Was hat mein Urin mit meiner Seele zu tun?

Das Internet ist eine Idee Gottes, die der Mensch nur nach-gedacht hat und für deren Konsequenzen er die volle Verantwortung hat. Eine Erwiderung. Von Alexander Pschera
Foto: dpa | Digitale Entspannung: Auf einer sogenannten „Smartbench“, einer Hightech-Sitzbank, kann man das eigene Smartphone aufladen lassen – vermutlich auch etwas die Seele.

Es ist nicht leicht, auf den Beitrag „Eine neue Datenreligion“ von Yvonne Hofstetter und Friedrich Graf von Westphalen, erschienen in der „Tagespost“ vom 25. März 2017, sine ira et studio zu antworten – vor allem als ein katholischer Autor, der sich in zahlreichen Büchern mit den, durchaus auch spirituellen, Dimensionen der Digitalisierung auseinandergesetzt hat. Das aus zwei Gründen: Erstens werden die Argumente dieses Beitrags in einem hysterisch-polemischen Ton vorgetragen. Zweitens versucht der Artikel, eine hochkomplexe Wirklichkeit mit Gemeinplätzen zu beschreiben (das wird schon allein daran ersichtlich, dass BIG DATA stets in Versalien geschrieben ist). Der erste Grund provoziert eine ebenso emotionale Antwort, die der Sache nicht gerecht werden würde. Der zweite Grund könnte dazu verleiten, den Artikel als nicht satisfaktionswürdig zu betrachten. Ich will aber dennoch versuchen, die in diesem Text vorgebrachten Argumente zu isolieren und ihnen zu entgegnen. Ich tue das als traditionalistischer Katholik, Medienphilosoph und Unternehmer, der sich täglich mit der Realität der Digitalisierung auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens auseinandersetzt. Versucht man, die Argumentationsstruktur des Textes zu rekonstruieren, so ergibt sich folgender Ablauf.

Erstens: Die Zusammenführung verschiedener Disziplinen, die alle auf dem Prinzip der Datenanalyse fußen, führt zu einer neuen Vorherrschaft dessen, was Harari in seinem Buch „Dataismus“ nennt (ich verweise in diesem Zusammenhang auf meinen Essay „Dataismus. Zur Kritik der anonymen Moral“, Matthes & Seitz Berlin 2013). Computertechnologie und Biowissenschaften gehen Hand in Hand, um den Menschen auf einen Datensatz zu reduzieren, der dann beliebig manipulierbar wäre.

Zweitens: Dieser Dataismus erzeugt ein neues Menschenbild, den Homo Deus, der das Bild des Homo sapiens ablöst. Der Mensch maßt sich an, an Gottes Stelle zu treten. Damit stehen die Freiheit des Menschen und seine Würde auf dem Spiel. Der Glaube an diese Datenmodelle ist so ausgeprägt, das man von einer Datenreligion sprechen kann. Drittens: Der Mensch wird darauf konditioniert, Gefühle und Erfahrungen nicht mehr als authentische Aktionen seines Ich wahrzunehmen, sondern sein Smartphone ist seine Seele. Ohne dieses Spielzeug stürzt er in bodenlose Langeweile. Viertens: Hinter dieser Datenreligion steht ein allmächtiges Netzwerk aus Unternehmen und Organisationen, das seinen Sitz im Silicon Valley hat und von dort die Weltherrschaft anstrebt. Fünftens: Der klassische Humanismus, der für die abendländisch-christliche Tradition steht, wird abgelöst von einem sogenannten „Transhumanismus“, der den Mensch immer weiter optimieren will, um ihn immer weiter zu perfektionieren für die Anforderungen der modernen (Arbeits)Welt und um ihn letztlich unsterblich zu machen.

