Wenn jegliche Ordnung außer Kontrolle gerät

Die Ausstellung zur „Schwarzen Romantik“ in Frankfurt beweist, in welchen Dämmerzustand die Verstiegenheit in Fantasien führt. Von Alexander Riebel
Foto: Staedel | Sprengt alle romantischen Sehgewohnheiten: Samuel Colmans „Vor dem Weltuntergang“ (1836/38) in einem fiktiven London.
Foto: Staedel | Sprengt alle romantischen Sehgewohnheiten: Samuel Colmans „Vor dem Weltuntergang“ (1836/38) in einem fiktiven London.

Die Empfindungen der Romantiker hatten eine völlig andere Intensität als unsere heutigen. So fällte der Dichter Heinrich von Kleist ein erstaunliches Urteil über das Bild „Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich: „Das Bild liegt mit seinen zwei oder drei geheimnisvollen Gegenständen wie die Apokalypse da, als ob es Youngs Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit, nichts als den Rahmen zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als ob einem die Augenlider weggeschnitten werden.“

Bei beiden Künstlern, bei Kleist wie bei Friedrich, gibt es das tiefe Gefühl der Verunsicherung, die das vorangehende klassische Zeitalter noch aufhalten konnte. Es ist ein künstlerischer Raum entstanden, in dem sich das Geheimnisvolle, das Leidenschaftliche, Unsagbare, aber auch zuweilen grausam Überwältigende Platz verschaffte. Es ist eine Sprachlosigkeit eingetreten, über die Maurice Maeterlinck in seinem Essay „Das Schweigen“ schrieb: „Wollt ihr euch jemandem wahrhaft hingeben, so schweiget; und wenn ihr euch fürchtet, mit ihm zu schweigen, so flieht ihn... Wir sprechen nur in den Stunden, wo wir nicht leben.“ Dieses Schweigen ist das Sich-hineinträumen in die Welt der Schatten, in das Bedrohlich-Irreale. Schwarze Romantik heißt die Geistesströmung, die solch gleichermaßen Erhabenes und Schreckliches hervorgebracht hat. Vorstellung und Realität verschmelzen hier ineinander, und so konnte Novalis sagen: „Himmlischer, als jene blitzenden Sterne, dünken uns die unendlichen Augen, die die Nacht uns öffnet.“

Die Ausstellung „Schwarze Romantik – Von Goya bis Max Ernst“ im Staedel Museum Frankfurt – es ist die erste Schau zu diesem Thema in Deutschland –, zeigt die dunkle Seite der Romantik bis zu ihrer Weiterentwicklung im Symbolismus und Surrealismus mit 200 Gemälden, Skulpturen, Grafiken, Fotografien und Filmen. Die Werke sind deswegen so interessant, weil die düstere Seite der Romantik Europa bis in das 20. Jahrhundert erfasst hat mit seiner Faszination von Einsamkeit, Melancholie, Grauen und dem Irrationalen der Träume. Zentrale Kunstwerke dieser Ausstellung sind „Der Nachtmahr“ von dem Schweizer Johann Heinrich Füssli, der Flug der Hexen von Francisco de Goya, Carl Blechens „Pater Medardus“, Odilon Redons Hauptwerk „Geschlossene Augen“, aber auch Ausschnitte aus den Filmen „Frankenstein“ oder „Dracula“, beide aus dem Jahr 1931. Viele Künstler aus Frankreich und Belgien wie Delacroix, Géricault, Victor Hugo und Antoine Wiertz sind Wegbereiter für Surrealisten wie André Breton, Max Ernst, George Brassai oder Salvatore Dalí.

Das Credo der Romantik stammt immer noch von Novalis, dem Dichter der „Hymnen an die Nacht“: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn gebe, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“ Die Aufklärung selbst hatte immer wieder mit ihren Pionieren der „Erfahrungsseelenkunde“ die dunklen Seiten des Daseins hervorgebracht. Längst vor Freud trat das Unheimliche und Dämonische in den Blick der Kunst, und das Erhabene, damit aber auch das Erschreckende, wurde dem Schönen als ästhetische Kategorie zur Seite gestellt. Die Französische Revolution begleitete das Abgründige auf der politischen Ebene. Gewalt und Wahnsinn zogen auch zunehmend in die Literatur um 1800 ein, wie die Untersuchung von Mario Praz („Liebe, Tod und Teufel – Die schwarze Romantik“, 1970) eindrucksvoll zeigt. Die Schauerromane und „Gothic Novels“ aus England taten hier ein Übriges. Und die vertrauten Themen aus der klassischen Antike erlebten nun eine Umdeutung ins Grauenhafte. So etwa das Haupt der Medusa, das nicht mehr nur versteinernd wirkt, wie aus es dem Mythos bekannt ist. Sondern in Percy Bysshe Shelleys Gedicht „Über die Medusa von Leonardo da Vinci“ heißt es, Perseus' Blick sei nicht mehr im Spiegelbild der Gorgo geschützt, sondern auch vom Bild der Medusa könne existenzielle Gefahr ausgehen. Shelly spricht vom „Liniengewebe des toten Antlitzes“, das sich „in den Geist des Betrachters einprägt“ und so erstarren lässt. Damit ist im Übergang zum 19. Jahrhundert die Sorge um die Unversehrtheit des eigenen Blicks ausgesprochen, wie auch das Wissen über die Macht der Bilder.

