Von Bagdad bis Golzow

Was passierte wirklich in Abu Ghraib? – Noch nie war der Dokumentarfilm so wichtig wie auf dieser Berlinale

„Was hast du ihr erzählt?“ – „Keine Angst, nur den üblichen Interviewkram“. Wir sehen zwei palästinensische Frauen, beide im „Sharon“-Gefängnis inhaftiert, weil sie ein Selbstmordattentat geplant oder unterstützt haben, die sich unbeobachtet wähnen und deshalb die Maske fallen lassen. Unbeobachtet von Natalie Assouline, die über zwei Jahre die über 120 weiblichen Insassen des Gefängnisses besucht hat. Alle sind Palästinenserinnen, jede wurde verurteilt, weil sie den Tod vieler Menschen beabsichtigten oder herbeiführten. Assouline lässt in „Shahida – Brides of Allah“ die Kamera im richtigen Moment weiterlaufen und beschert uns einen dieser Momente, wegen derer das Genre derzeit so beliebt ist. Der Blick hinter die Kulissen.

Shahida wird auf der Berlinale gezeigt, ebenso wie Dutzende weiterer Dokumentarfilme. Das drittgrößte Filmfestival der Welt zollt dem Genre so viel Respekt wie nie. Mit Errol Morris' „Standard Operating Procedure“ über den Folterskandal von Abu Ghraib geht sogar zum ersten Mal ein Dokumentarfilm im Rennen um den Goldenen Bären. „Es hätten noch mehr sein können, die Qualität gab es her“, sagt Wieland Speck, Leiter der Panorama-Sektion. Speck leistet sich schon seit Jahren eine eigene Dokumentarfilmreihe. In diesem Jahr erfahren Berlinale-Besucher zum Beispiel mehr von der wohl einzigen Heavy-Metal-Band in Bagdad, das Leben der Patti Smith, die Träume der Kandidatinnen für die Wahl der Miss Leipzig von 1989 oder Transsexuelle im Iran, wo Homosexuelle verfolgt, Transsexuelle sich aber legal und religiös sanktioniert operieren lassen können. Die Wirklichkeit erzählt immer noch die besten Geschichten.

Wirklich? Ermöglicht ein Dokumentarfilm tatsächlich den unverstellten Blick in die Welt hinaus? Und wird die Realität einfach nur abgefilmt, konserviert und an anderer Stelle aufgeführt. Imagination, Inszenierung, Illusion – all das gehört zum Spielfilm. Sagt zumindest Dieter Kosslick, immerhin Chef der Berlinale.

Mitten im Wahnsinn der Bilderlawinen kann der Dokumentarfilm für Reduktion sorgen. Früher zeigte er uns die Pyramiden in Ägypten, es war eine Sensation, Bilder davon zu sehen. Heute zeigt uns der Dokumentarfilm die Wirklichkeit hinter den Bildern. „Wir kennen alle die Fotos von Abu Ghraib, wir kennen die Gesichter der Folterer, wir kennen die Namen. Wir wissen alles und begreifen nichts – bis wir Errol Morris' Dokumentarfilm sehen werden“, meint Kosslick. Leider darf man Kosslick, dem begnadeten Reduktionisten, der jeden Sachverhalt in einen Tagesschau-kompatiblen Zwanzigsekünder verpacken kann, nicht trauen. Die Wirklichkeit ist ein flüchtiges Ding. Sobald man genauer hinsieht, ist die Wirklichkeit zerstoben.

Das war schon immer so. Das Genre des Dokumentarfilms ist so alt wie der Film selbst. In der Tat waren die ersten Kurzfilme, die öffentlich gezeigt wurden, dokumentarische Aufnahmen. Arbeiter, die eine Fabrik verlassen oder ein Zug, der in einen Bahnhof einfährt. Wenn der Zug auf die Kamera zustampft, sind die ersten Besucher regelmäßig in Panik ausgebrochen, heißt es. Und selbst der eigentliche Begründer des Genres, Robert Flaherty, log bei „Nanook of the North“, dass sich die Balken bogen. Die Familie des Eskimos Nanook war gecastet, das wilde Leben 1921 nachgestellt und die Robben schon tot, als sie für den Film noch einmal erlegt wurden. Dokumentiert wurde hier nicht die Wirklichkeit, sondern ein Theaterstück: das Reenactment des Lebens, wie man es sich vorstellte. Erst als die Technik kleiner wurde, als die tragbare 16-mm-Kamera und das kabellose Tonbandgerät zur Verfügung standen, da konnte man davon reden, „das Leben in fragranti zu belauschen“, wie es Siegfried Kracauer so unvergesslich beschrieb.

Natalie Assouline ist sich der Lebenslüge des Dokumentarfilms genau bewusst und setzt eben dieses Wissen dazu ein, um doch zu einer Erkenntnis zu gelangen. Indem sie zeigt, dass sie weiß, dass die Frauen im Gefängnis sie mit Worthülsen wie „Vaterland“, „Besetzung“ oder „Dschihad“" abspeisen, zeigt sie dem Zuschauer, dass hier inszeniert wird, dass die Frauen sich der Gesprächssituation genau bewusst sind und eben nicht die Wahrheit sagen. Nur eine der Häftlinge, eine Außenseiterin, weist darauf hin, dass alle auch Probleme zu Hause haben, dass sie vielleicht einen Ausweg suchten aus einer Gesellschaft, in denen Frauen immer wieder Repressalien ausgesetzt sind. Assouline macht ihr Scheitern sehr klug zur Stärke des Films.

Die Dokumentarfilmer der neuen Generation, und das könnte ihre Stärke sein, wissen alle um die Doppelbödigkeit der Wirklichkeit. Da Menschen unwillkürlich eine Rolle annehmen, sobald sie mit anderen zusammen sind, und da es immer so viele Wirklichkeiten gibt, wie Personen im Raum sind, ist der Dokumentarfilm nicht so weit vom fiktiven Genre entfernt wie oft gedacht wird. Nur das Skript, das stammt nicht aus der Feder eines Autoren, sondern von den Darstellern selbst. Das Leben schreibt das Drehbuch.

Wörtlich genommen haben diese Formel Winfried und Barbara Junge mit ihren legendären „Kindern von Golzow“. Seit 1961 begleiten die Filmemacher dreizehn Schüler der Jahrgänge 1953 bis 1955 mit der Kamera. Dieses Jahr wird der letzte Teil dieser Langzeitbeobachtung auf der Berlinale gezeigt. Knappe fünf Stunden lang erzählen die ehemaligen Schüler ein letztes Mal, was aus ihnen und ihren Träumen geworden ist. Neben den verschiedenen Lebensgeschichten der Protagonisten erfährt man in den bisher produzierten Folgen vor allem viel über die Entwicklung der DDR.

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Stephan Baier