Wachstum durch Freiheit

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia will künftig Informationen

über das menschliche Gen jedermann zugänglich machen

Die tatsächliche Entschlüsselung des genetischen Codes des Menschens soll schneller vorangetrieben werden. Offiziell gilt die Sequenzierung des menschlichen Genoms als abgeschlossen, seit die am Humangenomprojekt beteiligten Forschungszentren am 21. Oktober 2004 in der Fachzeitschrift „Nature“ eine „hochgenaue Version“ des menschlichen Erbgutes veröffentlichten. Seitdem arbeiten Forscher auf der ganzen Welt daran, die jeweiligen Funktionen zu klären, welche jedes einzelne der rund 25 000 Gene, aus denen der genetische Code des Menschen besteht, besitzt.

Wissenschaftler der Novartis Research Foundation haben nun ein Modell entwickelt, um mit Hilfe der Internet-Enzyklopädie Wikipedia sämtliche verfügbaren Informationen über das menschliche Genom zu bündeln und allen Interessierten zugänglich zu machen. Wie bei Wikipedia selbst sollen dabei registrierte Nutzer auf den Internet-Seiten des sogenannten „Gen-Wiki“ Informationen zu einzelnen Genen hinzufügen oder ändern können. Die Forscher erhoffen sich von ihrem Vorstoß einen raschen Zugewinn an Wissen.

Bisher werden die Erkenntnisse, die Forscher über Aufbau und Funktion einzelner Gene des menschlichen Erbgutes gewonnen haben, überwiegend in wissenschaftlichen Datenbanken gesammelt und von einer vergleichsweise kleinen Gruppe von Wissenschaftlern geprüft und aufbereitet. Der Prozess des sogenannten „Peer Review“ durch wenige Experten ist zeitintensiv und kommt daher nur langsam voran. Mit dem Gen-Wiki soll es nun einer größeren Gruppe von Forschern ermöglicht werden, bereits vorhandene Informationen zu kommentieren und neue hinzufügen. Dazu haben die Wissenschaftler um den US-Amerikaner Andrew Su vom Genomics Institute der Novartis Research Foundation zunächst eine Software entwickelt, die alle in Datenbanken aufbereiteten Informationen automatisch sammelt und nach einem einheitlichen Muster auf einem digitalem Notizzettel bündelt. Diese Notizzettel enthalten eine kurze Beschreibung des Gens, sowie sämtliche Informationen zur Abfolge der einzelnen Gen-Bausteine sowie zu seiner genauen Lage auf einem Chromosom. Ein Link verknüpft den Notizzettel mit der entsprechenden Datenbank, eine Literatursammlung verweist auf weitergehende Texte. Die Notizzettel sollen dann von jedermann durch neue Einträge ergänzt werden können.

Wie die Forscher um den US-Amerikaner Andrew Su vom Genomics Institute der Novartis Research Foundation in einem Beitrag für das Online-Journal „PloS Biology“ schreiben, könnte sich das „Gen-Wiki“ zu einem „wertvollen Sprungbrett“ für die „Zusammenstellung gemeinsamen Wissens“ entwickeln.

Angst vor einer mangelhaften Qualität der hinzugefügten Informationen haben die Initiatoren des Projekts offenbar nicht. Die gegenseitige Kontrolle der Nutzer werde dafür sorgen, dass falsche oder missverständliche Einträge korrigiert würden, schreiben sie. Zudem solle das „Gen-Wiki“ weder die herkömmlichen Datenbanken ersetzen noch als Referenz für wissenschaftliche Forschungsarbeiten dienen. Stattdessen erwarten die Wissenschaftler, dass die Forscher, die auf diesem Gebiet arbeiten, „Gen-Wiki“ und die vorhandenen Datenbanken synergetisch nutzen.

Ob sich die Erwartungen des Forscher-Teams um Andrew Su erfüllen lassen, wird sich jedoch erst zeigen müssen. Um weltanschaulich stark umstrittene Themen wie Abtreibung, Euthanasie, Homosexualität und dergleichen mehr werden auf den jeweiligen Wikipedia-Seiten immer wieder sogenannte „Editor-Wars“ geführt. Dabei liefern sich Befürworter und Kritiker – bisweilen unter Aufbietung ganzer Netzwerke – einen erbitterten Kampf um die Informations- und Deutungshoheit auf den entsprechenden Wikipedia-Seiten, der nicht selten auch die zeitweilige Schließung einer Seite nach sich zieht. Vergleichbares droht auch einem „Gen-Wiki“ spätestens dann, sobald hier Informationen zu Genen publiziert werden, die eine verantwortliche Rolle bei der Entstehung von Krankheiten spielen könnten. Denn dann prallen auch hier Interessen aufeinander; etwa die der Hersteller von Gentests und die von Menschen, die solche Gene besitzen.

Dass der Vorstoß von Wissenschaftlern, die für eine Stiftung eines Pharmakonzerns arbeiten, unternommen wurde, kann indes nicht überraschen. Denn niemand hat gegenwärtig mehr Interesse an einem Zugewinn an Wissen über den detaillierten „Bauplan des Menschens“ als jene, die davon – sei es durch die Entwicklung neuer Tests oder Medikamente, sei es durch das Ausfindigmachen hoffnungsvoller Nachwuchsforscher mit Spezialwissen – auch kommerziell profitieren könnten. Ein weiterer Vorteil: Anders als die in den Datenbanken abgespeicherten Informationen gilt das auf Wikipedia abgelegte Wissen gewissermaßen als „herrenlos“.

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