Wähleransprache mit Big Data

Überlegungen zur Manipulation von Abstimmungen – Algorithmen sollen das politische Wahlverhalten von Social Media-Usern prognostizieren. Von Stefan Meetschen
CeBIT 2015
Foto: dpa | Wahlmanipulation: Mit Hackerangriffen während der kommenden Bundestagswahl könnte das nächste Level von Big Data erreicht werden.

Der Artikel, der kürzlich in der Online-Ausgabe des Schweizer „Tages-Anzeiger“ erschien, wirkt wie eine „Big Data“-Grusel-Erzählung: Ein junger Wissenschaftler aus Polen, der mittlerweile als Professor in Harvard unterrichtet, wird darin als Urheber eines neuen digitalen Erhebungsverfahrens porträtiert.

Wer sich emotional gibt, gewinnt – so ist das System

Er checkt die „likes“ von Facebook-Nutzern und leitet auf Grundlage dieser Vorlieben ihr Persönlichkeitsprofil ab. Am Tag nach der US-Wahl stellt der Wissenschaftler mit Schrecken fest, dass Donald Trump die Wahl gewonnen hat – vermutlich, weil eine britische, den Rechtspopulisten nahestehende Big Data-Firma, die Methode des Wissenschaftlers gestohlen hat.

Der Artikel wurde ein viraler Hit. Viele Medien widmeten sich dem Thema. Kein Wunder: schließlich wird 2017 auch in Frankreich, Holland und der Bundesrepublik gewählt. Drohen rechtspopulistische Gewinne durch eine perfekt manipulierte, Algorithmen-gestützte Ansprache der Wähler? Im Interview mit der „Welt“ hat sich der Wissenschaftler namens Michal Kosinski von einigen Suggestionen des Artikels hinsichtlich der Big Data-Firma zwar distanziert, doch im Wesentlichen bestätigt er, dass man mit dem von ihm entwickelten Erhebungsverfahren, der „Psychometrie“ von Facebook-Nutzern, durchaus für den Wahlkampf interessante Daten ermitteln kann, da selbst wenige oder gerade wenige „likes“ Rückschlüsse auf die politische Gesinnung zulassen. „Es mag absurd klingen, aber je weniger Likes Sie verteilen, desto leichter machen Sie uns die Arbeit. Das ist wie beim Sprechen. Bei Menschen, die wenig reden, bekommt das einzelne Wort mehr Gewicht als bei Menschen, die ununterbrochen reden. Man erkennt schneller, was den Menschen wirklich wichtig ist“, so Kosinski gegenüber der „Welt“.

Auf Grundlage des sogenannten „Fünf-Faktoren-Modells“ oder „Ocean-Verfahrens“, das die menschliche Persönlichkeit in fünf Bereichen untersucht (Gewissenhaftigkeit, In- oder Extroversion, Erfahrungsoffenheit, emotionale Labilität, Hilfsbereitschaft) analysiert Kosinski das Konsumverhalten der Menschen. Die Zuordnung zur Politik – ein möglicher Themenlink neben vielen anderen. Die Fans von Lady Gaga seien, so Kosinski, „eher extrovertierter, widerborstiger und konservativer als der Durchschnitt. Unterm Strich tendieren sie eher zu den Republikanern.“ Ein Fan von Lady Gaga und gleichzeitig ein Fan von Donald Trump?

Angesichts eines derart ungewöhnlichen Persönlichkeitsprofils versteht man, wieso es in Deutschland Social Media-Experten gibt, welche vor einem naiven Kult rund um „Psycho-Algorithmen“ warnen. So betont der Technologie-Redakteur des Deutschlandfunks, Falk Steiner, dass der „eigentliche Clou der Technologie“ darin liege, „dass sie fein herausarbeiten soll, wer für welche Botschaften empfänglich ist – und darauf reagiert“. Es handle sich „um eine besonders genaue, digitale Zielvorrichtung für jene, die für die Botschaften der Wahlkämpfer empfänglich sind“, so Steiner.

Das sieht Kosinski ähnlich. Trump, so der polnische Wissenschaftler, der ein hochdotiertes Stellen-Angebot von Facebook abgelehnt hat, habe „die Wahl nicht gewonnen, weil er das Internet für seinen Wahlkampf genutzt hat, sondern weil er die Wähler auf seine emotionale Art am besten angesprochen hat“.

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