Den verunsicherten Blick auf das Bild stellte Théodore Géricault dar im Gemälde „Das Floß der Medusa“ (1819), das ein Floß zeigt, auf das sich im Juli 1816 fast 150 Menschen gerettet hatten, nachdem die französische Fregatte Méduse auf Grund gelaufen war. Das Floß war auf das offene Meer getrieben und wegen des Mangels an Nahrung kam es zu Kannibalismus. Ob auf dem Bild Rettung angedeutet ist, kann einer optischen Täuschung unterliegen. Das optimistische Ziel der Schiffsfahrt war die Besiedlung Westafrikas, die grausam scheiterte. Auch Géricaults „Kopf eines enthaupteten jungen Mannes“ (1818/9) scheint klassischen Darstellungen der Medusa zu entsprechen, etwa der von Rubens.

Die Unausweichlichkeit des Schicksals ist auch eines der Hauptmotive der Bilder Francisco de Goyas in der Ausstellung. Hinrichtungen durch Lynchjustiz, Erschießung oder die Garrotte sind ausgestellt neben Szenen mit Duellen, Verbrechen aus Leidenschaft oder Banditenüberfällen. Nach schwerer Krankheit, die zur Taubheit führte, hatte Goya 1793 eine Serie von Bildern gemalt, in der ihm nach seinen Worten erstmals „gelungen ist, Beobachtungen anzustellen, die in Auftragsarbeiten gewöhnlich keinen Platz finden“. Auch hier wieder wird das „Ich“ sichtbar, das sich autonom die Welt erschließen will und dabei auf das Grauen stößt. Der Kontrollverlust des Menschen und dessen Auswirkungen auf sein Handeln war ein Thema, das Goya besonders beschäftigte. „Auf der Jagd nach Zähnen“, heißt eine der Radierungen des spanischen Künstlers, auf der eine Frau einem Erhängten die Zähne herausreißt in der Hoffnung, sie für einen magischen Liebestrank verwenden zu können.

Man fragt sich, warum die Romantiker des Dunklen behauptet haben, es gebe keinen Sinn mehr, wie der Teufel auf Odilon Redons Illustration zu Flauberts „Die Versuchung des heiligen Antonius“ behauptet. Einer der Gründe, die die Ausstellung bietet, ist die Steigerung des Gefühls von Innerlichkeit und Empfindung der Aufklärungszeit bis zu dessen Kult Ende des 19. Jahrhunderts. Der Verlust der Metaphysik überließ die Künstler einem einseitigen Hang zur „Hysterie, Neurasthenie, gesteigert bis hin zu somnambulen und spiritistischen Erfahrungen – der Innerlichkeitskult trieb seine seltsamen Blüten“, wie es im sehr informativen Katalog zur Ausstellung heißt. Die Natur wie auch die Frau, dargestellt in unzähligen Abwandlungen der Medusa, Sirenen, tsunamiartigen Wellen, Satanistin, Vanitas, Sphinx, Medea, Hexe – kurz als femme fatale, wird zum neuen Sinnbild eines dämonisierten Unverfügbaren, das beliebig Macht über das Bildgeschehen wie auch über den Betrachter ausüben kann.

Wie das 20. Jahrhundert von dieser Strömung infiziert war, zeigt in der Frankfurter Ausstellung etwa der Filmausschnitt „Ein andalusischer Hund“ von Louis Bunuel und Salvador Dalí, in dem ein Auge aufgeschnitten wird, ähnlich wie es Kleist eingangs formulierte. Bilder von Max Ernst wie „Das Gastmahl der Sphinx“ (1940) knüpfen ebenso an die schwarze Romantik an wie sein Bild „Das Floß“ (1926), wie auch René Magritte, Paul Klee, Gemälde von Salvador Dalí oder die Puppen von Hans Bellmer. Diese Kunst mag heute in Fotografien von Cindy Sherman weiterleben, oder in den Filmen von David Lynch und David Cronenberg – die Grenze zu Obsessionen und Wahnvorstellungen wird immer dann überschritten, wenn die größere Ordnung aus dem Blick gerät.

„Schwarze Romantik von Goya bis Max Ernst“. Städel Museum Frankfurt, geöffnet bis 20. Januar 2013. Di., Fr. bis So. 10.00–18.00 Uhr, Mi. und Do. 10.00–21.00 Uhr, Mo. geschlossen. Der Katalog kostet 45,– Euro.

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