Wer am Ende der Zeiten kommt

Lesenswert: eine dicht gefasste Theologie der Geschichte von Kurt Anglet. Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
Foto: dpa | Apokalyptisch: An das Ende der Tage zu erinnern, ist Aufgabe und Trost jeder Generation.
Foto: dpa | Apokalyptisch: An das Ende der Tage zu erinnern, ist Aufgabe und Trost jeder Generation.

Das 20. Jahrhundert wird in seiner ersten Hälfte als apokalyptisches Jahrhundert in der europäischen Erinnerung haften. In der osteuropäischen Erinnerung lichtete sich die Nacht, die sich über den halben Kontinent gesenkt hatte, sogar erst 1989. Zwei Weltkriege und zwei tödliche Ideologien forderten einen unvorstellbaren Tribut an Menschenopfern. Daher erstaunt, wie selten in der Theologie auf die „Offenbarung des Johannes“ zurückgegriffen wurde, um dieses Entgleiten der Geschichte in die Vernichtung zu kommentieren. Der katholische Priester, Fundamentaltheologe und Dogmatiker Kurt Anglet in Berlin, Jahrgang 1950, hat dazu ein schmales, aber thematisch gewichtiges Buch vorgelegt, in welchem die Gründe für das Vergessen(wollen) der Apokalypse einsichtig werden: durch das Versagen einer im 19. Jahrhundert wurzelnden historistischen Theologie.

Politik kann nie innerweltlich vollendet sein

Im Zuge ihrer relativierenden Lesung der Heiligen Schrift, so Anglet, sind eindeutig formulierte Prophetien, aber auch Kriterien und Tröstungen anlässlich der Wiederkunft Christi als historisch bedingte Mythen „ausgesondert“ worden. Gleichermaßen wurde in den 1920er Jahren die Auferstehung Jesu durch Rudolf Bultmann als geschichtlich überholt „beiseite“ gelegt, wie es heute beim Sühnopfer Jesu geschieht. Bekannt ist der – kritisch gemeinte – Ausspruch des evangelischen Theologen Ernst Troeltsch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das eschatologische Büro bleibe geschlossen. Erik Peterson, der als christlicher Archäologe 1930 zur katholischen Kirche konvertierte, gehörte zu den ersten Theologen, die das Thema ernsthaft aufgriffen. Eher waren es Literatur und Philosophie, die zur „Fassung“ des unseligen Geschehens die Worte der Apokalypse nutzten. Anglet, der auch einer Forschungsgruppe zur literarischen Moderne angehört, nennt etwa Karl Kraus, der schon 1908 einen „Offenen Brief“ mit „Apokalypse“ überschrieb, oder Walter Benjamin, der in den 1940er Jahren an den messianischen Grundzug der Geschichte erinnerte, obwohl die Gestalt des Messias bei ihm unbesetzt und eine bloße „Idee“ blieb. 2011 aber habe der Kulturhistoriker Niall Ferguson im Angesicht vergangener und heutiger Schrecknisse die Frage wieder gestellt: „Naht das Ende aller Tage?“

Weil dieses Thema nicht an Sekten oder an eine verdrängt lauernde Angst verschenkt werden darf, versucht Anglet die Frage biblisch auszuleuchten. Und das nicht etwa nur unter dem Stichwort der Zerstörung. Vielmehr umgekehrt: Er schält das unverzichtbare Kerygma, also die Verkündigung durch Christi Leben und Worte heraus, als den wahren, sicheren Grund aller Geschichtstheologie. Gegen die genannten Entkernungen umkreist er in neun Kapiteln in aufsteigender Verdichtung die große, apostolisch bezeugte Mitte des Christentums: den Tod Jesu zur Sündenlösung und Entmachtung des Todes, die Auferstehung, die Wiederkunft Christi zur Vollendung der Schöpfung (vgl. 1 Kor 15,3ff). Die Schöpfungs- und Erlösungsordnung werde ein für allemal bestätigt: vom Ziel, der endgültigen Vollendungsordnung. Gedanklich geschieht demnach ein verfrühter Halt, wenn die apokalyptische Vision des Johannes theologisch ausgespart wird. Die alte Kirche wusste: „Der Tag der Versöhnung dauert für uns bis zur Vollendung der Welt.“ (Origenes)

Weder die naturwissenschaftliche Kosmologie noch die weltgeschichtliche Deutung, so Anglet, können das Verhältnis von Jetztzeit und Endzeit klären, vielmehr: Nur Christus weiß und setzt nach den Worten der Offenbarung ein „Ende“ dieser Geschichte. Niemals können Politik oder Geschichte ihrerseits eine innerweltliche Voll- endung – trotz aller ideologischen Verheißungen – erreichen. Vielmehr läuft innerhalb der Geschichte, seit Christi Auferstehung, eine stetig werdende Vollendung an. Dieses „Reich Gottes“ kennt allerdings die ebenso ständige Verzerrung durch das Reich der Götzen. Als dessen Propheten sieht Anglet vor allem zwei Protagonisten: Nietzsche mit seiner „Bruderschaft des Todes“ und Heidegger mit der wiederholten Aussage, der Tod bedeute „das höchste und äußerste Zeugnis des Seyns“ (in: Beiträge zur Philosophie, 284). Anglets Kommentar: „Doch macht sich kaum jemand klar, wohin die Verherrlichung von Tod und Untergang durch jene Geister führte, die nach wie vor hoch gehandelt werden, als wäre nichts geschehen.“

