Wenn Weltreiche untergehen

Wer aus der Geschichte lernen will, benötigt einen differenzierten Blick – Auch wenn es um das Ende des römischen Reiches geht. Von Michael F. Feldkamp
Foto: IN | „Vernichtung“: Gemälde aus dem Zyklus „Der Weg des Imperiums“ des amerikanischen Landschaftsmalers Thomas Cole.
Foto: IN | „Vernichtung“: Gemälde aus dem Zyklus „Der Weg des Imperiums“ des amerikanischen Landschaftsmalers Thomas Cole.

Untergangsängste gibt es, seit der Mensch über Leben und Tod reflektiert. In dem Augenblick, als sich Menschen zu Familienverbänden, Gesellschaften und Staatsgebilden vereinigten, kannten sie auch Untergangsbedrohungen für ihre jeweilige Gemeinschaft. In der Bibel sind es Propheten, die vor dem Untergang von Städten und Reichen warnen, als Strafe Gottes. Die mit Abstand berühmtesten Untergangsszenarien finden sich in der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testaments. Auf Griechisch heißt es „apokalypsis“, was wörtlich mit „Enthüllung“ übersetzt werden muss. Apokalypse steht aber seitdem für Terror und Schrecken als Vorboten für einen nahenden Untergang.

Der wohl faszinierendste Untergang eines Reiches ist und bleibt das Ende des Römischen Reiches. Edward Gibbon war der erste, der sich damit grundlegend in seinem sechsbändigen Werk „History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ (1776–1788) befasste. Seine Geschichte reicht – wenn auch mit einer anderen Akzentuierung – in Anlehnung an Humanisten der Renaissance wie Flavio Biondo bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453. Gibbon hatte begriffen, dass mit der Teilung des Römischen Reiches in Ost- und Westrom zwar Westrom schon durch die Völkerwanderung bis 565 zerfallen war, aber Ostrom sehr wohl noch fast tausend Jahre weiter existierte. Als Grund für den Untergang erkannte Gibbon, dass dem römischen Kaisertum staatsrechtliche Vorkehrungen fehlten, die die Transformation der monarchischen Herrschaft in eine diktatorisch-despotische Herrschaft verhindert hätten. Der Konstitutionalismus des Patriziates bestand nur zum Schein und unterminierte lediglich den Freiheitswillen der Bevölkerung (nach Stefan Rebenich, in: Die Zeit, 11.12.2003).

Vor allem aber gab Gibbon, wie schon Voltaire, dem Christentum eine erhebliche Schuld am Untergang des Römischen Reiches, womit sein Werk, geleitet von den Grundsätzen der aufklärerischen „Vernunft“ und einem höhnischen Unterton, sich als ein entschieden antichristliches Machwerk gerierte. Das wurde begleitet von einer starken Verharmlosung der Christenverfolgung in der Antike. Der Klerus, davon war Gibbon überzeugt, hatte mit der neuen Lehre die Tugenden der Gesellschaft entwertet und den militärisch- kämpferischen Geist der Römer zerstört. Immerhin gab er zu: „Wenn der Niedergang des Römischen Reiches durch die Bekehrung Constantins beschleunigt wurde, so brach seine siegreiche Religion die Gewalt des Falls [des Römischen Reiches] und milderte die wilde Wut der Eroberer.“ In Ostrom, das sei hier angefügt, war das Christentum sogar stabilisierendes Element. Immerhin gesteht auch Gibbon ein, dass Roms Verfall eine natürliche, unvermeidliche Folge seiner übermäßigen Größe war. Im Einklang mit der moralischen Wertung zeitgenössischer antiker Autoren nannte Gibbon den Sittenverfall, den verderblichen Einfluss von Reichtum und Luxus sowie Entartungen und Zügellosigkeit in der römischen Armee.

