München

Vor 175 Jahren wurde Ludwig II. geboren    

Gottesgnadentum, Homosexualität, Wahnsinn - um kaum einen Monarchen ranken sich so viele bunte Bilder und Legenden, wie um König Ludwig II. von Bayern. Am 25. August ist sein Geburtstag.
Vor 175 Jahren wurde Ludwig II. geboren.
Foto: Picasa | Ludwig II. von Bayern wurde am 25. August 1845 auf Schloss Nymphenburg bei München geboren. Der "Märchenkönig" lieferte seiner Zeit viel Gesprächsstoff und ist noch heute Objekt vieler Spekulationen uns ...

König Ludwig II. von Bayern verehrt, vereinnahmt und verkitscht; doch selten nur verstanden! Von ultrakonservativen Monarchisten bis zur ultraqueeren LGBT-Community; konträrer könnten die Weltbilder nicht sein, mit denen das Phänomen "Märchenkönig" aufgeladen wird, um es als Ikone vor sich herzutragen und gegen die jeweils andere Seite in Stellung zu bringen. Jede verfängliche Schwärmerei, die der Bayernmonarch aus seinem Privatleben hinterließ, muss dazu herhalten, dessen Homosexualität oder Wahnsinn zu beweisen und das genaue Gegenteil davon. Seine surrealen Schlösser, seine nächtlichen Umtriebe und nicht zuletzt sein geheimnisumwitterter Tod im Starnberger See ließen ihn zum Filmstar und zur Musical-Figur werden, zu Werbeträger und Projektionsfläche. 

Lebenslang hielt die Beziehung zu seiner Erzieherin

Der Mensch hinter all diesen Abziehbildern, Otto Ludwig Friedrich Wilhelm von Bayern, wurde vor 175 Jahren, am 25. August 1845 auf Schloss Nymphenburg bei München geboren. Wie bei Hochadels so üblich, war das Verhältnis zu seinen Eltern kühl. Immerhin verdankte er ihnen,  dem nachmaligen König Maximilian II. und vor allem seiner Mutter Marie, einer geborenen Prinzessin von Preußen, die eine passionierte Bergsteigerin war, die Liebe zu den Bayerischen Bergen. In lebenslanger, inniger Herzlichkeit war er stattdessen mit "Millau" verbunden, wie der kleine Prinz seine Erzieherin Sybilla Meilhaus nannte. Eine bestimmende Figur war sicherlich auch sein Großvater und Taufpate, König Ludwig I., der am selben Tag wie Ludwig II. Geburts- und Namenstag feiern konnte und sein konstitutionelles Königreich mit durchaus absolutistischer Attitüde regierte. Er setzte auch durch, dass der Enkel den Rufnamen Ludwig erhielt, ehe er einige Jahre später über Lola Montez stolperte, derentwegen er ebenso schmählich wie vielbereut zurücktreten musste.

Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Otto verbrachte der phantasiebegabte Ludwig seine Kindheit und Jugend vor allem auf Schloss Hohenschwangau, in dessen hellblauen, rosaroten und pfirsichfarbenen Gewölben er umgeben war von keuschen Burgfräulein und kühnen Recken in schimmernder Wehr; vom Schwanenritter Lohengrin und der bedrängten Elsa; zumindest den Bildern davon; wie sich Spätromantiker wie Moritz von Schwind und andere biedermeierliche Maler das Mittelalter eben so vorstellten. Als Zwölfjährigem fielen Ludwig zwei theoretische Schriften in die Hände, die den Bayernprinzen nachhaltig beeindrucken sollten. Unter Berufung auf die griechische Antike wird darin eine geradezu titanische Idee vom Kunstwerk der Zukunft entwickelt: Durch Verschmelzung von Drama und Musik zu einem alle Künste umfassenden Gesamtkunstwerk soll der Kern des Religiösen, der Mythos, wieder erfahrbar werden! Für Ludwig kommt die Lektüre einem Erweckungserlebnis gleich und er wird dem Autor zeitlebens verfallen sein: Richard Wagner. 

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Als Fünfzehnjähriger darf er regelmäßig ins Theater und in die Oper, wo er sich in fremde, poetische Traumwelten entführen lässt. Doch obwohl im Münchener Hoftheater Wagners "Lohengrin" gegeben wird, den Ludwig seit seinen Kindesbeinen als ritterlichen Vertrauten kennt, muss er sich noch gedulden. Erst am 2. Februar 1861 ist es soweit. Wagners sphärische Streicherklänge entflammen die Aura des Heiligen Grals, heiligen den Theaterraum und durchfließen den königlichen Zuhörer. Wie der Gral, zu dem sich alljährlich eine Taube herniedersenkt, um dessen wundersame Kräfte zu erneuern, wird Ludwig zum Gefäß für Wagners Kunst und vergießt in diesen Momenten Tränen des höchsten Entzückens. Abscheu überkommt ihn, wenn mit Lohengrin das Heilige diese Welt wieder verlassen muss; verschuldet durch Elsas profane Neugierde. Akribisch notiert er sich die jeweiligen Bühnenbilder der einzelnen Szenen in seinem Tagebuch, in dem er die Zeitrechnung seither in Jahren nach Lohengrin datiert.

