Würzburg

Was kümmert mich mein Geschlecht von gestern?

Besonders beim Thema Familie und Sexualität drohen die Apologeten des vermeintlichen "gesellschaftlichen Fortschritts" ihr Blatt zu überreizen.
CSD Stuttgart
Foto: Foto: | Zeichen der Zeit: Nichts geht mehr ohne Regenbogen-Bekenntnis.dpa

In einer Fernsehreportage über Siedlungsprojekte der rechts-esoterischen „Anastasia-Bewegung“ im ländlichen Brandenburg kommt eine ältere Passantin zu Wort, die sich kritisch über die „eigenartigen Ansichten“ der völkischen Siedler zum Thema „Familie“ äußert: Unter diesem Begriff verstünden die Anastasia-Leute ausschließlich „Vater, Mutter, Kind“ – „aber heute ist es ja so, dass auch zwei Väter Kinder erziehen können, oder zwei Mütter, oder auch Alleinerziehende“.

Man mag es verwunderlich finden, dass der Befragten kein schlimmerer Vorwurf gegen ihre unerwünschten Nachbarn eingefallen ist – an anderer Stelle ist in der Reportage die Rede von antidemokratischem, rassistischem und antisemitischem Gedankengut –, aber bezeichnend ist allemal die Formulierung „Heute ist es ja so.“

Die Dame ist zweifellos alt genug, um sich noch an Zeiten erinnern zu können, als das von ihr als „eigenartig“ eingestufte Familienbild gesellschaftliche Normalität war; es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass sie es früher selbst vertreten hat. Aber sie hat, ihrer eigenen Auffassung zufolge, dazugelernt, ist mit der Zeit gegangen. Umso entschiedener nimmt sie es anderen übel, wenn sie sich dieser Anpassungsleistung an den gesellschaftlichen Fortschritt verweigern.

Das „Overton Window“ ist nach links gerückt

Dass Menschen dazu neigen, solche Positionen, die sie bis vor kurzem noch selbst vertreten haben, besonders vehement abzulehnen, ist tatsächlich ein nicht selten zu beobachtendes Phänomen; und es steckt sogar eine gewisse Logik dahinter. Sie hängt zusammen mit dem sogenannten „Overton Window“, einer Bezeichnung für das Spektrum der im gesellschaftlichen Diskurs als akzeptabel geltenden Meinungen.

Die in diesem Begriff zum Ausdruck kommende Theorie der öffentlichen Meinungsbildung geht davon aus, dass es eine scharfe Trennlinie zwischen den innerhalb und außerhalb dieses „Fensters“ liegenden Ansichten gibt – die jedoch verschoben werden kann: Auffassungen, die vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten noch als undenkbar betrachtet wurden, können akzeptabel werden – und umgekehrt. Wie stark dieses „Overton Window“ in den westlichen Gesellschaften in jüngster Zeit in Bewegung geraten ist, zeigt sich wohl nirgends so deutlich wie anhand des Themenbereichs Familie, Sexualität und „Gender“.

Exemplarisch lässt sich dies an der Entwicklung der gesellschaftlichen Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Ehe zeigen. In den USA führte das Meinungsforschungsinstitut Gallup erstmals im Jahr 1996 eine Umfrage dazu durch; damals lehnten 68 Prozent der Befragten die Homo-„Ehe“ ab. Nicht einmal 20 Jahre später hatte dieses Mehrheitsverhältnis sich nahezu umgekehrt. Noch 2007 sprachen sich im Vorwahlkampf zur US-Präsidentschaftswahl sowohl Barack Obama als auch Hillary Clinton gegen die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe aus; Obama änderte seine Meinung zu dieser Frage öffentlich im Jahr 2012, Clinton ein Jahr später.

Im Deutschen Bundestag stimmten im Jahr 2017 ganze 226 Abgeordnete gegen die sogenannte „Ehe für alle“; heute erscheint es kaum noch denkbar, dass ein namhafter Politiker es wagen könnte, die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe infrage zu stellen. In anderen Fragen sexueller Orientierung und sexueller Identität ist ein ähnlich massiver Umschwung der öffentlichen Meinung zu beobachten. So wäre die Forderung, Kinder geschlechtsneutral zu erziehen, damit sie sich später selbst für ein Geschlecht entscheiden können, vor 20 Jahren als bizarre Außenseiterposition belächelt worden, heute hingegen erscheint es – auch wenn man ihr privat nicht zustimmt – kaum mehr möglich, sie öffentlich zu kritisieren. Anzuzweifeln, ob die selbstgewählte Geschlechtsidentität einer transsexuellen oder „Transgender“-Person ihr wahres Geschlecht darstellt, gilt als Hassrede.

