Was im amerikanischen Studium anders ist

Keiner wird zurückgelassen: Gespräch mit Liliane Weissberg, Professorin für Germanistik an der Universität von Pennsylvania (USA)

Die Studentenproteste in Deutschland richten sich vor allem gegen die Bachelor- und Masterstudiengänge. Aus den Vereinigten Staaten hört man solche Klagen gegen die Studiengänge nicht. Ist die Studiensituation in Amerika ausgereifter?

Universitäten in Deutschland litten bereits vor den Studienreformen an überbelegten Seminaren und Vorlesungen, die in populären Fächern vor allem nur Massenveranstaltungen ermöglichten, die weder dem Unterricht noch der Betreuung der Studenten und Studentinnen zugute kam. Dazu ist die hierarische Strukturierung der Lehrstühle und Projekt-betonte Drittmittelverfahren, bei denen Forschenden Themen vorgeschlagen werden, vielem hinderlich – der Flexibilität der Forschung, der Interdisziplinarität des Austausches von Forschenden, der Konzipierung von innovativen Themen, wie auch persönlich den Entwicklungsmöglichkeiten junger Forscher. Die amerikanischen Universitäten haben keine solchen radikalen Reformversuche durchgemacht, daher gibt es auch auf Seiten der Studierenden keinen Anlass, jetzt zu protestieren. Allerdings ist etwas anderes bemerkbar. Noch in den siebziger Jahren sahen Professoren deutscher Universitäten das amerikanische System und die amerikanischen Universitäten als minderwertig an, die Forschung – mit wenigen Ausnahmen, etwa in den Naturwissenschaften – als wenig akzeptabel. Jetzt schwingt das Pendel um. Fast alles, was aus den Staaten kommt, wird positiv betrachtet. Aber nicht alles kann problemlos aus Amerika nach Deutschland transferiert werden.

Haben Studenten in Amerika Probleme mit den Studiengebühren?

Die Studiengebühren amerikanischer Universitäten und Colleges werden oft missverstanden. Sie dienen als Leitzahl. Studierende, deren Eltern nicht genügend verdienen, Studierende, die sich durch ihre Studienleistungen verdient gemacht haben – sie bekommen einen Teil oder sogar die ganzen Gebühren erlassen. An der „University of Pennsylvania“ – einer Ivy League Universität, die im Augenblick die vierte Stelle in der populären Bewertung amerikanischer Universitäten einnimmt – erhalten nahezu alle Studierenden ein Stipendium irgendwelcher Art. Dies ist auch bei anderen führenden Universitäten nicht anders, und staatliche Universitäten bieten geringe Studiengebühren für ihre Landesbewohner. Wir dürfen auch keine Doktoranden annehmen, die wir nicht voll finanzieren – nicht nur hinsichtlich der Studiengebühren, sondern auch hinsichtlich eines Stipendiums für die Lebenskosten oder die medizinische Versicherung.

Ist die Studiendauer im amerikanischen Bachelor so lang wie hier, gleichermaßen etwa in den Geisteswissenschaften wie in Jura?

Jura muss dabei ausgeschlossen werden, dies ist kein Fach für den Bachelor-Grad, sondern für eine der „professional schools“ – der Law School. Dort studiert man nach dem „Bachelor of Arts“ (B.A.) Jura und erhält den J.D.-Grad („Juris Doctor“). Im Unterschied zu englischen Universitäten ist der B.A.-Grad an amerikanischen Universitäten auf vier Jahre konzipiert. Er unterscheidet sich auch in anderer Hinsicht entscheidend von dem englischen Modell. In England studiert man bereits von Anfang an sein Wunschfach, möglicherweise in einer Konstellation mit zwei anderen Fächern. Dabei gibt es natürlich auch Universitäten mit unterschiedlichem Ruf – Oxbridge einerseits, die „London School of Economics“ (LSE), andererseits die „red brick“ Universitäten, die wiederum exzellente individuelle Studienprogramme anbieten können, wie York im Augenblick in englischer Literatur.

An vielen Universitäten in den USA und in Kanada wird der deutsche Bachelor nicht als gleichwertig anerkannt. Worauf ist das zurückzuführen?

Bei Studienbewerbern aus Deutschland haben wir grundsätzlich die alte Zwischenprüfung als äquivalent betrachtet, heute wäre es das B.A. Allerdings sagt die Anerkennung eines Titels dabei wenig aus. Wir schauen darauf, welche Seminare der Absolvent besucht hat, auf die Noten, die Empfehlungsbriefe, sowie auf die Universität selbst. Es ist alles viel flexibler. Ein ausgezeichneter Student mit fantastischen Briefen braucht nicht unbedingt einen Abschluss in der Hand zu haben. Einem mittelmäßigen Studenten mit einem Magister nützt auch der Titel wenig. In Amerika sind nicht nur die Titel wichtig, sondern vor allem, welche Institution sie verliehen hat. Die Aufnahme in die besten Universitäten und College ist nicht leicht, ebnet aber nach dem Abschluss dann auch viele Wege.

