Was als Grundfunktionen der Kirche gilt, gibt es auch im Netz

Hubertus Schönemann glaubt, dass die Pastoral vom Internet über Kommunikation lernen kann. Von Clemens Mann
Foto: Archiv | Hubertus Schönemann leitet die Arbeitsstelle für missionarische Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz.
Foto: Archiv | Hubertus Schönemann leitet die Arbeitsstelle für missionarische Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz.
Sie leiten die Arbeitsstelle für missionarische Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz, die ein Referat für Internetseelsorge beinhaltet. Ist das Internet Fluch oder Segen für die missionarische Pastoral?

Das Internet ist ein Medium und kann daher beides sein. Es kommt darauf an, wie der Mensch dieses Medium nutzt. Es ist wichtig, dass der Mensch das Medium benutzt und nicht umgekehrt. Es lassen sich im Internet viele Bereiche zusammenbinden: Video, Audio, Print. Es ist das Kombimedium der sich entfaltenden Moderne. Web 2.0 Anwendungen und Social Media wie facebook sind gerade für die jüngere Generation entscheidende Faktoren für ihr Identitätsmanagement – „Wer will ich sein? Wer bin ich?“ –, ihr soziales Management – „Wie sehen mich die anderen?“ Zugleich werden sie dort zunehmend mit Informationen versorgt, die andere, zum Beispiel Freunde, für sie als wichtig erachten. Dann kommen noch zwei Aspekte hinzu, in denen das Internet zum Lernfeld und Symbol wird: Wir stellen fest, dass Menschen im Internet anders kommunizieren. Sie werden vom Konsumenten zum Mitproduzenten. Sie gestalten aktiv einen Kommunikationsvorgang mit und sind nicht nur Rezipienten. Ein Diskurs, der im Internet stattfindet, ist ein Diskurs auf gleicher Augenhöhe.

Wird missionarische Pastoral schwieriger?

Missionarische Pastoral kann davon lernen, wie Menschen in Zukunft kommunizieren werden. Wir müssen Formate anbieten, die die Menschen mit ihrer Art der Kommunikation und ihren Ansicht ernst nehmen und ihren Raum geben, sich dort zu entfalten und in Berührung mit Gott zu kommen. Das ist für mich auch eine Anfrage an die Katechese als Glaubenskommunikation innerhalb der Kirche. Wir haben viel zu wenig Platz für Leute mit ihrer eigenen spezifischen Glaubensgeschichte.

Sie plädieren für mehr Vielfalt in der Kirche?

Ich halte das Thema Pluralität für das entscheidende Thema unserer Zeit. Es gibt eine Pluralität von Lebensentwürfen in der Gesellschaft und auch in der Kirche. Ich erlebe das gar nicht uniform. Die Zukunftsherausforderung wird es sein, mit dieser Pluralität konstruktiv umzugehen. Unternehmen begreifen Vielfalt unter dem Stichwort „Diversity Management“ als Zukunftsressource. Warum sehen wir das nicht auch in der Kirche als Chance? Katholisch meint ja gerade eine Vielfalt in der Kirche, eine Fülle verschiedener Lebensäußerungen des Glaubens.

Was geschieht momentan an Pastoral im Internet?

Es gibt ein sehr breit gefächertes Angebot an Beratung und seelsorgerliche Begleitung. Das ist immer ausgebucht. Es gibt Angebote, wo Menschen eine Fürbitte oder ein Gebetsanliegen im Internet hinterlassen können und das Ordensgemeinschaften dann im Gebet aufgreifen. Stundengebete werden live oder als Podcasts ins Internet übertragen. Es gibt die Möglichkeit, sich in Foren über den Glauben auszutauschen. Alles, was als Grundfunktionen der Kirche gilt, findet sich in gewisser Weise im Netz wieder.

Wie beurteilen Sie das Phänomen „Facebook-Gottesdienst“?

Das ist natürlich am 1. April ein Versuch gewesen. Man muss sich überlegen: Was ist für uns das Wesen des Gottesdienstes? Ich erinnere daran, dass es im Fernsehen auch die Möglichkeit gibt, einen Gottesdienst mitzuvollziehen. Das Fernsehen ist dann das Medium, das Menschen gottesdienstlich miteinander verbindet. Es ist ein liturgiewissenschaftliches Thema, das wir noch vertiefen müssen. Es wird aber nicht möglich sein, Sakramentsfeiern, Eucharistiefeiern oder Kommunionspendungen ins Netz zu übertragen. Überall dort, wo ein Realsymbol dabei ist, gelingt dies nicht über solche Transmissionswege. Dennoch finde ich Gottesdienste im Netz spannend. Liturgie heißt ja nicht nur Sakramentenfeier, sondern auch miteinander beten. In solchen „Sakramentalien“ und liturgischen Grundformaten bietet das Internet gute Möglichkeiten.

Pastoral im Netz ist damit auch immer ergänzungsbedürftig durch die Begegnung mit dem Menschen?

Es gibt beides: Es gibt Menschen, die im Internet in Anonymität einen Erstkontakt haben wollen und bei der Begegnung im Netz bleiben. Jedoch: Aus dem Internet können auch reale Kontakte entstehen. Auf der kirchlichen Wiedereintrittsplattform www.katholisch-werden.de können nach einem Mailkontakt auch Direktkontakte zu den Pfarreien hergestellt werden. Mancher Kaplan und Pastorale Mitarbeiterin nutzt Facebookseiten als Rahmen der Firmkatechese. Der Kreativität ist keine Grenze gesetzt. Es gibt viele Formen, bei denen der virtuelle Kontakt in eine reale Vergemeinschaftung übergehen kann. Ich würde aber auch die Vergemeinschaftung im Internet nicht unterschätzen. Ich habe neulich mit einer Frau gesprochen, die als Erwachsene getauft worden ist und Schwierigkeiten hatte, in einer Pfarrei mit ihrer Glaubensgeschichte und ihrer Konversionserfahrung Anschluss zu finden. Diese Frau ist mittlerweile in einem Kreis, der sich in einem Internetchat trifft und dort regelmäßig den Rosenkranz betet.

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