Vulgäre Reden, obszöne Handlungen

Mit der Serie „Generation Ahnungslos“ zeigt RTL 2 die Dogmen des spätmodernen Lebens Von Alexander Kissler

Auch einen schlechten Ruf muss man sich verdienen: Getreu dieser Devise scheute RTL 2 in der zurückliegenden Woche weder Kosten noch Mühe, um seinen offenbar gefährdeten Ruf als Deutschlands Schmuddelsender Nummer Eins aufzupolieren. Gleich vier neue sogenannte „Dokusoaps“ erlebten ihre Feuertaufe. Das schlecht und recht wie Unkraut aus den zerebralen Untiefen der Redaktionsstuben hervorquellende Genre meint die Aufbereitung dokumentarischer Szenen auf unterhaltsame und wiederkehrende Art. „Dokusoaps“ wollen Geschichten aus dem wahren Leben erzählen, als handele es sich um erfundene Schoten. Tatsächlich dominiert die schrille Inszenierung zulasten eines Inhalts, dessen Authentizität fraglich ist.

Die vier neuen Formate, ausgestrahlt jeweils in der abendlichen Hauptsendezeit, heißen „Abenteuer Afrika – Deutsche Teenies beißen sich durch“, „Das Tier in mir“, „Tattoo Attack – Deutsche Promis stechen zu“ und, als abgründiger Tiefpunkt, „Generation Ahnungslos“. Jeweils eine Stunde dauern die neuen Produkte vom Fließband der Schundschmiede. Sie zeigen, der Reihe nach, acht fettleibige junge Menschen, die in der Kalahariwüste bei einem Eingeborenenstamm ihre Pfunde verlieren und ihre Contenance gewinnen sollen; zwei weitgehende unbekannte Prominente, wie sie für angeblich vier Tage „leben, fressen, kommunizieren und gehen wie Tiere“; zwei noch unbekanntere TV-Prominente bei ihrem ersten beziehungsweise fünften Gang ins Tätowierstudio; eine alleinerziehende Mutter und deren minderjährige Tochter, die sich von RTL 2 und einer Sexualexpertin in die Wonnen der Intimität einführen lassen.

Allen Sendungen gemeinsam ist der zynische, mitunter verächtliche Blick auf die telemedial ausgestellten Menschen. Die acht zwischen 96 und 170 Kilogramm wiegenden Menschen tragen schwer an sich, ihrem Leben, ihrem überschaubaren Umfeld. Was immer die fünf Erwachsenen und drei Jugendlichen bewogen haben mag, einmal selbst Teil der ihnen vermutlich allzu sehr vertrauten Welt des Kommerzfernsehens zu werden – Kandidat Denis sagt einmal sehr leise, sein jetziges Leben sei „öde, langweilig und aussichtslos“: Keines der Motive rechtfertigt es, sich in aller Adipositas fast nackt abfilmen zu lassen und daneben eine „Fett-Akte“ von sich hängen zu sehen, ein Datenblatt des Schreckens in Kilogramm und Body-Mass-Index. Eine lernbehinderte ehemalige Sonderschülerin wird vom Sender mitleidlos als „Fressmaschine“ vorgestellt.

Das Personal hingegen von „Das Tier in mir“ sollte wissen, was das Fernsehen mit einem anstellt, ehe es den Lohn namens Aufmerksamkeit auszahlt. Die halbbekannten Promis, in der ersten Folge ein TV-Moderator und ein Transvestit, machen sich bei vollem Bewusstsein zum Affen – genauer: zum Braunbär und zum Trampeltier. Der Transvestit zieht sich einen Kunsthöcker über, stakst ins Kamelgehege und isst dort wie seine „neuen Artgenossen“ Kraftfutter. Der Moderator verkleidet sich als Bär und schläft, durch ein stabiles Gitter getrennt, im Nachbargehege von Braunbärdame Hera. „Das Tier in mir“ ist insofern am Puls der Zeit, als allüberall in der Fernsehöffentlichkeit momentan der Versuch unternommen wird, das Tier als den „besseren Menschen“ vorzuführen: eine durchaus politische Ersatzhandlung, um nicht die viel bedeutendere Frage stellen zu müssen, was den Mensch und dessen Würde eigentlich ausmacht. Das Glück, hören wir stattdessen, bestehe im vegetativen, im animalischen, im vorzivilisatorischen Dasein, im Grunzen und Blöken.

