Von tiefem Glauben beseelt

Vom Freimaurer zum Katholiken: der romantische Dramatiker und Dichter Zacharias Werner bleibt ein Kuriosum. Von Burkhardt Gorissen
Zacharias Werner
Foto: IN | Ein Leben in vollen geistigen Zügen: Zacharias Werner (1768–1823).

Die Literatur des 19. Jahrhunderts rechnete ihn nicht zu den epochalen Geistesgrößen. Tatsächlich, mit Heroen wie Goethe, Schiller, Hölderlin oder Kleist konnte sich Zacharias Werner nicht messen. Er zählt zu den kleineren Meistern, wie Friedrich von Stolberg oder Karl Philipp Moritz. Nicht anders als viele seiner Dichterfreunde führte er ein Leben voller Irrungen und Wirrungen. Doch für ihn nahm es einen positiven Verlauf. Er fand zum Glauben, der Alkoholismus eines E. T. A. Hoffmann, mit dem er zeitweise eng befreundet war, blieb ihm ebenso erspart wie Ifflands satyrhafte Geltungssucht.

1768 in Königsberg als Sohn eines Professors der Geschichte und Rhetorik geboren, wuchs Werner in einer pietistischen Familie auf. Sein Vater starb früh. Doch seine Kindheit war nicht, wie E. T. A. Hoffmann später mutmaßte, vom religiösen Wahn der Mutter überschattet. Aller Einwände zum Trotz, dieses Klischee überlebte. Heine polemisierte in seiner Sudelschrift „Die romantische Schule“ mit der für ihn spezifischen Kunst intellektueller Herablassung: „Zacharias Werner ... konnte sich für die Restauration des Mittelalters nur einseitig, nämlich nur für die hierarchisch katholische Seite desselben begeistern. (…) Der Geist Werner's trug nun sein ganzes Leben hindurch das Muttermal dieses religiösen Wahnsinns. Die entsetzlichste Religionsschwärmerei finden wir in allen seinen Dichtungen“ – Heine, zeitlebens nicht frei von Irrtümern und intellektueller Flauheit, suchte damit die für einen Kritikaster schlechteste Lösung, indem er den Glauben eines Menschen verhöhnt.

Zacharias Werner war kein religiöser Fantast, sondern von tiefem Glauben beseelt. Er war aber auch ein scharfzüngiger Kommentator seines verwirrten Zeitalters, ein buchhalterischer Archivar menschlicher Irrtümer. Heute, wo sich Künstler machtkonform verhalten, um ihren Marktwert zu steigern, würden Werners Capricen eine echte Attraktion darstellen. Man muss seine sperrigen Verse nicht loben, seinen Mut zur Meinung schon. Denn auch damals erforderte es Mut, sich gegen die politische Korrektheit jener Zeit zu stellen, wie man an Heines Negativkritik sieht. Zum Diktat der Aufklärungsepoche gehörte antiklerikale Unruhestiftung nicht weniger als heute. Dass sich das Publikum seinerzeit nicht an peinlichen Gimmicks delektierte und vor geschmacklosen Provokationen auf die Knie fiel, war dem Umstand geschuldet, dass das Bürgertum noch nicht einer übergriffigen, entarteten Dekadenz anheimgefallen war. Tatsächlich war der junge Zacharias Werner ein Kind der Zeit, wie es nur die Aufklärung hervorbringen konnte. Er führte ein Leben, dem eines Rockstars unserer Tage nicht unähnlich, nervös, unersättlich, getrieben, „gehetzt“, wie er selbst sagte, „von Reu zu Gier, von Gier zu Reu“.

