Wehrlose Opfer kommunistischen Terrors

Ein eindrückliches Zeugnis aus einer dunklen Zeit: „Gulag-Kinder. Die vergessenen Opfer“ von Meinhard Stark. Von José García
Foto: Monopol-Verlag | Keine schöne Kindheit: Litauisches Kind in der Verbannung im Hohen Norden der Sowjetunion, 1940er-Jahre.
Foto: Monopol-Verlag | Keine schöne Kindheit: Litauisches Kind in der Verbannung im Hohen Norden der Sowjetunion, 1940er-Jahre.

„Begriffe wie Eltern, wie Mutter oder Vater waren den Kindern nicht nur fremd, sondern fehlten in ihrem Wortschatz völlig, vor allem deshalb, weil sie keinerlei Bezug zu ihrem alltäglichen Leben und Leiden hatten. Keine Aufseherin und kein Aufseher (...) brachte den Lagerkindern irgendetwas bei, weder Sprechen noch irgendeine Form von frühkindlicher Bildung.“ Meinhard Stark bezieht diese Aussagen zwar insbesondere auf die Zehntausenden Kinder, die im Gulag geboren wurden. Sie könnten aber so oder so ähnlich auch auf die Hunderttausenden Jungen und Mädchen angewandt werden, die ihre Eltern bei deren Verhaftung in ein Lager des Gulags begleiteten – um dann von ihnen getrennt zu werden. Hunderttausende Mädchen und Jungen wurden in Heimen untergebracht oder zur Adoption freigegeben. Zu diesen zwei verschiedenen Arten „Gulag-Kinder“ kommen noch die verhafteten Minderjährigen hinzu, die – oft ohne Urteil, ja sogar ohne Anklage – für Jahre in „Arbeitsbesserungskolonien“ oder gleich in den Gulag gesperrt wurden.

Diesen vergessenen Opfern des kommunistischen Terrors widmet Meinhard Stark sein 488 Seiten starkes Buch „Gulag-Kinder. Die vergessenen Opfer“. Nachdem kürzlich die Erinnerungen Rudolf Hamburgers („Zehn Jahre Lager. Als deutscher Kommunist im sowjetischen Gulag – Ein Bericht“, DT vom 07. September) erschienen sind, vervollständigt Starks in jahrelanger Recherche entstandenes Werk das Bild eines unmenschlichen Systems aus der Sicht wehrloser Kinder und Jugendlicher. Für „Gulag-Kinder. Die vergessenen Opfer“ befragte Meinhard Stark zwischen 2002 und 2012 mehr als 100 Gulag-Kinder – Deutsche, Russen, Polen, Litauer, Ukrainer und Kasachen – sowie ihre Mütter beziehungsweise Väter. Darüber hinaus wertete Stark auch schriftliche Erinnerungen von Gulag-Kindern sowie Schriften aus, von denen „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ von Joachim Gauck und Wolfgang Leonhards „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ die bekanntesten sein dürften.

Die frühe Trennung von der Mutter tat weh

Die Kinder lebten in kärglichen Kinderbaracken oder -heimen mit katastrophalen hygienischen Bedingungen. Daher war die Kindersterblichkeit besonders hoch. Dazu schreibt Stark: „Die Lagerbedingungen, insbesondere die völlig [un]zureichende Unterbringung, Versorgung und Betreuung, die mangelhafte Hygiene und medizinische Versorgung, die verfrühte Trennung von den Müttern hatten den Tod vieler im Gulag geborener Kinder zur Folge.“ Zwar gibt es höchstens vereinzelte Angaben über die Sterblichkeit der Lagerkinder.

Laut Wolfgang Leonhards Mutter Susanne starben durchschnittlich zwischen 40 und 50 Prozent der Neugeborenen. Selbst wenn sowohl ein Kind als auch seine inhaftierte Mutter überlebten, konnten sie vielfach nach der Entlassung nicht zusammenfinden. Denn das für die Verwaltung der Gulag-Lager zuständige NKWD (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) ließ sich eine besonders perfide Methode einfallen, um Kinder und Eltern voneinander zu trennen: Bei der Einlieferung in die Kinderheime bekamen viele Kinder einen neuen Namen sowie ein neues Geburtsdatum. Diesen Gulag-Kindern „wurde auf Dauer ihre biografische und familiäre Identität genommen. Die zuständigen Behörden verwischten nicht selten die wahre Herkunft der kleinen Kinder nach der Verhaftung ihrer Eltern und änderten ganz bewusst Daten für deren Identifizierung, insbesondere Geburtsdatum und Familienname. Daher konnten die Ämter später ihre Spuren nicht mehr bzw. nur sehr vage wieder aufnehmen.“

Wie viele Gulag-Kinder überlebten, ist genauso wenig überliefert wie die Zahl der minderjährigen Gulag-Insassen – vorsichtigen Schätzungen zufolge etwa ein Drittel de inhaftierten Minderjährigen. Meinhard Stark betont, für das Überleben sei es wichtig gewesen, ein Ziel für die Zeit nach der Entlassung zu haben.

Noch etwas anderes führt der Autor anhand einiger Beispiele an: „Anderen half ihr Glaube, den Gulag zu überstehen. Anna Aschenbrenner betont, im Lager ,sehr religiös‘ gewesen zu sein und häufig gebetet zu haben. Juozas Žvinakis fand dort gar zum Glauben zurück, nachdem er sich mit einigen litauischen Priestern angefreundet hatte. Durch sie kam er zu der Auffassung, ,alles hängt von Gott ab, alles liegt in seinen Händen‘. Juozas ging zu den illegalen Messen, betete mit anderen und empfing seine Erstkommunion. Diese Gläubigkeit zerstreute seinen Pessimismus und gab ihm die Hoffnung auf das Leben zurück. Auch Ida Konrad fand Halt im Glauben, denn sie hoffte fest, Gott würde ihr helfen. Die junge Frau betete zwar nicht direkt, erinnerte sich aber der religiösen Lieder und Gedichte ihres Vaters, die ihr halfen, Kräfte zu mobilisieren. Karl Heinz Vogeley sagt indes von sich, er habe von Beginn an über einen ,starken religiösen Glauben‘ verfügt und sich im Gebet Gott mitgeteilt.“

Selbst für diejenigen, die Gulag und Verbannung überstanden hatten und mit ihren engsten Verwandten wieder zusammenfinden konnten, kam vielfach noch die Enttäuschung hinzu, sich entfremdet zu haben.

Der Verfasser erzählt dazu einige Beispiele, so etwa das von Wolfgang Leonhard und seiner Mutter Susanne. Nachdem der Funktionär im SED-Zentralkomitee die Rückkehr seiner Mutter in den sowjetisch besetzten Teil Berlins bewirkt hatte, schrieb Susanne Leonhard: „Das war also mein Sohn. Ein völlig fremder Mensch, der in nichts, aber in gar nichts dem Bilde glich, das ich mit von ihm gemacht hatte.“ Nachdem Mutter und Sohn in den Westen geflohen waren, trafen sie sich wieder in Stuttgart. „Dort sahen sie sich wieder, doch auf die scheinbare Annährung folgten emotionale Verstimmungen, die Mutter und Sohn nie überwinden konnten.“

„Gulag-Kinder. Die vergessenen Opfer“ bietet einen reichlich dokumentierten Einblick in eine erschütternd unmenschliche Episode europäischer Geschichte.

Meinhard Stark: „Gulag-Kinder. Die vergessenen Opfer“. Metropol Verlag, 2013, 488 Seiten, ISBN 978-3-86331-128-5, EUR 24, 00

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