Zunächst muss man sich darüber klar werden, dass das Auswerten großer Datenmengen keine Erfindung von IT-Konzernen oder Geheimdiensten ist, sondern das Prinzip der Naturwissenschaften und damit die Logik des humanitären Fortschritts. Diese Auswertungen können dabei helfen, der Menschheit und den einzelnen Menschen neue Handlungsoptionen zu geben und sie dadurch freier zu machen. Auch wenn die modernen Algorithmen eine neue Qualität der Auswertung bedeuten, sind sie nichtsdestotrotz eine logische Fortschreibung menschlichen Forschens, dessen Notwendigkeit sich aus den Unzulänglichkeiten der Praxis ergibt: Früher trafen Ärzte Entscheidungen, die auf Erfahrung und Bauchgefühl beruhten. Medizinischer Fortschritt trat erst ein, als systematisch Krankheitsdaten gesammelt und ausgewertet werden konnten. So entstanden Therapien und Medikamente. Kein Mensch, der ernsthaft erkrankt, will heute auf den Erkenntnisgewinn aus der Analyse großer Datenmengen zu seiner Diagnose verzichten. Durch big pharmaceutical data ist die Lebenserwartung im letzten halben Jahrhundert um mehr als 25 Jahre gestiegen. Jeder zweite Krebspatient ist heilbar, weil systematisch Patientendaten analysiert wurden. Welche Freiheit ist hier relevant? Die desjenigen, dessen Daten verarbeitet werden, oder die desjenigen, dessen Leben verlängert oder dessen Leiden gemindert werden? Denn Freiheit besteht immer darin, Handlungsspielraum zu besitzen.

Viele andere Beispiele ließen sich anführen: Wer seine eigenen Körperdaten besser kennt, kann Gefahren vorbeugen und spezifische Gesundheitsprogramme entwickeln. Die gescholtene Roboterautomation sichert so mancher Fabrik das Überleben und entbindet Menschen von entwürdigend stumpfer Arbeit. Die Analyse von Bewegungsdaten migrierender Tierschwärme warnt vor Katastrophen wie Tsunamis oder Erdbeben. Und so weiter. All das zeigt, dass Big Data ein humanes Antlitz haben kann. Die gewonnenen Erkenntnisse aus Datenmustern verlängern Leben, verhindern Katastrophen, schaffen Arbeitsplätze. Und je mehr Disziplinen dabei zusammenwirken und Daten austauschen, umso besser, präziser werden die Ergebnisse. Sich gegen einen solche Möglichkeit der Verbesserung der innerweltlichen Lebensbedingungen auszusprechen, wäre eine anti-humanitäre Einstellung, vergleichbar der, auf die Nutzung von Elektrizität zu verzichten, weil es Kurzschlüsse geben kann.

Nun argumentiert der Artikel aber nicht nur positivistisch, sondern sieht, Harari und seinem Buch folgend, in der Datenrevolution eine deistische Dimension. Der Mensch wolle sich mit diesen Technologien an die Stelle Gottes setzen, er wolle sein „wie Gott“. Dieses „Sein-Wollen wie Gott“ ist nichts, was der Datenrevolution spezifisch wäre. Der Erfinder des Steinkeils wollte sein wie Gott, ebenso der Erfinder der Kernspaltung. Der Mensch ist das Spiegelbild Gottes, und jeder Schritt, den er unternimmt, macht er auf Gott zu. So sind auch die Verfehlungen der Hybris, die sich anmaßt, wie Gott sein zu wollen, ex negativo Bewegungen, die auf den Höchsten zulaufen. Ob diese Schritte den Menschen Gott tatsächlich näherbringen, wird sich erst nach seinem Tod zeigen. Diese gefährliche Ambiguität ist dem Christen in die Wiege gelegt, sie hat Christoph Kolumbus ebenso motiviert wie Galileo Galilei und Kepler, sie motiviert aber auch Eugeniker und Abtreibungsärzte, die mit Leben und Tod jonglieren. Zudem: Man muss sich über das zugrundeliegende Gottesbild verständigen. Der Autor des Buches „Homo Deus“ ist Jude, und das ist bei seiner These durchaus zu bedenken. Wer ihm das Recht abspricht, wie Gott sein zu wollen, zwängt ihn damit in eine fundamentalistische Enge, die weder dem Alten noch dem Neuen Testament gerecht wird.

