungen der politischen Großwetterlage. Doch damit ist man schon in der napoleonischen Zeit angekommen, die – ironischerweise – wieder einen monarchischen Schlusspunkt zu den Umstürzen des vorangegangenen Jahrzehnts und zum Ende der bourbonischen Monarchie setzte.

Willms stellt uns zunächst die Krise der französischen Monarchie vor Augen, die schon beim Tod Ludwigs XV. 1774 offenkundig gewesen sei. Er hatte das Königtum der allgemeinen Verachtung durch seine Mätressenwirtschaft preisgegeben – Stichworte Pompadour und du Barry – die nicht nur die politische Initiative ins Serail verlagert, sondern auch ihren Anteil an der ausufernden Staatsverschuldung hatte. Aber das vorrevolutionäre Frankreich, das Ancien Régime – der Begriff ist wieder ein fortwirkendes Erbe jener Zeit – war nicht nur in Geldnöten, sondern überhaupt in schlechter Verfassung. Die diversen „Parlements“, zugleich Berufungsgerichte wie mitvollziehende Organe der Gesetzgebung (denn Gesetze und Verordnungen erlangten nur Rechtskraft, wenn die regionalen Parlamente zustimmten und sie zu den Akten nahmen), waren in der Lage, jeden staatlichen Akt zumindest zu verzögern. Die Mitglieder dieser Institutionen neigten mehrheitlich dem Gallikanismus zu, jener Lehre von der völligen Autonomie der französischen Kirche vom Papst.

Im 18. Jahrhundert trat dazu der Jansenismus, eine gegenreformatorisch beeinflusste Strömung, die „auf moralischem Rigorismus beharrte und die Unabhängigkeit individueller Verantwortung postulierte“ (Willms). Schon Ludwig XIV. beschuldigte die Jansenisten, verdeckte Republikaner zu sein. So war das Regieren seit den glorreichen Tagen des Sonnenkönigs nicht einfacher geworden. Der bei Regierungsantritt zwanzigjährige Ludwig XVI. – von seinem Vorgänger sorgfältig von allen Regierungsgeschäften ferngehalten – war charakterlich viel gefestigter als der fünfzehnte Ludwig. Aber seine politische Intelligenz war beschränkt, zugleich war er gerade wegen seiner Unerfahrenheit nicht gewillt, das Heft aus der Hand zu geben und trat umso bestimmter auf. Zwar kam es es in der ersten Phase seiner Regierung durchaus zu politisch richtigen Schritten, wie die gegen Großbritannien gerichtete Unterstützung der jungen Vereinigten Staaten, und zu sinnvollen Reformen, wie dem Ende des Zunftzwanges oder der Abschaffung der Folter; doch gelang es drei aufein-ander folgenden Finanzministern – Turgot, Necker, Calonne – nicht, die wirklich notwendigen radikalen Maßnahmen durchzusetzen, die im unübersichtlich bürokratisch-absolutistischen Staatswesen zu viele Partikularinteressen berührt hätten.

So war das bourbonische Frankreich wohl nicht mehr zu retten, als 1798 die Generalstände erstmals seit langer Zeit als umfassende Repräsentanz der Elite – in Klerus und Adel – aber auch des Besitzbürgertums – als Dritter Stand – zusammengerufen wurden. Die durchaus unterschiedlichen Interessen der drei Gruppen, die schon in der Vergangenheit gemeinsame Lösungen unmöglich gemacht hatten, fanden nur insofern zusammen, dass allen „eine tiefe Abneigung gegen das herrschende politische System und dessen Repräsentanten“ (Willms) zu eigen war. So hatte der König, der nur noch zu einer lavierenden Politik in der Lage war, seine Autorität eigentlich schon verloren, als am 14. Juli 1789 der Dritte Stand von Paris, der eine gar nicht zu unterschätzende Rolle im ganzen Geschehen hatte, die Bastille, die militärisch längst unwichtig gewordene Festung im Osten von Paris, stürmte. Von nun war alles möglich. Das Schicksal des Monarchen, der sich nach der neuen Verfassung nur noch „Roi des Français“, König der Franzosen, nennen konnte, war nach der ungeschickten Flucht des Königs und seiner Familie im Juni 1791, die in Lothringen zu Ende war, besiegelt. Willms schildert seine Hinrichtung am 21. Januar 1793 eher beiläufig – tatsächlich wurde die standhafte Haltung des einstigen Souveräns allgemein bewundert – wohl auch, weil diese Bluttat bereits in einer Kette von unablässigen größeren und kleineren Massakern stand: „Die mit dem Blut des Königs getaufte Republik vollendete nicht die Revolution, wie Thomas Paine gemutmaßt hatte, sondern mit ihr begann eine neue Etappe, die mit unaufhaltsamer Konsequenz ihre Selbstzerstörung einleiten sollte.“

Natürlich ist von nun an verstärkt die Rede von Robespierre, der von Willms als auf dem Weg zur Alleinherrschaft geschildert wird. Ein Einzelkämpfer von hoher Intelligenz und herausragender rhetorischer Begabung, gelang es ihm lange, Sprachrohr einer Mehrheit der neuen revolutionären Klasse sein, die sich jedoch aus völlig unterschiedlichen Flügeln zusammensetzte und permanent labil war. Es ist eine der Stärken von Willms' Buch, dass er uns die verschiedenen Protagonisten, ihre Motive und ihren Rückhalt in der Bevölkerung genau erklären kann. So wird auch deutlich, dass es selbst in den turbulentesten Jahren immer auch Anhänger einer konstitutionellen Monarchie gegeben hat, die der Autor zudem als die für Frankreich eigentlich sinnvolle Regierungsform benennt. Nicht ganz zu Unrecht, denn der heutige Präsident der Republik ist nichts anderes als ein republikanischer König.

