Wenn die Masken längst gefallen sind

Dramatischer Leerlauf trotz guten Ensembles: „Bella Figura“ von Yasmina Reza an der Berliner Schaubühne. Von Patrick Wagner
| Dieser Blick sagt mehr als viele Worte: Andrea (Nina Hoss) und Boris (Mark Waschke).Foto: Arno Declair
| Dieser Blick sagt mehr als viele Worte: Andrea (Nina Hoss) und Boris (Mark Waschke).Foto: Arno Declair

Man sollte glauben, so ein Abend könne einfach nicht schiefgehen. Wenn Yasmina Reza, die wohl meistgespielte Bühnenautorin der Gegenwart, zur Feder greift und ein Drama extra für die Schaubühne schreibt, das als Uraufführung von Thomas Ostermeier, langjähriger Intendant und Regisseur zahlreicher Erfolge des Hauses, auf die Bretter gebracht wird, und in dem keine Geringere als Nina Hoss die Hauptrolle spielt.

Rezas Meisterschaft hat immer darin bestanden, den Zuschauer nicht nur zu berühren, sondern zu packen und auf eine rasante Fahrt durch die Widersprüchlichkeiten seiner bürgerlichen Existenz zu schicken mit besonderem Augenmerk auf seinen Kommunikationsgewohnheiten und zwischenmenschlichen Beziehungen. Vor allem ihr Blick auf die Sprache war ein sehr aktueller, die Konstellationen erschienen realistisch und heutig. So ließ sie im Drei-Mann-Stück „Kunst“, ihrem internationalen Durchbruch, einen Mann ein weißes Bild für einen horrend hohen Preis kaufen, das dieser in der Überzeugung, nun Besitzer eines echten Meisterwerkes moderner Kunst zu sein, seinen Freunden zeigt und auf Ablehnung stößt. Aus dieser Situation entzündet sich eine Debatte, die die jahrelange Freundschaft der drei Männer auf die Probe stellt und schließlich sogar neu fixiert. Wenn in ihrem größten Erfolg „Der Gott des Gemetzels“, durch die Polanski-Verfilmung vor vier Jahren auch dem Kinozuschauer ein Begriff, zwei Paare aufeinandertreffen, um einen Vorfall zwischen ihren beiden Kindern zu besprechen, gibt ein Wort das andere, und am Ende sind nicht nur die Gräben zwischen den Paaren, sondern auch zwischen den Partnern klar zutage getreten. Kurzum: Die kritische Analyse menschlicher Beziehungen im bürgerlichen Milieu beherrschte im Gegenwartstheater keine wie Yasmina Reza. Dass dabei auch viele Pointen abfielen, wurde zwar von einigen Feuilletonisten als zu boulevardesk bemängelt, bescherte dem Zuschauer neben einem hohen Erkenntnisgewinn aber stets beste Unterhaltung.

Der Unterhaltungswert ist auch bei ihrem neuen Werk „Bella Figura“ keineswegs gering. Es gibt viele Anlässe zum Lachen, allerdings ohne die Sogwirkung der früheren Dramen zu erreichen. Das liegt vor allem an der Handlung, die es dem Zuschauer abverlangt, eine Reihe reichlich unrealistischer Situationen hinzunehmen. Es beginnt mit dem abendlichen Treffen von Boris und seiner Geliebten Andrea im Auto in ländlicher Stille, bei dem bereits die gesamte Brüchigkeit ihrer Beziehung deutlich wird. Er, verheiratet und kurz vor der Insolvenz, und sie, Apothekerhelferin und alleinerziehende Mutter mit dem Willen, endlich im Leben vorwärts zu kommen, leben in verschiedenen Welten. Man erwartet von Anfang an, dass sie sich trennen – es wird im Laufe des Abends nicht passieren. Dafür fährt Boris versehentlich mit dem Auto eine ältere Dame namens Yvonne an, die sich in Gesellschaft ihres Sohnes Eric und seiner Frau Françoise befindet, wobei letztere die beste Freundin von Boris' Frau ist. Eine dermaßen gestellte Ausgangslage, die in der Tat besser in die Sphäre des Boulevards passt, könnte zum dramatischen Coup avancieren, wenn sie denn Funken schlüge – was jedoch nicht passiert.

