Was Kinder benötigen, um groß zu werden an Leib und Seele

Andreas Steinhöfel hat den diesjährigen Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis erhalten

Das Abenteuer Leben – davon handelt „Rico, Oscar und die Tieferschatten“. Für diesen 2008 im Carlsen Verlag erschienenen Kinderroman wurde der Berliner Autor Andreas Steinhöfel am Donnerstagabend in Bonn mit dem diesjährigen Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Eine neunköpfige Jury unter Vorsitz des Trierer Weihbischofs Robert Brahm hatte das Preisbuch aus 247 Titeln ermittelt.

Was macht dieses Buch preiswürdig? Was macht es zu einem Plädoyer für „Toleranz und gegenseitigen Respekt“, zu einem Plädoyer auch für die „Stärke der Freundschaft“, wie es in der Jurybegründung heißt? Das eigentliche Thema dieser fein nuancierten und liebenswerten Geschichte von Andreas Steinhöfel ist die Stärke des vermeintlich Schwachen: Da schreibt ein kleiner Junge – er stellt sich zu Beginn als Rico und als „tiefbegabt“ vor – am Computer ein Tagebuch. Sein Lehrer im Förderunterricht in dem Berliner „Problemviertel“, wo Rico lebt, hat den Jungen dazu angeregt. Der Lehrer hat erkannt, dass Rico ein glänzender Beobachter und ein guter Erzähler ist – auch wenn er eine leichte Rechtschreibeschwäche hat.

Und so erzählt dieser Junge – sehr unvermittelt, ungefiltert und mit unverwüstlichem Humor – von seinem Alltag im sommerlichen Berlin: vom Leben mit seiner alleinerziehenden, problemüberlasteten, ihn aber dennoch rückhaltlos liebenden und stützenden Mutter, von den Nachbarn und der Schule, wo die meisten ihn für einen „Schwachkopf“ halten, nur weil er das Handicap hat, langsam zu sein, und sich schwer konzentrieren kann. Eigentlich aber ist Rico ein kluger Kopf, der über alles, was er in seiner Umwelt wahrnimmt, sehr genau reflektiert und Dinge auf den Punkt bringt. Dank seiner Mutter ist er seelisch robust und fähig, allen Widrigkeiten seines Lebens mit Mut und ungebrochener Lebensfreude zu begegnen.

Ein Junge, der die Welt entdeckt

Rico erzählt auch von der sich allmählich entwickelnden Freundschaft zum „hochbegabten“ Oscar, der ständig mit einem Metallhelm herumläuft – aus Angst vor einem möglichen Unfall – und der das Leben nicht nur als gefährlich, sondern obendrein als trist ansieht. Nach und nach entdecken die beiden Jungen, dass sie – mit ihren je unterschiedlichen Stärken und Schwächen – einander wunderbar ergänzen. Im Sommer in Berlin erleben sie das Abenteuer ihres Lebens, als sie in ein leerstehendes „Geisterhaus“ und dann in einen Kriminalfall geraten. Als Oscar entführt wird und tatsächlich in akuter Gefahr ist, entwickelt Rico ungeahnte intellektuelle Fähigkeiten und seelische Kräfte, um seinen Freund zu retten. Am Ende siegt der „Schwache“: Es gelingt dem Kind, dem Erwachsenen „das Handwerk zu legen“.

Eine Analogie zu Erich Kästners „Emil und die Detektive“? Ein wenig – vielleicht. Steinhöfels Kinderroman ist aber vor allem eine Erzählung unserer Tage, Problemsituationen unserer Tage nachzeichnend – und deren Auswirkungen auf das Leben von Kindern. Es ist das Porträt eines sensiblen Jungen, der die Welt entdeckt; und es ist das Porträt einer Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher Individuen, die im Laufe der Zeit immer näher zueinander finden. Es ist tatsächlich ein Plädoyer für Respekt vor dem Anderssein des Anderen und für Nächstenliebe.

Der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis wurde 1977 ins Leben gerufen und verdankt sich einer Initiative des Autors Willi Fährmann. Der diesjährige Preisträger, der in Berlin lebende Autor Andreas Steinhöfel gehört zu den gegenwärtig führenden deutschen Kinder und Jugendbuchautoren – mit Titeln wie „Paul Vier und die Schröders“ (1992) – inzwischen Standardlektüre an deutschen Schulen – und „Die Mitte der Welt“ (1999 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert). In diesem Jahr wurde Steinhöfel bereits mit dem Erich-Kästner-Preis für Literatur ausgezeichnet. Er ist im Übrigen als Übersetzer, Drehbuchautor und Rezensent für die „FAZ“ und die „Zeit“ tätig.

Am Donnerstag überreichte der Vorsitzende der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz, der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, den mit 5 000 Euro dotierten Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis an Andreas Steinhöfel. Er würdigte dessen warmherzige, einfühlsame Erzählung, weil sie vor Augen führe, wie unterschiedlich Begabung definiert sein könne, wie wesentlich darum gegenseitige Aufmerksamkeit und Fürsorge seien. „Was benötigen Kinder, um groß zu werden an Leib und Seele?“ Diese Frage stellte Bischof Bode. „Auf jeden Fall mehr als ein Dach über dem Kopf, Essen und Trinken, medizinische Versorgung und Kleidung. Um zu selbstständigen Menschen zu werden, brauchen sie verlässliche Beziehungen und Zuwendung, Liebe und Aufmerksamkeit – auch die Erfahrung von Grenzen.“

Krisensituationen – sei es zu Hause in der Familie, in der Schule oder auch weltweite Krisen, via Medien auf Seelen und Köpfe einstürmend, würden von Kindern und Jugendlichen als sehr existenziell erlebt. Diese Erfahrung mache er als „Jugendbischof“ fast täglich, betonte Bode. „Dann kommen Grundfragen in jungen Menschen hoch: Wie gelingt Leben? Wie gelingen Beziehungen? Wie gelingt Zukunft? Welchen Sinn hat das alles? Gibt es einen Zusammenhang, einen Halt – Gott?“

Auf diese Fragen zu antworten, falle nicht immer leicht. Um der Kinder und Jugendlichen willen sei es jedoch notwendig, „die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden, vom eigenen Leben und dem Leben anderer zu erzählen. Literatur bietet eine hervorragende Grundlage für gemeinsames Nachdenken, gemeinsames Hinterfragen, Zuhören und Deuten. Bücher sind ein Tor zum Leben und ein Tor zu Gott, wenn sich Menschen in sie hineinlesen und sie sich zu Freunden machen“. Der besondere Reiz, die besondere Stärke von Steinhöfels Kinderroman sei, dass in dieser Geschichte das „Kind mit dem Defizit“ zum Held werde. „Der Unmündige wird zum Starken. ,Was du den Weisen und Klugen verborgen hast, das hast du den Kleinen und Unmündigen geoffenbart‘, heißt es im Matthäus-Evangelium.“

Autor Steinhöfel sagte in seiner Dankesrede, die Auszeichnung bestärke ihn in der Gewissheit, dass „wir alle nur Mensch sein können, wenn wir unseren Mitmenschen mit kritischem Respekt begegnen – im Wissen, dass wir fehlbar sind und unsere Zeit auf Erden kurz ist. Und dass wir, um es einmal mit dem eher rationalen Oskar auszudrücken, ganz schön ,einen an der Waffel haben‘ müssen, wenn wir uns dieses kostbare Leben gegenseitig schwer machen.“

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