Mit der „Generation Ahnungslos“ schließlich sollte eigentlich ein „sehr ernsthaftes“ Format etabliert werden. So kündigte es RTL 2-Programmchef Holger Andersen an: „Es wird eines unserer sozial relevantesten Formate. Es geht nicht nur um Sex, sondern um all das, was heutzutage in Familien vielleicht manchmal lieber totgeschwiegen wird. Wir wollen da Hilfestellungen und Anregungen geben.“ Auch RTL2 will demnach auf dem neuen Trend mitsurfen, der da besagt, dass ein Fernsehsender als Hilfsorganisation auftreten soll, um ernst genommen zu werden; man will Konflikte nicht abbilden, sondern ganz real lösen. Was dann aber als „Generation Ahnungslos“ über den Schirm flimmerte und ein Publikum von immerhin einer Million Menschen fand, war eine in jeder Hinsicht bodenlose, vielleicht sogar strafrechtlich relevante Aneinanderreihung vulgärer Reden und obszöner Handlungen.

Eine 40-jährige Sexualpädagogin, ausgewiesen durch die „jahrelange“ Arbeit mit Prostituierten und Sexualstraftätern und bei „Pro Familia“, wurde in die Kölner Wohnung der 35-jährigen Mutter Nadja und der 14-jährigen Tochter Debbie geschickt, um „aufzuklären“. Gleich zu Beginn erfuhr der TV-Konsument, worauf es dem Sender ankommt: Debbie habe „einen 20-jährigen Freund und seit einem Jahr Sex“. Besagten Freund kennt sie gerade einen Monat lang. Im Internet schlossen sie Bekanntschaft. Stolz erklärt der 20-jährige Brasilianer, seinerseits bereits geschiedener Vater einer einjährigen Tochter, die er „momentan nicht sehen darf“: „Das erste Mal, dass wir miteinander geschlafen haben, war nach einer Woche, nachdem wir zusammengekommen waren.“ Halten wir fest: Sex mit Minderjährigen ist laut RTL 2 keine Straftat, sondern das Normalste der Welt – sofern verhütet wird.

Debbie wird im Folgenden von der Expertin beigebracht, dass sie ruhig vom Präservativ auf die Anti-Baby-Pille umsteigen und also den sehnlichen Wunsch des brasilianischen Freundes – „du musst die Pille nehmen“ – erfüllen kann. Klar wird so immerhin, dass hier der Hormoncocktail auch eingesetzt werden soll, damit dem Trieb des Mannes Genüge getan wird.

Heute begründet jede Möglichkeit ein Recht

Debbie meint zu wissen, „man kann sich mit nix infizieren“, wenn ein Kondom eingesetzt wird. Die Expertin stimmt zu, „ganz genau, das ist wichtig“. Dennoch endet das aufklärende Gespräch mit Debbies Entschluss, „ich denk‘, ich werde die Pille ausprobieren“. Stellt die Expertin dem offenbar recht losen brasilianischen Bettgefährten damit eine Unbedenklichkeitserklärung aus?

Auch Mutter Nadja ist‘s schließlich zufrieden, erfährt sie doch – angeblich erstmalig und angeblich authentisch – dank RTL 2, wie zahm es die Tochter bisher getrieben hat. Debbie, hören wir aus ihrem Mund, habe bisher mit drei verschiedenen Männern geschlafen. Nadja ist vor Freude aus dem Häuschen: „Mit 14 erst drei Typen gehabt zu haben, ist heutzutage eine Leistung.“ Und für Debbie und für „alle Jugendlichen“ hat die Expertin zum Abschluss „was total Wichtiges“ parat: „Es gibt eine britische Studie, die besagt, dass man sich eigentlich jeden Tag selbst befriedigen sollte, dass das gesund ist, gut und für die Sexualität das Beste, was es gibt.“

Die unfassbare traurige, programmatisch verantwortungslose „Generation Ahnungslos“ zeigt unverhüllt die Dogmen, aus denen das spätmoderne Leben zusammengesetzt ist und die als aufklärend ausgegeben werden. Sie lauten: Alles, was ausgesprochen wird, ist gut; das Tatsächliche ist das Normale; Fleisch und Hormone machen den Menschen, und jede Möglichkeit begründet ein Recht. Willkommen im Zoo!

RTL 2 gab übrigens am Ende dieser Woche bekannt, dass man sich von der bisherigen Leiterin der Unterhaltungsredaktion getrennt habe. Künftig wolle man „auch kontroverse Formate mit einem Gespür für Mitgefühl und gesellschaftliche Verantwortung“ verbinden. Unglaubwürdiger klang selten ein Versprechen.

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