Gibbon war der erste Historiker der Neuzeit, der es nicht bei einer breiten antiquarischen Darstellung des Untergangs des Römischen Reiches beließ, sondern die Geschichte für seine Zeitgenossen verfügbar zu machen suchte. Er betrachtete Europa als eine einzige Staatengemeinschaft und erklärte die angrenzenden „wilden Nationen“ als Feinde der zivilisierten Gesellschaft. Überraschend ist sein Optimismus und Fortschrittsglaube bei der Gegenüberstellung mit dem Römischen Reich – und das ausgerechnet am Vorabend der französischen Revolution. Er war davon überzeugt, dass die Römer das Ausmaß der Gefahren nicht erkannt hätten. Eine mit der germanischen Völkerwanderung vergleichbare Entwicklung hielt Gibbon für der Zukunft für ausgeschlossen. Zuversichtlich war er im Hinblick auf ein mögliches Abdriften der Herrschaft in die Tyrannei: Der gegenseitige Einfluss von Furcht und Scham hemme die europäischen Herrscher. Wollten Barbaren erneut Europa erobern, so müssten sie erst aufhören, Barbaren zu sein. Einen Rückfall der europäischen Völker in die Barbarei schloss er definitiv aus.

Angesichts zweier Weltkriege hatte es Gibbon mit dieser Analyse späteren Historikern, darunter vor allem Arnold Toynbee, leicht gemacht, ihm entschieden zu widersprechen. Technischer Fortschritt muss nicht mit moralischem Fortschritt einhergehen, wie hingegen Gibbon noch annahm. Und längst vermögen die Historiker unisono die positiven Leistungen des Christentums in dieser Zeit zu würdigen. Sie stellten inzwischen sogar fest: Die Christianisierung des Römischen Reiches hat seinen Weiterbestand weit hinausgezögert.

Schon Otto Seeck hat in seiner Studie „Geschichte des Untergangs der antiken Welt“ (1895–1920) betont, dass es mit der Verbreitung des Christentums durch das „semitische Volkstum“ geradezu „zu schöpferischen Leistungen gekommen“ war (U. Walter, in: FAZ, 1.10.2010). Das Inhaltsverzeichnis seines ersten Bandes verwies bereits auf die nach seiner Meinung Hauptursachen des Untergangs: „Germanen“, „Das römische Heer“, „Die Ausrottung der Besten“, „Sklaven und Klienten“, „Die Entvölkerung des Reiches“ und „Die Barbaren im Reich“. Das Versagen der Römer war Seeck zufolge schon in der römischen Republik grundgelegt, deren Bürgerkriege die mutigsten Krieger zermürbt hätten. Während der Kaiserzeit seien die Fähigsten des Reiches aus Angst vor Konkurrenz verfolgt und vernichtet worden. „Die Ausrottung der Besten“ nannte Seeck dieses Phänomen. So kommt er zu dem Ergebnis: „Bürgerkriege und Monarchenwillkür, Beamtenkorruption und Söldnerwesen, Askese und Glaubenseifer, sie alle wirkten zusammen, um jeden hochstrebenden Geist auszutilgen und ein Geschlecht von Feiglingen großzuziehen“ (zit. nach U. Walter).

Seit Ende des Ersten Weltkrieges ist der Untergang von Weltreichen vor allem aber mit dem zweibändigen Werk Oswald Spenglers verbunden: „Der Untergang des Abendlandes“ (1918-1922). Viel zitiert, aber selten gelesen, ist es nach Hegels Oeuvre eines der wirkmächtigsten geschichtsphilosophischen Bücher in Deutschland gewesen. Der Autor, bis dahin ein völlig unbekannter Privatgelehrter, versuchte, unter Anregung von Otto Seeck, Gesetzmäßigkeiten aus dem Untergang von Weltreichen festzustellen. Spengler zählte zu den Kulturpessimisten und Biologisten und schloss sich – anders als noch Seeck – den Lehren des Sozialdarwinismus an. Nietzsches Nihilismus und Goethes Morphologiebegriff übertrug Spengler auf die Geschichte.