Die Frage, die für das Publikum zunächst von Interesse ist, ob nämlich Françoise ihrer Freundin den Seitensprung des Mannes verraten wird, beantwortet der Abend nicht. Nachdem man sich der körperlichen Unversehrtheit Yvonnes versichert hat, lädt Eric Andrea und Boris ein, ins Restaurant mitzukommen, um mit ihnen Yvonnes Geburtstag zu feiern – es ist dasselbe Etablissement, in dem das Paar ohnehin essen wollte. Man landet sogar im Haus von Eric und Françoise, wobei im Gespräch die Unterschiede und Konfliktfelder zwischen allen fünf Figuren schnell hervortreten, was dazu führt, dass sich Andrea und Eric mehrfach verabschieden und gehen wollen, doch sie kehren am Ende immer zurück, womit der Ring für eine neue Runde der gegenseitigen Sticheleien und Zerfleischungen freigegeben ist. Dieses Dialogkarussell dreht sich immer weiter, bis nach etwa der Hälfte des Abends der Punkt gekommen ist, wo die Handlung das Stadium der Beliebigkeit erreicht, weil die eigentliche Geschichte der Einsamkeit, Verletzlichkeit und Beengtheit der fünf Charaktere längst erzählt ist. Auch wenn sich Boris und Andrea am Ende wieder in ihr Auto begeben, wodurch sich der Bogen der Geschichte zumindest äußerlich schließt, haben sie sich nichts anderes zu sagen als zuvor. Sie bewahren Haltung, machen jeder auf seine Weise „bella figura“ zu ihren Lebensqualen. Bestand in älteren Reza-Dramen der Reiz im langsamen Fallen der Masken der Figuren, so sind die Masken hier bereits zu einem so frühen Zeitpunkt gefallen, dass im Grunde jedes weitere Wort überflüssig ist.

Zu dieser Handlung, die sich bald nur im Kreise dreht, hat Regisseur Ostermeier genau zwei Einfälle: Er lässt die Drehbühne während fast der gesamten Aufführung rotieren, und die Szenenübergänge werden durch Videoaufnahmen überdimensionaler Insekten auf der Leinwand illustriert, die wohl als Metaphern für die Bedrängung des Einzelnen in seiner Welt zu verstehen sind – nicht umsonst werden Boris und Andrea mehrfach von Mücken attackiert. Diese Zurückhaltung in der Inszenierung kann Früchte tragen, wenn das Drama selbst trägt. Leider knackt und quietscht es aber gewaltig im dramatischen Getriebe, phasenweise stagniert das Tempo sogar vollends, wenn beispielsweise Andrea in getragenen Monologen über ihr Leben nachdenkt.

Dieser Leerlauf kann auch von den Schauspielern nur partiell aufgefangen werden. Die Rolle der Andrea, die sich resolut gegen den Geliebten behauptet, für den sie sich zur Mittagspausenaffäre reduziert hat, und die ihre Sorgen mit reichlich Alkohol und Tabletten betäubt, gibt Nina Hoss die Gelegenheit, einen Balanceakt zwischen Klarsicht auf die Mittelmäßigkeit ihrer Existenz und Dauerbedröhnung durch die erwähnten Substanzen glaubwürdig zu vollziehen. Ihre Mitstreiter haben es mit deutlich flacheren Figuren zu tun, die ihnen nur wenig abverlangen. So gibt Mark Waschke seinen Boris als Mischung aus Macho und Verlierer-Typ und Lore Stefanek stattet ihre Yvonne pointensicher mit einer Mischung aus Einsamkeit und Schrulligkeit aus.

Insgesamt bleibt der Eindruck eines fähigen Ensembles, das sich nach Kräften bemüht, seine etwas seelenlosen Figuren in einer kaum temporeichen Handlung zum Leben zu erwecken. Auf großes Publikumsinteresse kann aber dennoch vertraut werden, so dass der Schaubühne ein weiterer Publikumserfolg sicher sein dürfte. Die Verehrer von Yasmina Reza werden ohnehin die gesellschaftskritischen Dialogbröckchen herausziehen und das Drama dafür loben, andere vergleichen es mit früheren Arbeiten und preisen letztere. So soll abschließend nicht unerwähnt bleiben, dass die deutsche Erstaufführung von „Kunst“ in der Regie von Felix Prader aus dem Jahre 1995, ursprünglich auch eine Schaubühnen-Produktion, noch immer sporadisch im Renaissancetheater gespielt wird, und die Uraufführung von „Der Gott des Gemetzels“ von 2007 in der Regie von Jürgen Gosch im Berliner Ensemble bis heute zu sehen ist.

Weitere Vorstellungen am 9.6., 10.6., 11.6., 13.6., 14.6. und 15.6.2015

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