Wenn die Lichter ausgehen

Kinos mit besonders gutem Programm erhalten Förderung – Dreidimensionale Filme sollen die Zuschauerzahlen erhöhen

In der vergangenen Woche haben 65 Kinos in Baden-Württemberg, die ein Programm abseits des Massengeschmacks bedienen, Filmtheaterprogrammprämien in Höhe von insgesamt 171 000 Euro erhalten. Der Spitzenpreis – 15 000 Euro – ging an die Mannheimer Kinos Odeon und Atlantis; für ein besonderes Kinder- und Jugendfilmprogramm wurden das Studio Museum und das Blaue Brücke-Kino in Tübingen ausgezeichnet. Medienminister Wolfgang Reinhardt wies bei der Zeremonie auf die Bedeutung der „traditionsreichen und vielfältigen Kinolandschaft Baden-Württembergs“ hin und kündigte eine Erhöhung der Programmprämien um rund zehn Prozent im Rahmen einer neuen Filmkonzeption an, das die Landesregierung in Kürze verabschieden will.

In diesem Jahr sind die Kinos wieder erfolgreicher

So wie das besonders großzügige Baden-Württemberg sehen immer mehr Bundesländer eine indirekte Kinoförderung inzwischen als Bestandteil der Förderung ihrer Film- und Medienstandorte an. Denn was nutzt eine Ansiedelungs-, Produktions- und Verleihförderung, wenn die Filme anschließend nirgendwo zu sehen sind? Oder, wie der Direktor der Berliner Filmfestspiele, Dieter Kosslick, bei jedem Fall von Kinoschließung mahnend zu sagen pflegt: „Ohne Kinos gibt's kein Kino!“

Zwar hat der am Wochenende neu gewählte Vorstand des Verbands der Filmverleiher (VDF) bei seiner Jahrestagung die Umsätze des bisherigen Kinojahres als zufrieden stellend bezeichnet und für 2008 ein leichtes Plus gegenüber 2007 prognostiziert. Doch trotz einer Stabilisierung der Besucherzahlen haben die deutschen Lichtspielhäuser nicht wieder an die erfolgreichen Jahre zu Beginn des Jahrtausends anschließen können. Prominentestes Opfer der schleichenden Kinokrise war 2008 das traditionsreiche Hamburger Grindel-Kino mit seinen sechs Sälen, das im Frühsommer trotz aller Rettungsmaßnahmen durch eine Bürgerinitiative vor den Mieterhöhungen des Immobilienbesitzers kapitulierte. Aber auch das über 70 Jahre alte Mainzer Capitol, das Wall-Kino im niedersächsischen Oldenburg und der Alhambra-Palast im Berliner Wedding stehen zur Disposition, um nur einige gefährdete Objekte zu nennen.

Auch den Kinos setzt das veränderte Mediennutzungsverhalten vor allem der männlich-jugendlichen Zielgruppe zu, die in den letzten Jahren um rund ein Drittel geschrumpft ist und in immer stärkerem Maße zu DVDs, dem Internet und Computerspielen tendiert. Derartige Verluste sind aus Sicht Thomas Peter Friedls, Geschäftsführer der neu gegründeten Filmproduktionsfirma UFA-Cinema, durch technische Neuerungen nur begrenzt kompensierbar. Und Initiativen der Kinowirtschaft, die sogenannten „Best Ager“ – also die Kinoklientel über 50 Jahre – in die Lichtspieltheater zurückzulocken, sind in bescheidenen Ansätzen steckengeblieben. Dennoch bietet aus Sicht Friedls vor allem die Methode des digital produzierten, dreidimensionalen (3 D-)Kinofilms, eine Chance, „dem Kino seine solitäre Funktion als Königsklasse des Filmgeschäfts zurückzugeben“.