Spenglers Werk, 1911 begonnen, erreichte zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung 1918 eine deprimierte Leserschaft, die durch den Ausgang des Ersten Weltkrieges und durch politische Umwälzungen dankbar seine Szenarien vom Aufstieg, von Erstarrung in der „Zivilisation“ und vom Fall der Hochkulturen zur Kenntnis nahmen. Losgelöst von den eurozentrischen Begriffen Antike, Mittelalter und Neuzeit teilte Spengler die Weltgeschichte in Hochkulturen ein und diagnostizierte für das Abendland, dessen Beginn er mit 900 n. Chr. ansetzte, einen ebensolchen Niedergang. Historisch kaum haltbar, löste er damit die Anfänge des Christentums in der Antike von der Geschichte des Abendlandes und ließ Kontinuitäten sträflich außer Acht.

Für seine eigene Gegenwart prognostizierte Spengler eine unausweichliche europäische Weltherrschaft und setzte seine Hoffnung auf ein Preußen-Deutschland, das die einstige Rolle Roms übernehmen sollte.

Wissenschaftler hatte Spengler mit seinem Werk, das aus genialisch-unverfrorenen Halbwahrheiten bestand (Hagen Schulze), nicht überzeugen können, aber doch mehr provoziert, als andere Populärphilosophen zuvor. Er nahm dem Leser den Fortschrittsglauben und befreite ihn von seinem eurozentrischen Geschichtsbild. Er kontrastierte „apollonische Antike“ und „faustisches Abendland“. Spenglers Betrachtungen galten als Musterbeispiel einer mythisch überhöhten Geschichtsschreibung, deren apodiktischer Stil schon zeitgenössisch befremdlich wirkte.

Immerhin hatte Spengler den Begriff „Abendland“ in der Weimarer Republik bei Anhängern wie Gegnern zu seiner einzigartigen Prominenz verholfen, die bis heute reicht und nicht selten in populistischer Weise in Verbindung mit einem Untergang der abendländisch-europäischen Kultur verwendet wird und Gefahr läuft, abnutzt und politisch einseitig missbraucht zu werden.

Viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als die europäische Einigung längst ein Erfolg geworden war, triumphierten deutsche Historiker wie Hagen Schulze in seinem Essay „Die Wiederkehr Europas“ mit Blick auf Spengler: „Der Untergang des Abendlands ist vertagt.“ Die Untergangsszenarien und Prophezeiungen Spenglers hatten sich nicht erfüllt. Die Dekadenz der „Goldenen Zwanziger Jahre“, der Triumph europäischer Diktatoren und der selbstzerstörerische Zweite Weltkrieg einschließlich des Völkermords an den Juden hatten Europa noch immer nicht verfallen lassen.

Gerade mit Blick auf die derzeitige Flüchtlingsbewegung nach Europa haben die Völkerwanderung und ihr Beitrag am Untergang des Römischen Reiches erneutes Interesse geweckt. Offenbar trug, wie gezeigt werden konnte, die Völkerwanderung aber nur teilweise zum Untergang des Römischen Reiches bei.

Mit Völkerwanderung wird jene Bewegung germanischer Stämme zwischen Eindringen der Hunnen und der Eroberung von Adrianopel durch die Westgoten (373/378) sowie der Langobarden (568) in das Römische Reich bezeichnet. Tatsächlich gab es aber auch schon 400 Jahre zuvor massive Wanderungsbewegungen in Mitteleuropa. Sie fanden in Rom durch Caesars Siege und den Bau des römischen Limes ab 80 n. Chr. keine besondere Aufmerksamkeit, waren zunächst einmal erfolgreich abgewiesen oder waren nie als ernste Bedrohung angesehen worden.

Auch mit der Gründung des Langobarden-Reiches unter König Alboin in Italien war die germanische Völkerwanderung längst noch nicht abgeschlossen. Die Nord- und Ostseeküsten wurden noch Jahrzehnte später von den Wikingern durch „Schiffswanderungen“ in Besitz genommen. Unabhängig von innerrömischen Entwicklungen, die bislang hauptsächlich für den Untergang Roms verantwortlich gemacht werden, hat die Völkerwanderung den Untergang Roms sekundiert und mag ihn vielleicht sogar beschleunigt haben, war aber nicht ausschlaggebend.

