Warum das Osterei leer ist

Eine Begegnung der vorösterlichen Art auf Wiens Kohlmarkt – Gedanken zu einem alten Symbol der Auferstehung. Von Urs Buhlmann
Osterreiter seit 71 Jahren
Foto: dpa | Ein Osterei mit dem Lamm als Symbol für Jesus Christus.

Ganz in der Nähe der Hofburg, in bester Lage der Wiener Innenstadt, findet sich jenes Kaffeehaus, das noch eine Spur vornehmer ist, dessen Erzeugnisse noch etwas exquisiter sind und wo dem geneigten Kunden noch eine altmodische Anrede in der Dritten Person zuteil wird: Haben schon gewählt?

Zwar herrscht auch an dieser schönen Stätte allzu oft drangvolles Geschiebe der Touristenmassen, zwar ist auch dieses bedeutende Haus nur noch Teil einer Kette von Gastronomie-Betrieben, doch hat sich ein gewisses Fluidum erhalten, auch der schönen klassizistischen Einrichtung geschuldet. Jenes Kaffeehaus führt eine Tradition aus der Zwischenkriegszeit fort, damals, als noch die „Wiener Werkstätten“ für die aufwändigen Verpackungen der Naschereien zuständig waren, nämlich aufwändig gestaltete Schaufenster-Auslagen.

Als das unweit Wiens gelegene Stift Klosterneuburg 2014 sein neunhundertjähriges Bestehen feierte, baute man den gesamten Barocktrakt des Klosters in Zuckerguss nach, samt der Kuppel mit der Krone des Heiligen Römischen Reiches. In vorweggenommener Osterstimmung ziert nun ein überdimensionales, mannshohes Osterei das Fenster.

Wir dürfen uns auf ein Leben in der Fülle freuen

Zugegeben, nicht gerade sehr originell, aber man muss es gesehen haben, um es zu glauben: Es ist das Ei aller Eier, ein Schokolade und Zucker gewordener Kalorien (Alp-)Traum, ein Trumm von einem Konfiserie-Stück. Nicht nur die schiere Größe nimmt Wunder, es ist vor allem die aufwändige Verzierung, die ins Auge fällt: Schicht um Schicht der ringartig verlaufenden Ornamente in anderen Farben, mit unterschiedlichen Schoko-Kaffeebohnen, diversen Marzipan-Blüten, munter im Kreis laufenden Krokant-Kaninchen belegt und bestückt, so dass dieses Giga-Osterei selbst dem Auge desjenigen etwas zu bieten vermag, dessen Gaumen sich nicht an Süßem freuen mag. Versteht sich von selber, dass ähnlich aufwändig verzierte, aber vom Format her wesentlich kleinere Exemplare am Tresen des Naschtempels auch käuflich zu erwerben sind.

Nun haben Ostereier – nicht alle, aber doch die meisten – etwas gemein: So prächtig sie ausschauen mögen, so sehr man versucht sein mag, einfach einmal hinein zu beißen – das Ei ist leer. Die appetitanregende Hülle, prachtvoll geschmückt in diesem Fall, verbirgt die innere Leere. Das ist betrüblich, aber zugleich auch ein Zeichen, das zu denken gibt: Der Mensch, auf die Fülle hin geschaffen, vielleicht auch nach einer Zeit des Fastens und der inneren Einkehr eines besonderen Leckerbissens bedürftig, stellt fest, dass das so farbenprächtig geschmückte Osterei tatsächlich ein non-ens ist, seiner eigentlichen Mission nicht gerecht wird!

Der typische Zeitgenosse des frühen 21. Jahrhunderts, der Religion eher entwöhnt, hat sich ja dafür öfters als Ersatzkult der Fitness verschrieben, die, wenn sie etwas wert sein soll, mit der Kasteiung des Körpers, mit dem Verzicht auf Kalorien einhergeht oder jedenfalls zum schlankeren Körper führen soll. Alles gut und schön, zu Ostern darf aber darauf aufmerksam gemacht werden, dass es jedenfalls etwas gab und gibt, bei dem die Leere generell vorzuziehen und positiv zu werten ist: „Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala, frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war“ – so beginnt der Bericht, der damit endet, dass die Jünger – manche glaubten es sofort, andere brauchten dafür länger – das leere Grab Jesu, des Gekreuzigten, in Augenschein nahmen. Sie sahen, dass sie nichts sahen, aber sie glaubten. Und als dieser Glaube durch die Erscheinung des Auferstandenen unendlich gestärkt worden war, verkündeten sie diese wahre frohe Botschaft und gingen dafür schlussendlich in den Tod. Das Ei, altes Symbol der Auferstehung, mag leer sein; wenn man es als Schmuck für in einer Vase drapierte Zweige verwendet, muss es sogar leer sein. Viel wichtiger und umstürzender ist, dass das Grab Jesu leer war, wie es in allen vier Evangelien berichtet wird. Gerade weil das Neue Testament den Vorgang der Auferstehung nicht beschreibt, nicht beschreiben kann, ist das leere Grab ein nicht von der Hand zu weisendes, mächtiges Zeichen. Gerade deswegen auch wird das Nicht-mehr-vorhanden-Sein des Leichnams bestritten, gibt es seit ältesten Zeiten die Behauptung, die Jünger – womöglich schon in der Absicht der Begründung eines Kultes, also als Auftakt einer Religionsgründung – hätten den Leib ihres Meisters gestohlen. Die Theologie-Geschichte lehrt, dass viele von denen, die Probleme haben, den Sohn Gottes als wahren Menschen anzuerkennen, es auch problematisch finden, vom leeren Grab zu sprechen. Diese Doketisten – so nannte man jene Skeptiker – sind keineswegs ausgestorben. Sie vertreiben heute unter dem Deckmantel der Gnosis ihre Ketzereien. Der Glaube der Einfachen aber hat Zukunft. Halten wir uns an das leere Grab, aber zeigen wir zu Ostern, dass wir uns auf ein Leben in der Fülle freuen dürfen.

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