Berlin

Von einem Stalker bedroht

Ältere Schauspielerinnen sind kaum gefragt. Nina Grosse zu ihrem Film „Nicht tot zu kriegen“
Von einem Stalker bedroht.
Foto: ZDF/Fischerkoesen | Einen Moment ist die Bedrohung durch einen Stalker in; Nicht tot zu kriegen vergessen. Simone Mankus (Iris Berben, r.) beim Comeback.

„Nicht tot zu kriegen“ handelt von einer alternden Schauspielerin, die wie viele ihrer Altersgenossinnen darunter leidet, schon lange keine Rollen mehr bekommen zu haben. Hat die Coronakrise dies noch verschärft?

Bei Schauspielerinnen ist das Alter ein Problem. Männer haben offenkundig ein größeres Recht, älter zu werden. Überall auf der Welt sagen Schauspielerinnen, dass ab vierzig die Rollenauswahl extrem limitiert ist. Das ist ein Skandal, denn es bedeutet, dass Frauen in einem bestimmten Alter angeblich nichts mehr zu erzählen haben, und dass es nicht wert ist, über ihr Leben zu berichten. Das ist Diskriminierung. Ich bin bei „Proquote Film“ tätig, wo wir uns mit Themen wie Altersdiskriminierung und Frauenpräsenz vor und hinter der Kamera in diverseren Rollen als nur der der attraktiven jungen Frau beschäftigen. Deswegen fand ich bei dem Film sehr schön, mit der immer noch wunderschönen Iris Berben eine Geschichte über das Altwerden zu erzählen, die Geschichte einer Frau, die nicht bereit ist, unsichtbar zu werden. Sie geht mutig und offensiv mit ihrem Alter um. Wir brauchen Erzählungen über Frauen, die älter werden und nicht nur zu Hause verkümmern.

Wie wirkt sich die Coronakrise dabei aus?

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In Coronazeiten verschärft sich dieses Problem. Man hört jetzt schon von Fällen, bei denen Autoren oder Regisseure dazu angehalten werden, die älteren Rollen herauszuschreiben oder ältere Schauspieler umzubesetzen, weil sie angeblich die Risikogruppen sind. Bei aller Vorsicht darf es nicht sein, dass die Älteren aufgrund dieser Krankheit diskriminiert werden.

„Nicht tot zu kriegen“ basiert auf dem Roman von Franz Dobler „Ein Schlag ins Gesicht“. Was stand am Anfang: der Roman oder die Suche nach einer Geschichte zum 70. Geburtstag von Iris Berben?

Ich hatte mit Iris Berben bei „ Die Protokollantin“ zusammengearbeitet. Produzent Oliver Berben fragte mich: „Fällt Dir etwas ein, was wir zu ihrem 70. machen können?“ Witzigerweise hatte ich zu dem Zeitpunkt Franz Dobler nach Jahren wiedergetroffen. Ohne zu wissen, dass wir etwas suchten, drückte er mir den Roman in die Hand. Als ich ihn dann las, dachte ich, das ist eine tolle Rolle für Iris (Berben): eine alternde Schauspielerin, die ein Comeback versucht und gleichzeitig von einem Stalker bedrohtwird. Ich habe in der Konstellation auch die Möglichkeit gesehen, immer wieder Ausschnitte aus ihren alten Filmen unterzubringen. Das macht den Film zu einer kleinen Zeitreise.

Im Roman steht freilich eher der Securitymann Robert Fallner im Mittelpunkt ...

Na ja, wenn wir etwas für Iris (Berben) machen, dann muss sie natürlich die Hauptfigur sein. Bei Franz Dobler war es in der Tat Fallner. Franz musste also überzeugt werden, dass sein Roman so umgewandelt wird, dass Simone Mankus den leading part übernimmt. Aber Franz (Dobler) war so begeistert, dass Iris Berben diese Rolle gerne spielen würde, dass er gar kein Problem damit hatte. Aber die beiden Figuren sind wirklich gleichgestellt, meine ich. Denn auch die Geschichte von Fallner wird im Film sorgfältig erzählt.

„Mit dem Einverständnis des Autors (...) kann man dann
lustvoll den Roman in ein filmisches Drehbuch umarbeiten“

Wie gehen Sie vor, wenn Sie den Roman eines anderen Autors für einen Film adaptieren? Übernehmen Sie etwa Dialoge aus dem Roman?

In dem Fall war es ein Geschenk, weil die Geschichte von „Ein Schlag ins Gesicht“ einfach toll ist. Mit dem Einverständnis des Autors – was sehr wichtig ist – kann man dann lustvoll den Roman in ein filmisches Drehbuch umarbeiten. Es sind ja zwei sehr verschiedene Medien. Für ein Drehbuch muss man bestimmte Elemente hinzufügen, um es visuell zu gestalten – wie gesagt, hatte ich hier etwa die Idee, dass sich der Stalker zu Hause immer wieder die alten Filme der Schauspielerin anschaut. In einem Film funktionieren gewisse Elemente besser als in einem Roman. Umgekehrt funktioniert etwa ein innerer Monolog im Roman, aber nicht im Film. Die meisten Dialoge musste ich deshalb umschreiben.

Sie führen dann auch Regie. Kommen diese Elemente, von denen Sie gerade sprachen, bereits beim Drehbuchschreiben oder erst später beim Regieführen hinzu?

Wenn man selber Regie führt, weiß man sehr genau, wie eine Szene funktioniert. Wenn ein Regisseur das Drehbuch eines anderen verfilmt, muss er sich zunächst einmal in das Drehbuch hineinfinden und es sich zu eigen machen.

Welche Rolle spielt die Krimihandlung, herauszufinden, wer der Stalker ist?

Eigentlich ist der Stalker ein MacGuffin. Der Film ist kein Krimi, vielmehr ein Genremix zwischen Thriller und einer Hommage an Iris (Berben) mit komischen Elementen, aber auch mit einer zarten Liebesgeschichte zwischen einem jüngeren Mann und einer älteren Frau. Das ist mir fast das Wichtigste an dem Film, dass erzählt wird, dass so eine Konstellation sein darf und möglich sein kann. Das gelingt beiden wunderbar; es hat eine Melancholie, die unheimlich anrührend ist. Das Genremix passt auch zur komplexen Persönlichkeit der Hauptfigur. Gerade die vielen Elemente tragen dazu bei, viel über sie und über ihren Überlebenskampf zu erzählen.


„Nicht tot zu kriegen“, Regie: Nina Grosse, 91 Minuten. In der ZDFmediathek.

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