Wadenbeißer mit Herz

Eine neue Biographie zeichnet die politische Karriere von Markus Söder nach, vergisst aber nicht den Menschen. Von Sebastian Sasse
Patronatstag der bayerischen Gebirgsschützen
Foto: dpa | Wenn Markus Söder so etwas wie einen politischen Ziehvater hat, dann ist es Edmund Stoiber. Ihm diente er als Generalsekretär und auch jetzt tauscht sich Söder mit dem CSU-Ehrenvorsitzenden regelmäßig aus.

Im Bierzelt: Markus Söder steht am Rednerpult. Bevor er mit seiner Ansprache beginnt, wird erst einmal der Kellner bemüht. „Habt ihr nicht was Anständiges zu trinken?“ Unter großem Applaus wird Söder seine Mass Bier serviert, aus der er natürlich sofort einen kräftigen Schluck nimmt. Danach wandert der Krug allerdings an den Rand des Pultes und dort bleibt er auch bis zum Ende des Auftrittes unberührt stehen. Markus Söder trinkt nämlich am liebsten Wasser oder Cola light. Aber er weiß eben auch, was beim Publikum im Bierzelt gut ankommt.

Es ist eine Szene mit Aussagekraft, die die beiden Autoren Roman Deiniger und Uwe Ritzer schildern. Denn in ihr werden alle die Mosaiksteine erkennbar, die einmal zusammengefügt das öffentliche Bild des Markus Söder ergeben, wie wir ihn kennen. Da ist zuerst der PR-Profi, der Mann, der weiß, worüber der Stammtisch diskutiert und der es schafft, diese Wünsche so aufzugreifen, dass der Stammtisch das auch merkt. Söder sucht die Öffentlichkeit, ob via Fernsehen oder Facebook, und er formuliert klar, deutlich, pointiert. Manche nennen das Brachialrhetorik. Söder würde wohl eher sagen, dass er wie sein großes Vorbild Franz Josef Strauß dem „Verein für deutliche Aussprache“ angehöre. Ein zweiter Aspekt: Söder ist diszipliniert und fleißig. Auch wenn er Bier nicht mag: Er spürt, wann er den Krug heben muss, weil es die bayerische Basis so erwartet. Sich selbst etwas abverlangen – dies gilt viel mehr noch für seine Arbeitsweise. Die Autoren führen Beispiele von Weggefährten an, die belegen: Wenn es um Politik geht, steht Söder 24 Stunden zur Verfügung. Freilich, so klingt auch immer durch, ein Arbeitsstil, den er auch seinen Mitarbeitern abverlangt. Schließlich, Söder hat einen politischen Willen. Oder anders: Sein Verhältnis zur Macht ist nicht durch Selbstzweifel angekränkelt. Wenn er in einem Bierzelt steht, dann will er das Publikum überzeugen. Wenn er eine Idee hat, dann will er sie politisch umsetzen. Wenn er zu einer Wahl antritt, will Söder sie gewinnen – und zwar hoch und eindeutig.

PR-Profi, Disziplin und politischer Wille – diese drei Talente, die er bereits bei den ersten Schritten in der Jungen Union und später als jüngster Landtagsabgeordneter gezeigt hat, Söder konnte sie ab 2003 als CSU-Generalsekretär endlich voll ausleben. Vier Jahre lang stand ihm die gesamte öffentliche Bühne zur Verfügung. Schon vorher klebte an diesem Amt das Etikett „Wadenbeißer“, Söder steigerte aber alles bisher Dagewesene. Um im Bild zu bleiben: Er biss in jede nur mögliche Wade und zwar kräftig. Wie stark er das Selbstverständnis des CSU-Generalsekretärs geprägt hat, zeigt sich schon daran, wie sehr seine Nachfolger Alexander Dobrindt und Andreas Scheuer sich sichtlich darum bemühten, ihrem „Meister“ nachzueifern. Das Amt hat aber auch nachdrücklich Söder geprägt, es kommt seiner Lust an der Provokation entgegen. Deswegen ist er der stärkste Gegner der von Angela Merkel favorisierten so genannten „asymmetrischen Wählermobilisierung“: bloß keine Polarisierung, so wenig Klarheit wie möglich. Bei Söder heißt die Devise stattdessen: Viel Feind, viel Ehr. Sein Vorbild ist dabei neben dem seligen FJS vor allem Edmund Stoiber. Es sei – soweit das bei beiden überhaupt möglich sei – wie die Autoren beschreiben, fast so etwas wie ein politisches Vater-Sohn-Verhältnis. Noch heute schätze Söder Stoibers Rat, und der CSU-Ehrenvorsitzende sucht ja in der Tat seit dem Amtsantritt Söders wieder verstärkt die Öffentlichkeit; sei es, um Merkel zu kritisieren, sei es, einen anderen Kurs in der Russland-Politik einzufordern. Söder hielt auch dann zu Stoiber, als dieser von seiner eigenen Partei als CSU-Vorsitzender und Ministerpräsident demontiert worden ist. Zumindest sei Söder länger loyal gewesen, als viele es ihm zugetraut hätten, die in ihm nur den reinen Machtmenschen sehen wollen, bilanzieren die Autoren. Söder hat allerdings eine Eigenschaft, die Stoiber eher abgeht, er hat Witz. Es ist weniger die intellektuelle Spitze, sein Humor ist frech, hat aber auch Charme. Söder – der Filou.

Diese Biographie zeigt auch auf, wie der Mensch Söder geprägt worden ist: Vater Max, ein Handwerker, hat ein kleines Bauunternehmen in Nürnberg, Mutter Renate ist Hausfrau. Der heute 51-Jährige wächst in stabilen, mittelständischen Verhältnissen mit einer Schwester auf, verliert so nie die Bindung zu der sogenannten „Leberkäs-Etage“. Das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns, die Familie als soziale Basis – alles dies gehört zu seiner christlichen Erziehung. Aus dieser Prägung macht der fränkische Protestant, der in einem privaten Gebetskreis Mitglied ist, keinen Hehl. Er steht zu ihr. Und wie die Autoren an Beispielen zeigen, schlägt sich dies im Umgang mit Mitarbeitern und politischen Mitstreitern, aber auch den Gegnern nieder. Söder kann scharf formulieren, aber gegenüber persönlicher Not zeige er auch Mitgefühl. Deiniger und Ritzer, die als Redakteure für die Süddeutsche Zeitung arbeiten, haben eine Biographie aus kritischer Distanz geschrieben, die aber immer fair ist.

Roman Deiniger, Uwe Ritzer: Markus Söder. Politik und Provokation. Die Biographie. Droemer 2018, 363 Seiten, EUR 19,99

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