Beginnt das vertiefte Fachstudium in den Vereinigten Staaten erst nach den ersten beiden Studienjahren, und wie verläuft der Aufbau des Studiums?

Im ersten College-Jahr, wir nennen es das „freshmen“-Jahr, besucht der Studierende allgemeine Veranstaltungen, die an den Universitäten unterschiedlich offeriert werden – core courses oder freshmen seminars – und sucht sich Seminare und Vorlesungen aus, die ihn oder sie interessieren. Jeder Studierende bekommt einen Berater zugewiesen, der sich intensiv um den Studenten kümmern muss – über die anfängliche Studienberatung hinaus. Berater und Studierender müssen sich mehrmals im Studienjahr miteinander treffen und oft geht es über die Bürostunden hinaus. Im Sophomore (dem zweiten) Jahr entscheidet sich der Student oft für eine Spezialisierung, die er dann in den letzten beiden Jahren (Junior und Senior-Jahr) intensiviert. Dabei muss der Studierende 1. ein Programm absolvieren, dass für alle Studierenden verpflichtend ist: Eine Fremdsprache zumindest belegen, eine Kursauswahl aus Mathematik und anderen Fächern – alles garantiert nicht nur eine Allgemeinbildung, sondern auch ein allgemeines Uni-Niveau. Und 2. das Programm, das von seinem Studienfach vorgegeben ist. Das ist natürlich unterschiedlich hinsichtlich der Verpflichtungen bezüglich der etwa der Seminaranzahl und Praktika. Dabei gibt es Studierende, die neben einer solchen Konzentration (einem „major“) auch einen oder zwei Nebenfächer wählen („minors“) oder einen Doppel-Major beantragen. Oder einfach einen Major kreieren, der so nicht im Buch steht. Dies hat, wenn ich mich recht erinnere, beispielsweise Peter Sellars an Harvard gemacht, als er für sich ein Theater-Projekt entwarf, das Theorie und Praxis verband. Einen Theater-Studiengang gab es zu dieser Zeit an Harvard noch nicht. Ich wähle Sellars hier als Beispiel, da er auch deutschen Lesern bekannt sein dürfte und einen Beweis lebt, wie ein solches kreatives Unternehmen beruflichen Erfolg zeigen kann.

Hier wird beklagt, dass man klassische Grundwerke der Geisteswissenschaften etwa wegen ihres Umfangs im Studium kaum noch lesen kann. Ist das auch Ihre Erfahrung in Amerika?

Der Unterricht in den Staaten ist in der Regel sehr viel intensiver als an deutschen Universitäten, sowohl was die Stundenzahl der Seminare angeht, wie auch die Leselisten. Natürlich gibt es auch bei uns Klagen, dass vieles einfach nicht gelesen werden kann . Aber die Intensivität der Seminare ist nicht vergleichbar. Amerikanische Studierende belegen zumeist vier Veranstaltungen pro Semester und sind damit voll beschäftigt. Die Bibliotheken sind auch bis spät geöffnet und Teile der Bibliotheken rund um die Uhr. Es gibt auch Hilfestellungen für solche Studierende, die Arbeitsschwierigkeiten haben. Das Universitätsstudium ist aber vor allem eine Vollzeitbeschäftigung – man studiert nicht nebenbei und sehr wenige Studierende arbeiten während ihres Studiums, außer innerhalb der Universität als Teil der finanziellen Unterstützung – in der Bibliothek zum Beispiel – oder Praktika.

Studiert man in Amerika eher gemeinschaftlich und weniger als Einzelgänger?

Beides. Studierende bilden eher Gemeinschaften als „Jahrgänge“ innerhalb ihrer Studienthemen, aber sie müssen auch individuell Leistungen zeigen.

Wie ist das Niveau der Studenten in Ihrem Fach Germanistik, wenn die Abiturienten zu Ihnen kommen, im Hinblick auf die Verstehensfähigkeit von Texten? Gab es an Schulen einen ähnlichen Umgang mit Literatur wie hier?