Rückkehr zu alten Standpunkten ist rückschrittlich

Dass das Pendel der öffentlichen Meinung zukünftig auch wieder in die andere Richtung ausschlagen könnte, erscheint theoretisch denkbar, wäre aber aus der Sicht eines der Philosophie der Aufklärung verpflichteten Konzepts von „Fortschritt“ hoch problematisch: Von Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts“ (1780) über die Geschichtsphilosophie Hegels und den Historischen Materialismus a la Marx und Engels bis hin zum sogenannten „evolutionären Humanismus“ unserer Tage lässt sich die Vorstellung einer permanenten Weiter- und Höherentwicklung des Menschen – und auch und gerade seiner Moralvorstellungen – beobachten. Seine Meinung zu ändern, früheren eigenen Positionen zu widersprechen, ist aus dieser Perspektive nicht ehrenrührig; problematisch wäre, wie Bertolt Brecht es in seinen „Geschichten vom Herrn Keuner“ pointiert beschrieb, eher das Gegenteil: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ,Sie haben sich gar nicht verändert.‘ ,Oh!‘ sagte Herr K. und erbleichte.“

Noch problematischer, nämlich dezidiert rückschrittlich, wäre nach dieser Auffassung jedoch die Rückkehr zu früheren, vermeintlich bereits „überwundenen“ Positionen. Es ist eine bekannte und vielfach belegte Tatsache, dass gerade Medienschaffende häufig Verfechter eines solchen „Fortschritts“-Verständnisses sind und ihren Einfluss auf die Meinungsbildung der breiten Öffentlichkeit gezielt in diesem Sinne zu nutzen versuchen.

Dabei vollzieht sich der Prozess des „Mainstreamings“ bestimmter als „fortschrittlich“ deklarierter Positionen in aller Regel weniger durch Argumente als durch Emotionalisierung und Erzeugung von „Stimmungen“, wozu nicht zuletzt die Marginalisierung unerwünschter Gegenpositionen gehört. Oft genügt es schon, bestimmte Auffassungen schlichtweg als „unzeitgemäß“ oder „mittelalterlich“ zu etikettieren, damit die Menschen sich von ihnen abwenden; man möchte schließlich „zeitgemäß“ sein. Eine verschärfte Form dieses Vorgehens besteht darin, die betreffenden Standpunkte mit Gruppierungen in Verbindung zu bringen, mit denen der Normalbürger nichts zu tun haben möchte.

„Na gut, dann bin ich eben ein Nazi“

Das beginnt bereits in der Kita: Spielen Jungen bevorzugt mit Autos und Mädchen mit Puppen, tragen die Mädchen womöglich gar Röcke und Zöpfe, dann sind ihre Eltern höchstwahrscheinlich rechtsradikal. Verzichten Eltern von vornherein auf einen Kitaplatz für ihre Kinder, auch wenn ihnen daraus berufliche Nachteile entstehen, kann es sich bei diesen Eltern – wie in mehreren deutschen Tageszeitungen zu lesen war – praktisch nur um „Impfgegner, Esoteriker oder fundamentalistische Christen“ handeln.

Hier ergibt sich allerdings ein Problem, das man frei nach Ernst Bloch mit dem Begriff des „ungleichzeitigen Bewusstseins“ beschreiben könnte: Große Teile der Bevölkerung folgen zwar der von den meinungsführenden Eliten vorgegebenen Richtung des „gesellschaftlichen Fortschritts“, jedoch, wie die Erfahrung zeigt, in durchaus unterschiedlichem Tempo. Aus Sicht der Meinungs-Avantgarde verharrt somit stets ein mehr oder weniger großer Teil der Öffentlichkeit auf „reaktionären“ Standpunkten.

So erklärt sich auch das auf den ersten Blick paradoxe Phänomen, dass gerade in Zeiten, in denen das „Overton Window“ sich rapide nach links verschiebt, aus der Perspektive der Meinungsführer der Eindruck eines „Rechtsrucks in der Bevölkerung“ entsteht: Je schneller und je weiter das Spektrum der den öffentlichen Diskurs dominierenden Ansichten sich verschiebt, desto größer wird die Zahl derer, die es schlichtweg nicht schaffen, mit diesem Tempo mitzuhalten.

Zum Teil wollen sie es aber vielleicht auch einfach nicht. Ähnlich wie einst Huckleberry Finn auf den Umstand, dass ihm in der Sonntagsschule permanent mit ewiger Verdammnis gedroht wurde, letztlich mit dem trotzigen Entschluss „Na gut, dann komme ich eben in die Hölle!“ reagierte, mag sich manch ein Zeitgenosse, der sieht, dass seine Überzeugungen im öffentlichen Diskurs als rechtsextrem abgestempelt werden, schließlich sagen: „Na gut, dann bin ich eben ein Nazi.“ Auf diese Weise trägt die Marginalisierung der Anhänger unerwünschter Meinungen gerade zu deren Radikalisierung bei.

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