„Wagner ist in München und der König enthebt ihn aller Erdenschwere!“

Viel zu wenig aufs politische Handwerk vorbereitet, wird Ludwig 1864 König; allerdings nicht durch Salbung, wie bei den althergebrachten Monarchien, sondern durch Eid auf die Verfassung und Proklamation; mit achtzehn Jahren gilt er als schönster Monarch Europas. Sogleich lässt er nach Wagner forschen, der wegen revolutionärer Umtriebe und notorischer Schulden untertauchen musste und die bayerischen Agenten zunächst für die Inkasso-Greifer seiner Gläubiger hält. Am 4. Mai 1864 aber steht Ludwig erstmals der "Leuchte seines Lebens", dem "einzigen Freund", "Geliebten" und "Heiligen" gegenüber. Wagner ist in München und der König enthebt ihn aller Erdenschwere!

Zweifel an seinem Königsein keimen auf

Nur noch der Kunst soll er sich weihen.  Doch wie auf der Theaterbühne, muss auch im wirklichen Leben das Heilige vor dem Profanen weichen. Wagner wird gezwungen, München zu verlassen; zu abgehoben, zu maßlos sind seine Forderungen. Zurück bleibt ein gebrochener Ludwig. Als dann noch der innerdeutsche Krieg ausbricht, den Bayern an der Seite Österreichs verliert, will er abdanken. Wagner aber beschwört seinen Gönner brieflich: "Königthum   glauben Sie!   ist eine Religion! Ein König glaubt an sich, oder er ist es nicht." Ist Ludwig denn überhaupt ein wirklicher König? Ohne Salbung? Ohne Königsweihe? Schon länger gedenkt er am 21. Januar des Märtyrertods von Ludwig XVI. auf der Guillotine. Der Bourbonenkönig war der Taufpate seines Großvaters, König Ludwigs I., gewesen, der wiederum sein eigener Pate ist. Und war das Salböl der französischen Könige nicht von einer Taube vom Himmel herab gesendet worden, wie die Taube des Heiligen Geistes während seiner eigenen Taufe zugegen war?

Ludwig beginnt, sich in die Zeit des Ancien Régime zu versenken; in Leben und Zeremoniell des Sonnenkönigs, dem das Königsheil entströmte, so dass er Kranke durch Berührung heilen konnte. Neuschwanstein war ein Monument für die Opern Richard Wagners gewesen, doch nun will er einen heiligen Tempel zu Ehren des Gottesgnadentums errichten. Wie ein Regisseur arrangiert er seine Bauten zu begehbaren Bühnenbildern und wehe, wenn ein Requisit nicht an genau dem Platz liegt, wo es sich nach einem alten Stich oder einer aufgezeichneten Erinnerung befinden müsste! Hübsche Bergbauernburschen wählt er für seine lebendigen Bilder aus, um sie in Bärenfelle kleiden zu lassen oder in türkische Tracht, ganz wie die Kulisse es verlangt   sei es altgermanische Hütte oder maurischer Kiosk. Er macht die Nacht zum Tage, vertieft sich in die Schriften des alten Byzanz , wo die Kaiser Stellvertreter Gottes auf Erden waren. Neuschwanstein braucht einen byzantinischen Thronsaal! Besser noch ein weiteres Schloss, Falkenstein, mit einer byzantinischen Kirche als Schlafzimmer und dem Königsbett als Altar! Keiner soll diese Heiligtümer betreten dürfen; Profanität würde sie entweihen! 

Ludwig will heiliges Gefäß sein 

Wenn da nur nicht der Schlamm, die eigene Schlacke wäre; die tägliche Anfechtung des Leibes! "Hände kein einziges Mal mehr hinab, bei schwerer Strafe!" "Das ganze Jahr nicht mehr küssen!" Sein Tagebuch ist voller Eide, die er schwört; vor dem Bild des großen Königs, bei seiner heiligen Königsmacht, bei der Unverletzlichkeit seines heiligen, von Balustrade und Baldachin beschirmten Staatsbetts; oft bekräftigt mit der alten Formel „Yo, el Rey“. Ich, der König! Ludwig will heiliges Gefäß sein, doch der Körper gehorcht dem König nicht, widersetzt sich seinen Befehlen! Dazu kommt dessen Verfall. Er stopft Konfekt in sich hinein und verfettet; darüber die ewigen Zahnschmerzen!

Schon Mitte Zwanzig hat er keine Schneidezähne mehr, kann deswegen nicht mehr Französisch sprechen. Zwingen ihn Repräsentationspflichten in die Hauptstadt, muss er sich mit Champagner betäuben. Um nicht gesehen zu werden, lässt er bei Staatsbanketten riesige Blumenbouquets auffahren. Die Gegenwart wird ihm ein Gräuel; die Bauten seiner Zufluchtsorte bleiben sein einziger Trost. Bis zuletzt arbeitet er klar und gewissenhaft die Akten durch, Minister aber haben keinen Zutritt; der König hat nur noch wenige Vertraute. Am Ende holen sie ihn, zerren die heilige Person des Königs ins Licht der Öffentlichkeit. Das Profane hat das Heilige gestürzt, nun muss es aus der Welt; egal wie! Nur wenige Schritte sind es bis zum Seeufer. Oder ist es die Schelde, wo Lohengrins Schwanen-Nachen wartet? Am 13. Juni 1886 um 18.54 Uhr hörte seine Taschenuhr auf zu schlagen.

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