In der Freimaurerloge fand er einflussreiche Kontakte

Auf der permanenten Suche nach Anerkennung stürzte er sich nicht nur in erotische, sondern auch okkulte Abenteuer. Im damals weltoffenen Königsberg hörte er Vorlesungen von Kant und las begeistert Rousseau. Erste Gedichte veröffentlichte er 1789. Nach Perlen sucht man jedoch vergebens. Seine Verse zeugen weder von urwüchsigem Genie, noch von ideenreicher Musikalität, der Rhythmus holpert, die Reime sind von etwas ärmlicher Grazie. Mit formaler Pedanterie und leerer Virtuosität grüßen die Vorbilder Gottfried August Bürger und Matthias Claudius. In der Blaubartgeschichte „Der Schlüssel“ klingt deutlich Wieland's morphologisches Monumentalepos „Der neue Amadis“ durch, wenig Witz, viel sprachliches Gewölk. Und der gescheiterte Versuch, die Genien auf Teufel komm heraus zu becircen: „Vom schönsten Liebesgotte die Kopie/ Charlotte und die holde Amalie/ Herr Blaubart hat die jüngste kaum geseh'n/ So fand er sie schon zum Verzücken schön“. Ungefähr so stellt man sich Haselnusstorte an rohem Seeigel mit Löwensenf vor. Doch, um einen Querverweis zu ziehen, vom heute üblichen Humorgetöse das, untermalt von Lachsalven aus der Konserve, via TV in die Köpfe gespien wird, hebt sich Werners Schrifttum immer noch positiv ab. Die Lektüre der noch erhältlichen Texte lohnt auf jeden Fall mehr als ein Abend in der virtuellen Gesellschaft von „Big Brother“.

Auf dem Höhepunkt dichterischen Schwärmertums freundete sich Werner mit dem heute ebenfalls vergessenen Schriftsteller Johann Jakob Mnioch an. Durch ihn lernte Werner die Aufklärung zu vergotten, durch ihn kam er in die Warschauer Freimaurerloge „Zum goldenen Leuchter“, die im „Pa³ac pod Blach¹“ ihr Domizil hatte und in geheimnisvollen Ritualen den Freigeist beschwor. Werner vibrierte beim Bau des „Tempels der Humanität“ und sah sich am Ziel seiner Träume. Mystizismus hier, Lotterleben dort. Werners berserkerhafte Lust am Bürgerschrecken beschrieb Weggefährte E. T. A. Hoffmann als „unwiderstehlichsten, rasendsten Trieb zur Sünde“. Eine gnadenlose Übertreibung, versuchte Werner doch, sich auf den Begriff „Genius“ als ein asylum ignorantiae zurückzuziehen. Sein Leben blieb ein Parforceritt auf schmalem Grat. Doch nie würde er ein Paragrafenreiter werden, auch wenn er 1793 als abgebrochener Student in den preußischen Staatsdienst trat. Ein Schritt, dem wirtschaftlichen Überleben geschuldet.

Immerhin, durch die Freimaurerei bekam er Kontakte, schließlich gehörte ihr fast die ganze Intelligenzija der damaligen Zeit an. Werner erhielt in der Loge „Zum goldenen Leuchter“ das Amt des Redners, schrieb mehrere Logengedichte, aber gleichzeitig die von einer Ahnung seines künftigen katholischen Weges getragenen Strophen „Maria“: „Wer – denn Jehovas Klarheit blendet schon/ den frevelhaften Blick der Menschlichkeit, –/ Wer malt die Erdenscene (…) Oh, heil'ger Menschheit mütterliches Land“. Mit christlicher Tugend nahm Werner es weiterhin nicht so genau. Zwei seiner drei Ehen schloss er mit weniger gut beleumundeten Damen. Sein väterliches Erbe war nach zwei Scheidungen fast aufgebraucht. 1796 wurde er nach Warschau versetzt. Hier lernte er den Juristen Eduard Hitzig kennen, der fortan zu seinem engsten Freundeskreis zählte und später sein Verleger und Biograf werden sollte. Warschau, das war auch die Metropole, das große Leben, das Suchen nach Glück. Werner warf sich mitten hinein: „alle Laster zügellos, kein schuldloser Genuss“. 1799 ließ er sich mit einer „Demoiselle J., die eine Legion Liebhaber gehabt“ habe, verkuppeln und heiratete sie „aus Tollheit, aus Ekel vor dem Coelibat, halb auch aus Interesse ohne alle Liebe“. Seine zahlreichen Affären rücken ihn tatsächlich eher in die Nähe des Casanovas als in die eines Heiligen. Sein erstes Drama „Die Söhne des Tals“ (1803), behandelt die Auflösung des Templerordens. Ein freimaurerisch adaptiertes Thema, in den höheren Graden explizit erwähnt, mit Jacques de Molay als von Kirche und Staat geknechteter Freiheitsheld – „ein Lob Gesang dem Heiligen Molay“ – wie Werner schreibt. Auch der Titel ist bezeichnend, die Freimaurer nennen sich „Söhne der Witwe“. Dabei will Werner anderes. Er entwirft, wie er glaubt, in seinen Stücken das, was er „idealisierten Katholicismus“ nennt. Blasphemie? Kaum. Die Idee erinnert an Goethes geheimnisvolle „Mächte des Turmes“ in „Wilhelm Meister“. Gemeint ist damit eine Religion, deren Aussage durch masonische Umbildungen modifiziert, zu einem entchristlichten Entwurf geleimt werden soll. Der Sohn Gottes als menschlicher Mensch, Glaube als Hypermoral, der Mensch als Gott. Mystifikation und Entsakralisierung zugleich. In diesem Duktus reden Werners durchaus markant gezeichnete Figuren. Oftmals verfallen sie in heftige Erregungszustände, in der dramatischen Rede sind Ausrufe die kennzeichnende Ausdrucksform. Auslassungen und Unterbrechungen schwören eine Büchnerhafte Hysterie herauf, die Dialogpassagen sind von treibender Schärfe, die schnellen Szenenwechsel fast postmodern bizarr. Seine adjektiv- und worterfindungsreiche Sprache strotz vor Metaphern, ein Vorläufer Alfred Jarry's, („König Ubu“) war er dennoch nicht, dazu sind seine Wortkaskaden zu zahm. Manchmal ist er dem Fieberwahn der Sturm-und-Drang-Dramen von Jakob Michael Reinhold Lenz näher als der Schwarzen Romantik, manchmal greift er so tief ins Mythische, dass er selbst erschaudert: „Wenn's oben kocht und unten sprudelt, so ist der Teufel Meister“ („Söhne des Tals“).