Das alles heißt: Die grundsätzliche Neudefinition wissenschaftlicher Erkenntnis durch eine systematische Auswertung großer Datenmengen stellt keinen Paradigmenwechsel im Verhältnis zwischen dem christlichen Gott und der Menschheit dar, vielmehr bringt sie das dem Christen innewohnende Streben nach Schöpfertum zum Ausdruck. Das Internet ist, wenn man so will, eine Idee Gottes, die der Mensch nur nach-gedacht hat und für deren Konsequenzen er die volle Verantwortung hat. Ich denke nicht, dass Gott damit einverstanden wäre, würden wir eine Idee, die er uns nahegelegt hat, aus Angst vor Verantwortung grundlegend ablehnen. In der Mehrzahl der Big-Data-Anwendungsfälle überwiegen ja auch die positiven Aspekte die negativen. Dort, wo es unter ethischen Gesichtspunkten kritisch wird (Lebensschutz), wird der Christ kompromisslos widersprechen. Dort, wo es irrelevant ist, was mit den Daten geschieht, wird er lächelnd darüberstehen. Nicht Big Data-Anwendung ist mit einer Abtreibung oder einer genetischen Manipulation gleichzusetzen. Indem die Autoren das suggerieren und dahinter ein System der Macht vermuten, schießen sie meilenweit über ihr Ziel hinaus und machen das christliche Menschenbild viel kleiner, als es ist.

Auf der einen Seite verführt der Dataismus also zu Hybris. Auf der anderen Seite gefährdet er, so der Text weiter, die Freiheit und die Würde des Menschen. Nun, alle diejenigen, die mit Daten arbeiten und diese Modelle entwickeln, haben ja offensichtlich alle Freiheit der Welt, das zu tun, was sie tun. Was sich hier ereignet, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Verschiebung im Koordinatensystem der Eliten, wenn man als „Elite“ diejenige Gruppe versteht, die in einem sozialen System die größte Freiheit genießt. An die Stelle der Schriftgelehrten der vergangenen Jahrhunderte tritt nun die alphanumerische Elite, das heißt es triumphieren jene Techniker, die die Algorithmen programmieren können. Ihre Freiheit muss grenzenlos sein. Sie sind die Subjekte des Dataismus, sie stoßen das Tor in eine neue Methode der Analyse von „Welt“ auf.

Aber gilt diese Freiheit auch für die dataistischen Objekte, also die Mehrzahl der Weltbevölkerung? Erzeugen die Algorithmen, die wie moderne Zauberformeln wirken, wirklich Unfreiheit? Ist man nicht freier, wenn man an jedem beliebigen Punkt der Welt zu jedem nur erdenklichen Zeitpunkt arbeiten kann? Ist man nicht freier, wenn man mit seinen Angehörigen rund um den Globus über Smartphones kommuniziert? Ist man nicht freier, wenn einem durch präzise medizinische Applikationen Lebensjahre geschenkt werden? Und ist man nicht auch ganz einfach freier, wenn man mit einem Klick den günstigsten Flug ermitteln kann, um so mehr aus seinem Reisebudget herauszuholen? Diese konkreten Freiheiten sind es, die uns die Algorithmen schenken und die uns angehen. Ich kann ungefähr verstehen, warum jemand in die Situation kommt, seine „Freiheit“ durch den Schatten der Datenwolke, die über ihn hinwegzieht, eingeschränkt zu sehen. Ich kann dieses Gefühl verstehen. Ich kann aber nicht verstehen, wie sich dieses Gefühl bei genauem Nachdenken nicht in Luft auflöst. Denn welche konkrete Form der Freiheitseinschränkung sollte damit einhergehen? Das viel zitierte Argument gegen Big Data, Menschen würden transparent werden und aufgrund ihrer Krankheitshistorie bestimmte Jobs oder Versicherungsleistungen nicht bekommen, mutet wie ein schlechter Witz an in einer Gesellschaft, die das Antidiskriminierungsgesetz erfunden hat und über geschlechtsneutrale Toiletten diskutiert. Unsere Institutionen sind stark genug, diese potenziellen Ausgrenzungen auszuwuchten.

