„Was wir Weg nennen, ist Zögern“

Das Leben Franz Kafkas – die Münchner Ausstellung zum 125. Geburtstag des Schriftstellers

„Zum Schiff“ hieß das Haus, in dem der Prager Schriftsteller Franz Kafka (1883– 1924) bei seinen Eltern wohnte. Einen Streifzug durch „Kafkas Welt“, wie der Tübinger Forscher Hartmut Binder seine neueste, gewichtige Arbeit, soeben bei Rowohlt erschienen, nennt, erlauben er und der Münchner Autor und Journalist Armin Kratzert als Kuratoren dem Besucher der Münchner Literaturhaus-Galerie auf der Grundriss-Basis dieser Wohnung. Sie ist eine hohe, die Enge der Behausung durch luftige Streckung zur Decke ausgleichende, lila gestrichene Holzkonstruktion. Auf dem Fußboden ist jeweils die Bezeichnung des zu betretenden Zimmers projiziert, mit Verweisen auf Kafkas „Die Verwandlung“. Auf sich an den Wänden entlangziehenden Borden Schwarzweißfotos in Sichthöhe. 140 an der Zahl. Bei Hartmut Binder sind es 1 200 – die Ernte geradezu zügelloser Sammlerpassion.

Man betritt ein Labyrinth. Und schon ist es da, das „kafkaeske“ Gefühl, schaudernd und nicht wenig klaustrophob. Frantisek Kafka als einziger Sohn des jüdischen Kaufmanns Hermann Kafka und Julie Kafka, geborene Löwy. Seine drei Schwestern, Elli, Valli, Ottla. Kafka als Volksschüler. Dann als Gymnasiast, als Abiturient. Als Student machte er 1906 seinen Doktor in Jura. Auch Kafkas Zeichnung spielen eine wichtige Rolle. Ebenso Kafkas Reisen – nie recht weit und immer nur kurz kam er von Prag weg. Kafkas „Brief an den Vater“ 1919. Die beginnende und sich verschlimmernde Krankheit. Das Ringen mit dem Leben, das der frühe Tod in der Lungenheilanstalt Kierling bei Klosterneuburg beendete.

Alle Bilder, sorgsam ausgesucht, viele davon noch nie öffentlich gezeigt, sind hinreichend beschriftet. Man schreitet die Reihen ab. Schaut und liest. Verweilt da und dort. Schmunzelt oder ist verblüfft. Man sollte nicht darauf verzichten, den Audio-Guide (im Eintrittspreis inbegriffen) in Betrieb zu nehmen. Die Texte – Ausschnitte aus Kafkas Prosa mit Stellen, die man nicht vergisst („Was wir Weg nennen, ist Zögern“), Tagebüchern, Briefen, aber auch „Stimmen“ seiner Freunde und, immer wieder, Freundinnen werden von zwei Schauspielern gesprochen, passend zu einzelnen Exponaten.

Zwei Ruheinseln mit authentischen Auskünften über Kafka als Mensch. Max Brod (1884–1968) äußert sich in seinem Münchner Interview von 1968 über seinen Freund, den er den „großen Schweigerer“ nennt, auf seine elegante Erscheinung verweist und sein getrübtes Vater-Verhältnis erklärt und abschwächt. Die Pianistin Alice Herz-Sommer kommt in einem Video von 2007 zu Wort. Die Dame ist 95 Jahre alt. Sie hatte Kafka über ihren Schwager Felix Weltsch kennengelernt und oft auf Prager Spaziergängen begleitet.

Momentan kann von einer Kafka-Renaissance gesprochen werden. Binders Buch ist zweifellos der Höhepunkt. Im S. Fischer Verlag ist gerade ein Erzählungs-Band für Jugendliche erschienen. Bei Arena und beim St. Michaelsbund gibt es literarische Versuche zu „Kafkas Puppengeschichte“. Kürzlich entdeckte Alfons Schweiggert Kafka als Lyriker. Reiner Stachs spitzfindige Kafka-Biographie von 2004 („Die Jahre der Entscheidungen“) erlebt derzeit ihre Fortsetzung: „Die Jahre der Erkenntnis“. Da passt die Münchner Literaturhaus-Ausstellung haargenau in den Trend.

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