Der Reiz der griechisch-römischen Zivilisation mit ihrem Reichtum und Wohlstand, ein attraktiver Solddienst in der römischen Armee, die Bevölkerungsexplosion sowie wirtschaftliche Schwierigkeiten, mit Mangelernährung und inneren Streitigkeiten unter den germanischen Völkern als Folge, werden neben Klimawandel und Naturkatastrophen als Auslöser für den Einfall der germanischen Stämme in das Römische Reich genannt.

Neben der Beschleunigung der Auflösung des römischen Imperiums zeitigte die Völkerwanderung ein zweites Ergebnis, nämlich die Entstehung neuer germanischer Staaten weit weg vom Stammland mit einer Mischung der germanischen mit der einheimischen Bevölkerung. Die ersten dieser germanischen Reiche waren Staatsgebilde innerhalb des römischen Reiches, die den Zuwanderern angewiesen worden waren und wo sie nach eigenen Rechtsvorschriften lebten. Es waren gewissermaßen Staatsgebilde innerhalb des römischen Reiches. Dass sich auch die neuen germanischen Staaten nicht lange gehalten haben, lag daran, dass deren Oberschicht zu klein war und die germanische Stammesordnung, begründet aus dem Personalverband von Sippe und Familie, den gesellschaftspolitischen Erfordernissen in den alten römischen Territorien auf Dauer nicht gewachsen waren.

Von den germanischen Stämmen der Völkerwanderung haben sich letztlich nur die Franken durchgesetzt, die mit der „translatio imperii“ unter Karl den Großen die endgültige Tilgung des weströmischen Reiches betrieben haben. So gerieten am Ende der Völkerwanderung plötzlich Länder in den Mittelpunkt, die am Rande oder sogar außerhalb des Römischen Reiches lagen.

Erst jüngst hat der Althistoriker Alexander Demandt darauf hingewiesen, dass die Römer selbst keine ethnische Nation bildeten und von Alters her fremdenfreundlich waren. Bei all ihren Eroberungen – auch außerhalb des Mittelmeerraums – gelang es ihnen schon zur Zeit der Römischen Republik, die örtliche Bevölkerung der eroberten Gebiete einschließlich ihrer Eliten in ihre Rechtsgemeinschaft und Zivilisation einzubinden. Eine bessere Integration war kaum vorstellbar. Schon unter Kaiser Konstantin gelangten Germanen in höchste Offiziersränge des römischen Heeres, was dazu führte, dass bei kriegerischen Auseinandersetzungen der Römer nicht selten Germanen gegen Germanen kämpften.

Trotz aller Integrationsbemühungen der Römer hatten die Germanen im gesamten Reich allmählich die militärische und dann auch die politische Führung übernommen, während die Kaiser in ihren Palästen wie in goldenen Käfigen die Verbindung zu ihrer Armee und damit ihre Macht verloren. Nur so konnte es passieren, dass mit Odoaker ausgerechnet ein weströmischer Offizier mit germanischem Migrationshintergrund 476 n. Chr. den letzten Kaiser des weströmischen Reiches in den Ruhestand setzte und selbst als Herrscher Italiens (rex Italiae) unter oströmischer Anerkennung weite Teile Westroms regierte.

Erst zuletzt am 22. Januar 2016 hat Alexander Demandt in der FAZ darauf hingewiesen, dass überschaubare Zahlen von Zuwanderern sich sehr wohl in das Römische Reich haben integrieren lassen. Sobald aber eine kritische Menge überschritten und die Zuwanderer als eigenständige handlungsfähige Gruppe agierten, „verschob sich das Machtgefüge und die alte Ordnung löste sich auf“. Pikanterweise erschien dieser Zeitungsartikel Demandts deswegen in der FAZ, weil die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung den Beitrag für ihre Publikationen zuvor abgelehnt hatte, mit der Begründung, der Beitrag könne in der aktuellen politischen Situation missinterpretiert werden.

Wer aus der Geschichte lernen will, für den darf es Denkverbote nicht geben und der darf sich wissenschaftlicher Erkenntnisse und Einsichten nicht verschließen, am wenigsten aus Gründen einer falsch verstandenen political correctness.

Themen & Autoren

Kirche