Wichtig ist auch: Alle im Text zitierten Freiheiten sind innerweltliche Freiheiten, auf die ein radikaler Christ freiwillig verzichten könnte. Die echte Freiheit, die gegenüber meinem Herrn, gegenüber der Heiligen Dreifaltigkeit, gegenüber der Muttergottes, gegenüber den Heiligen, gegenüber dem Unsichtbaren – hat mit Daten und Wissenschaft ohnehin nichts zu tun. Aber genau um diese innerweltliche Freiheiten geht es den Autoren, wenn sie behaupten, die Datenrevolution würde die demokratisch verbriefte Freiheit des Menschen einschränken. Das mag dann vielleicht ein politisches Problem sein, an einer echten, selbstbewussten christlichen Grundhaltung kann aber kein Roboter rütteln.

Auch die Würde des Menschen sehen die Autoren unter Datenbeschuss. Ihr Argument lautet: Der dataistische Mensch erschließe durch Big Data sein Wesen, sein Innerstes, seine Körperfunktionen, indem er zum Beispiel seinen Urin analysiert, um sich fitter zu machen und leistungsfähiger zu werden. Erstens: Was ist schlecht daran, fitter zu werden? Und vor allem zweitens: Was hat mein Urin mit meiner Seele zu tun? Was mein Fitnessprogramm mit meinem Gottesbild? Selbst wenn alle meine Körperprozesse als Datenmodell abgebildet werden könnten, würden meine Frau und meine Kinder mich weiterhin lieben. Und mein Arzt erst recht. Die Autoren scheinen der Meinung zu sein, dass die Würde des Menschen von einer bestimmten Form des Nicht-Wissens und der Unschärfe abhängten. Ich kann einen Menschen nur dann schätzen, wenn ich nicht alles von ihm weiß. Wäre es tatsächlich so bestellt, dann hätte niemand von uns eine Würde vor Gott, der alles über uns weiß. Die Würde des Menschen muss Bestand haben auch in einer Situation der totalen Transparenz und Erniedrigung, sei es in einem KZ oder in einem Datenscanner. Sonst ist sie eine erbärmliche Würde. Eine solche Würde ist immer auf dem Rückzug vor der nächsten Innovation. Mit der Würde der Gotteskinder kann sie nichts zu tun haben. Schließlich noch ein Wort zu der Silicon-Valley-Verschwörungstheorie und zum Transhumanismus. Sicher arbeiten die führenden Unternehmen in Kalifornien auf Basis eines neuen Menschenbildes. Jeder, der eine neue Technologie erfindet, tut das. Gottfried Daimler hat das getan, und Gutenberg auch. Und freilich sind sie darum bemüht, möglichst viele Bereiche des Lebens mit ihren Algorithmen zu durchdringen.

Das ist ihr Job. Und dass sich dadurch die Gesellschaft verändert: geschenkt! Aber dass es ihnen darum geht, Menschen zu manipulieren, ihnen Freiheit und Würde zu rauben, wie die Autoren behaupten, ist ausgemachter Unsinn. Sie bieten ihren Nutzern technologische Möglichkeiten an, und die Nutzer haben immer die Freiheit, diese nicht anzunehmen. Und was den Transhumanismus angeht: Das ist nicht mehr als die Nischenphilosophie einiger College-Philosophen, die ihren Nietzsche nicht gut verdaut haben. Ihre Gedankenmodelle haben nie und nimmer die Kraft, die Ideen und Institutionen der christlichen Welt zu besiegen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Christen nicht in Kulturpessimismus verfallen, sondern sich der unglaublichen Integrationskraft ihres Glaubens bewusst sind, der schon ganz andere Monster gebändigt hat als Smartphones, Roboter und sprechende Kühlschränke.

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