Das Kapitel der Christenverfolgung, eine der mit besonders viel Blut geschriebenen Seiten der Revolutionszeit, wird von Willms in angemessener Weise behandelt. Es ging zunächst um Priester und Ordensleute, die nicht bereit waren, den Eid auf die Zivilverfassung des Klerus von 1790 abzulegen. Mit ihr sollte eine Nationalkirche ohne jede Verbindung nach Rom geschaffen werden, die die Kleriker zu Funktionären der Republik machte. Nachdem der Papst die Eidesleistung für unzulässig erklärt hatte, verweigerten ihn Tausende und nahmen Tod oder Verbannung dafür in Kauf. In der letzten Phase des Terrors sollte die Religion insgesamt ausgemerzt werden. Die Pariser Kommissare Collot d'Herbois und Fouché (ein früherer Oratorianer) taten sich bei den angeordneten Strafexpeditionen gegen Christen und andere Unbotmäßige besonders hervor. Mit Eisenschrott (mitraille) geladene Kanonen oder die auf der Loire praktizierte Methode der noyades – die an Händen und Füßen Gefesselten wurden auf flachen Transportkähnen umstandslos ins Wasser verklappt – waren „Erfindungen“ dieser grausamen Zeit. Natürlich hatte auch der „rasoir national“, die als Rasiermesser der Nation bezeichnete Guillotine, einen gehörigen Anteil an den massenhaften Exekutionen. Es liegt in der Natur derartiger Unrechtstaten, dass sie sich potenzieren, um im Blutrausch zu enden. Der bis ans Herz kühle Robespierre rechtfertigte dies, wenn er erklärte: „Terror ist nichts anderes als Gerechtigkeit, prompt, sicher und unbeugsam. Der Terror ist damit ein Ausfluss der Tugend.“

Das in der Tat schlagende Zitat wählte Willms als Titel für sein Buch. Doch, wie schon gesagt, wirkt die Revolution nach. Nicht nur der Gedanke, dass man andere Völker am Glück der zu republikanischer Mündigkeit befreiten Grande Nation teilhaben lassen sollte, dass man sie dazu auch durch Krieg „befreien“ darf – bewährtes Rezept totalitärer Staaten seitdem – stammt aus jener Zeit. Auch der in dem Bild-Wort „Die Revolution frisst ihre Kinder“ zum Ausdruck kommende unerbittliche Mechanismus wird in jenen Tagen des staatlich vorgeschriebenen Terrors zum ersten Mal formuliert – vom 1793 geköpften Pierre Vergniaud, einem der gemäßigten Politiker der sogenannten Girondisten. Alle großen Revolutionäre dieser Epoche, der „unbestechliche“ Robespierre, Saint-Just, Danton et cetera, mussten das erleben. So wurde über die Zwischenlösung des Direktoriums, die zwischen 1795 und 1799 amtierende, oligarchisch aufgebaute staatliche Autorität, der Boden bereitet für den Mann, der dann als Erster Konsul (ab 1804 als Kaiser) völlig zu Recht von sich sagen konnte: „Die Revolution ist zu Ende. Ich bin die Revolution“. Sein Aufstieg zur Macht und ein kurzes Résumé seiner Regierungszeit beschließen das imposante Werk von Johannes Willms, das die zur Zeit wohl beste deutschsprachige Darstellung jener nicht einmal zwei Jahrzehnte ist, die die Welt veränderten.

Willms hat unter Bewältigung eines fast schon unüberschaubaren Materials die Aufgabe glänzend gelöst, man langweilt sich auf keiner Seite. Dennoch zwei kritische Anmerkungen und eine Anfrage: Offenbar ist es diesem großen Frankreich-Kenner entgangen, dass die „Ruhr“, von der er zweimal spricht, das Flüsschen Rur ist, das einem immerhin sechzehn Jahre bestehenden französischen Departement im eroberten linksrheinischen Territorium den Namen gab. Wenn man so viele Ereignisse innen- und außenpolitischer Natur zu schildern hat, ist eine Zeittafel nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit – leider fehlt sie. Schließlich stellt sich die Frage, ob Willms neben der Fülle an zeitgenössischen Quellen auch neuere Sekundärliteratur zur Kenntnis genommen hat. Ein regelrechtes Literaturverzeichnis gibt es nicht.

Johannes Willms: Tugend und Terror – Geschichte der Französischen Revolution. Verlag C.H. Beck, München, 2014, 831 Seiten, ISBN 978-3-406-66936-1,

EUR 29,95

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