Ja und nein. Auf dem College-Level (also auf dem der Undergraduates) sind die Studierenden vor allem mit dem Sprachstudium beschäftigt und wenn sie sich für die Germanistik als Studienschwerpunkt entscheiden, müssen sie eine Übersicht über die deutsche Literatur besitzen. Studierende, die sich eher für „German Studies“ interessieren, studieren deutsche Geschichte, oder Soziologie. Eine Abschlussarbeit ist in vielen Collegen Verpflichtung, manche verlangen eine gehäufte Abgabe von Arbeiten oder zusätzliche Prüfungen. Für die Annahme zum Doktoratsstudium – nach dem B.A., der M.A. wird auf dem Wege geprüft und vergeben – ist das fließende Deutsch Vorbedingung, ebenso ein gewisses Übersichtswissen, die Fähigkeit gut zu schreiben und selbstständig zu argumentieren. Wir verlassen uns da auf Texte, die der Studierende mit seiner/ihrer Bewerbung einreicht, auf Empfehlungsbriefe oder auf Vorstellungsgespräche. Auf der Promotionsebene – auch hier müssen noch einige Jahre Seminare besucht werden, sogar nach dem M.A.– sind die Studierenden wieder vergleichbarer mit deutschen Studierenden, nur unsere Konzeption der „Germanistik“ ist nicht immer die gleiche.

Amerikanische Universitäten schaffen einen eigenen Harmonisierungsprozess, sodass die Studiengänge international besser verknüpft werden können und es zu mehr Studentenaustausch kommt. Ist das an Ihrer Universität auch spürbar?

Die Grenzen zwischen den Disziplinen ist sehr porös, dies gilt auf der Ebene der Studierenden wie auf der der Lehrenden. Mein eigener Fall ist vielleicht ein gutes Beispiel. Mein Titel setzt mich über individuelle Abteilungen innerhalb der School of Arts and Sciences (dem Zentrum des Colleges und der geisteswissenchaftlichen/naturwissenschaftlichen Fakultät) hinaus. Ich unterrichte in verschiedenen Abteilungen, die natürlich meine Lehrangebote akzeptieren müssen. Schwieriger ist allerdings der Universitätswechsel bei den Studierenden. Es wird nahegelegt, dass Studierende ein Semester des Junior-Jahres im Ausland verbringen, dies meist unter der Aufsicht der Heimatuniversität, die eigene Kurse dort entwirft oder beaufsichtigt. Für Studierende des Auslandes ist es aber schwierig, einfach für ein Semester oder Jahr an eine amerikanische Universität zu kommen, dies liegt sowohl an der Gebührenstruktur wie am Auswahlsystem. Und Studierende, die die Universität wechseln möchten, sollten dies möglichst frühzeitig tun – und müssen sich, als sogenannte transfer-students, wieder den rigorosen Aufnahmeritualen unterziehen.

Die amerikanische Universität wird hier gern als Vorbild angesehen – worin wäre sie vor allem Vorbild?

Ich hatte schon erwähnt, dass das Pendel jetzt umgeschwungen ist – man sollte amerikanische Universitäten weder blanko verurteilen noch bewundern. Aber ich persönlich liebe die Flexibilität des Systems und die Freiheiten, die dort gegeben sind – seltsamerweise sind es gerade die Freiheiten, die einst dem deutschen System zugesprochen wurden.

Was vermissen Sie aus dem deutschen Studiensystem in Amerika?

Ich unterrichte sehr oft – nahezu jedes Jahr – als Gastprofessorin in Deutschland. Das intellektuelle Leben findet hier auch viel weitgehender außerhalb der Universität statt. Ich vermisse das hier in den Staaten, wo sehr viel des kulturell-intellektuellen Lebens auf die Universitäten konzentriert ist, die wiederum Elfenbeintürmen gleichen können.

Ist die Studienberatung und -begleitung effizienter als hier?

Keine Frage – die Studienberatung in den Staaten ist fortlaufend und grundlegender Teil des Studiums wie der Aufgaben der Lehrenden. Ein Studierender kann auch nicht einfach „durchs Netz fallen“ – wenn ich zum Beispiel von einem meiner Studenten ein oder zwei Wochen nichts hören, melde ich mich per email oder Anruf, um nachzufragen. Das wäre für deutsche Studierende vielleicht sogar beängstigend – und für deutsche Professoren kaum denkbar.

Kümmern sich Professoren stärker als hier um das berufliche Fortkommen ihrer Studenten?

Es ist Teil unserer Aufgabe, uns um die Karriere unserer Studierenden zu kümmern. Wir helfen in jeder Hinsicht sehr aktiv bei der Jobsuche. Nicht nur die Universität ist daran interessiert. Unser Ruf als Professoren hängt davon ab, ob unsere Studenten eine Stelle finden – und wie gut sie ist.

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