Das neue digitale 3-D-Verfahren basiert auf der bereits in den sechziger Jahren entwickelten, damals noch analogen Technologie, mittels einer Brille (die heute nicht mehr rot und grün gefärbt zu sein braucht) stereoskopische, plastische Bilder zu erzeugen. Der Einsatz von 3-D-Filmen ist ein weiterer Grund, warum die Filmwirtschaft die Umstellung auf digitale Projektion vorantreibt, die pro Kino zwischen 60 000 bis 80 000 Euro kostet – Summen, die die durchschnittliche Jahreseinnahme der meisten Häuser weit übersteigt.

Viele Kinobesucher erkennen digitale Projektionen nicht

Da sich die Kinobetreiber der technischen Entwicklung auf Dauer nicht verschließen können, wenn sie innerhalb der filmischen Auswertungskette ihren Status behalten wollen, haben die Filmförderungsanstalt des Bundes (FFA), Produzentenverbände und Kinowirtschaft schon vor geraumer Zeit ein Modell entwickelt, das von den verschiedenen Marktteilnehmern eine solidarische Teilfinanzierung der geschätzten Gesamtkosten von 212 Millionen Euro für die digitale Umrüstung der 3 700 Leinwände Deutschlands auferlegt. Im Gegensatz zur rein privatwirtschaftlich organisierten Umstellung in den Vereinigten Staaten, wurde in Deutschland zunächst das Modell eines „Public-Private-Partnerships“ – also einer halb privatwirtschaftlich, halb öffentlich betriebenen Umrüstung diskutiert.

Beratende Rechtskanzleien tüftelten in den vergangenen Monaten daran, wie eine eigens zu gründende Finanzierungsgesellschaft den Kinobetreibern die zur digitalen Umrüstung nötigen Mittel als Darlehen zur Verfügung stellen könnten – mit der bundeseigenen FFA als zentraler Zahlstelle, die den „Digitalisierungspool“ verwaltet. Doch was auf den ersten Blick nach Solidargemeinschaft aussieht, liefe in der Praxis auf eine Verschärfung der Ungleichgewichte hinaus. Denn fast die Hälfte aller deutschen Kinos sind wegen zu geringen Umsatzes bereits von der sogenannten Filmabgabe befreit, die zur Förderung neuer Kinofilme an die FFA abgeführt werden muss. Wie sollten sie unter diesen Umständen ausgerechnet eine zusätzliche Digitalisierungsabgabe aufbringen? Umsatzschwache Betriebe würden also zusätzlich belastet.

Außerdem haben es viele Kinobetreiber nicht einmal besonders eilig: Die langfristigen Vorteile, die mit der Digitalisierung verbunden sind – etwa der Wegfall der teuren und anfälligen Zelluloidkopien – sehen sie skeptisch: Die digitale Projektion sei zwar von gleichbleibender Schärfe und Qualität, würde aber „von vielen Zuschauern gar nicht als solche erkannt“, wie der Betreiber des legendären Hamburger Programmkinos „Abaton“, Matthias Elwardt, zu bedenken gibt. Entsprechend gering sei die Neigung des Publikums, für einen nicht sichtbaren Effekt zusätzliches Eintrittsgeld zu bezahlen.

Deshalb wird die technische Umrüstung auf das sogenannte 100er-Modell hinauslaufen, bei dem die Elefanten der Branche – allerdings nicht die TV-Sendeanstalten – einen größeren Anteil aufbringen müssten als die rund 1 000 Kino-Zwerge in Deutschland, die über weniger als 100 000 Euro Jahresumsatz verfügen und ihre Investitionen kaum refinanzieren können. Nach Meinung des VDF sollten öffentliche Mittel eher zum Erhalt des „Kulturguts Kino“ eingesetzt werden. Auch Berlinalechef Dieter Kosslick mahnte kürzlich, die zukünftige Rolle des Kinos gerade in strukturschwachen Gebieten als „eine der letzten großen sozialen Anlaufstellen der Gesellschaft“ ernst zu nehmen.

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