Wo es dagegen um die Vollendung des endgültigen Lebens geht, muss die Auferstehung Jesu durch den Tod hindurch als Angelpunkt der kommenden Welt herausgestellt werden. Auch hier leistet Anglet eine Augenöffnung, indem er im Tod Jesu den Ernst der Liebe Gottes aufdeckt. Wer selbst den Sohn hingibt, braucht kein zusätzliches „Gnädigstimmen“, vielmehr verweist Anglet auf den seit alters her österlichen Grundzug der Liturgie, das „freudige Danken für Gottes erbarmende Güte“. Es ist der Vater selbst, der sein Teuerstes gibt. So meint die Offenbarung des Johannes im tiefsten Sinn: das Offenwerden des Vaters. Das geht so weit, dass Johannes in seiner Einleitung nicht allein vom Kommen Christi spricht, sondern zugleich vom Kommen des Vaters.

Daher ändert sich der Grundzug der Prophetie vom Alten zum Neuen Testament: War die Prophetie Israels ein Vorhersagen des künftigen Messias, so ist die Prophetie im Magnificat Marias ein Preisen der Erfüllung: Schon begonnen hat die messianische Heilszeit. Die erste Prophetie wurde zur Schrift, die zweite zum Wort. Dieses Wort meint nicht allein den Logos selbst, sondern auch das Pneuma, das den Christen ermutigend und stärkend zur Auskunft über die Heilung der Welt gegeben ist. Solche Unterscheidungen helfen, die Aufgabe der Verkündigung zu denken, ebenso wie die Unterscheidung von „Erfolg“ und „Segen“ Mut macht (nach Theodor Haecker): Erfolg ist ein Begriff der Geschichte, und als solcher zweifelhaft; Segen aber kann geschichtliche Niederlage bedeuten, allerdings Fruchtbarkeit im Endgültigen.

Was die Niederlage angeht, so weisen Johannes, aber auch Paulus (2 Thess 2,3f) vor dem großen Kommen Christi auf das Auftreten des „Gesetzwidrigen“ hin, auf den „Sohn des Verderbens“. Kennzeichen ist seine theatralische Selbstinszenierung; er verbreitet Zwielicht, auch mit Hilfe eines „anderen Tieres“, das intellektuell und spektakulär die Massen blendet. Hier gibt es – über die Absicht des Autors hinaus – deutliche Fingerzeige auf Medien-Spektakel der jüngsten Vergangenheit: zum Beispiel die heute gängigen Verwirrspiele um das Geschlecht. „Anstatt hier mitzuspielen, hat die Theologie am Beginn des dritten Jahrtausends die Karten aufzudecken, das Spiel des Abgründigen zu entlarven.“

Anglet legt mit dieser Theologie der Geschichte – nach vielen lesenswerten Vorgänger-Schriften – eine solche Entlarvung vor, bleibt aber nicht bei einer scharfen Kritik der „theologischen Zunft“ in der Nachfolge der protestantischen Größen Harnack und Bultmann. Vielmehr schält er die unüberholbaren Geheimnisse der Gestalt Christi heraus, welche die Augenzeugen glaubhaft überliefern; sie sind schon Kritik genug, vor denen die historistischen Verflachungen verblassen. Die neun Kapitel lassen eine vermutliche Entstehung aus einzelnen Vorträgen erkennen, daher sind einige Verdoppelungen nicht vermieden. Damit werden aber auch Wahrheiten der Christologie wiederholt, die trotz ihrer dogmatisch unumstößlichen Gewichtigkeit heute immer wieder unterlaufen und verdünnt werden.

Mit Teilhard de Chardin, dem Autor des Göttlichen Bereichs, drängt sich am Ende der lohnenden Lektüre die Frage auf: Haben wir „die Wachtfeuer in unseren entschlafenen Herzen ausgehen lassen? (...) wie viele unter uns erschauern in der Tat bis auf den Grund ihres Herzens, wenn von der wahnwitzigen Hoffnung auf ein Umschmelzen unserer Erde die Rede ist? Wie wenige beugen sich inmitten unserer Nacht auf ihren Schiffen vor, um das erste Aufdämmern eines wirklichen Morgens zu erspähen?“ Es ist müßig zu streiten, wann und wie das Ziel erreicht ist: morgen? Oder ganz in der Ferne, für viel spätere Generationen? An das endgültige Ziel zu erinnern, ist Aufgabe und Trost jeder Generation. Nichts hilft so sehr gegen die Angst wie der wirkliche Herr der Geschichte, den Anglet freigelegt hat.

Kurt Anglet: Auferstehung und Voll-

endung. Echter Verlag, Würzburg 2014, 126 Seiten, ISBN 978-3-429-03683-6,

EUR 12,80

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