In Werners bilderstürmerischem Drama „Martin Luther oder die Weihe der Kraft“ (1806), bot der führende Theatermann der Zeit, August Wilhelm Iffland, eine seiner beifallumtosten Glanzleistungen. Anklänge an Goethes 35 Jahre zuvor erschienenen „Götz von Berlichingen“ kann das Stück nicht verleugnen. Das Publikum nahm daran keinen Anstoß. Nach der Premiere folgten binnen eines Monats vierzehn weitere Aufführungen. Ein Rekord. Werner erhielt das damals unerhört hohe Honorar von 500 Talern. Erfüllung schien der Getriebene nicht zu finden. Beseelt vom Wunsch literarischer Anerkennung fand er Aufnahme bei Goethe, der eine Zeit lang große Stücke auf ihn hielt und in ihm, wie zuvor Iffland, einen Erneuerer des Theaters sah. Tatsächlich, mit seinem bekanntesten Stück „Der vierundzwanzigste Februar“ begründete Werner die Gattung des Schicksalsdramas. Dessen ungeachtet verstieß ihn der Dichterfürst. Stein des Anstoßes: Werners christlich-mystische Anwandlungen. Dabei waren ausgerechnet Goethes „Wahlverwandtschaften“ Auslöser für Werners Konversion. Alles, was er in seinen Dichtungen bis dahin gepredigt hatte, den Bund zur Vergöttlichung der Menschheit, sein mystisches Liebessystem, das Aufgehen des Liebenden im Geliebten, er fand es nun vollendet in der katholischen Kirche. 1809 konvertierte er in Rom, überwältigt von „der Größe und Schönheit des Christentums“. Gleichzeitig sagte er sich von der „albernen Mystick“ seiner Dramen los. Er war im Glauben gewachsen: „Wir knie'n getrost, das Kind, gekrönt mit Sternen,/ Das Priesterhände segnend jetzt erheben,/ Wird Tod dem Tode, Leben uns gewähren!“, heißt es in „Ara coeli“, geschrieben am 6. Januar 1812 zum Fest der Erscheinung. Zwei Jahre später wurde er zum Priester geweiht. In Erinnerung blieb er seinen Zeitgenossen als Kuriosum, als exaltierter Prediger auf dem Wiener Kongress und übereifriger Konvertit. Nach seinem Tod wurde er zu Unrecht von der Literaturwelt vergessen. Seine Dramen sind durchaus von innovativer Kraft. 1823 starb Zacharias Werner im Augustinerkloster in Wien an einer Lungenembolie. Durch seinen Glauben lebt er weiter.

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