Regensburg

Vom Zauber der Nische

Schulen, an denen die musikalische Hochkultur im Mittelpunkt stehen, sind selten. Für eine Pädagogin gibt es hier ebensoviel zu entdecken wie für Schüler. Zu Besuch bei Christine Lohse, der ersten Schulleiterin des Gymnasiums der Regensburger Domspatzen.
Christine Lohse
Foto: Margareta Biegert-Simm | Seit einem Jahr leitet die Musikpädagogin Christine Lohse offiziell das Gymnasium der Regensburger Domspatzen.

Staunen gehört zu Christine Lohses Berufsalltag. Das klassische Repertoire der Kirchenmusik wird an ihrer Schule, dem Gymnasium der Regensburger Domspatzen, mit nicht alltäglicher Selbstverständlichkeit in der Musikerziehung großgeschrieben. „Für mich als Musikpädagogin ist es ein erstaunliches Phänomen, dass man die Jungs nicht zur traditionellen Kirchenmusik motivieren muss. In der fünften Klasse werden sie von älteren Schülern spielerisch in den Ablauf der heiligen Messe eingeführt.

Zu meinem Erstaunen sitzen sie still mit großen Augen da und lernen Begriffe wie Sanctus, Agnus Dei. Das alles wirkt auf sie überhaupt nicht fremd und gehört zur DNA der Domspatzen mit dazu.“ Auf die Nachfrage, welchen Grund das habe, lächelt die zierliche blonde Frau verschmitzt. „Das ist vielleicht die Magie der Domspatzen: Sie sind hier nur mit Buben zusammen, für die das eine selbstverständliche Größe ist und das nicht in Frage stellen. Wir sind eine Nische, die statt Pop und neuem geistlichen Lied die geistliche Kunstmusik hochhält.“

Speerspitze der Kirchenmusik

Seit einem Jahr leitet die Musikpädagogin Christine Lohse offiziell das Gymnasium der Regensburger Domspatzen – als erste Frau in der Geschichte der traditionsreichen Institution. Die Regensburger Domspatzen sind in der Kirchenmusik eine Speerspitze. Wer hier anfängt, weiß, worauf er sich einlässt. Was hat sie an dieser Aufgabe gereizt? Für die Musikpädagogin war das musikalische Profil der Domspatzen ausschlaggebend – auch wenn die Chorleiter für die musikalische Arbeit zuständig sind. „Eine Schule, in der an erster Stelle musikalische Hochkultur steht – das fand ich eine unglaublich schöne Herausforderung“, erklärt sie strahlend. Das erste Schuljahr in Regensburg führte sie bald in die pandemiebedingte Umstellungsphase des Unterrichts. Im Coronajahr versucht die Schulleitung, den Samstag den Chören zu überlassen und die Schule zurückzunehmen. Zweimal im Monat haben die Schüler sonst samstags Unterricht und Domdienste.

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Ihr Ziel, die Schule möglichst attraktiv zu machen, verfolgt Christine Lohse auch im Coronajahr konsequent. Alles, was den Anschein von „verzopft, stehengeblieben und konservativ“ hat, möchte sie vermeiden und die Schule lebendig und vielseitig aufstellen. Zu den attraktiven Angeboten des Gymnasiums zählt sie, was die Institution von staatlichen Schulen abhebt: individuelle Förderung, familiäre Betreuung, eine gute Gemeinschaft über die Jahrgänge hinweg – das zeichnet aus ihrer Sicht die Schule aus.

Digital top ausgestattet

Lebhaft wird sie beim Stichwort „digital“: „Hier sind wir weiter als viele staatliche Schulen“, erklärt sie. Ein Kollege gewinnt regelmäßig mit seinen Schülern Wettbewerbe bei „Jugend forscht“. In diesem Bereich gebe es auch eine spezifische Begabtenförderung. „Wir haben mittlerweile eine Ausstattung, die andere Schulen nicht haben, 3-D-Drucker inklusive. Seitdem die Geräteausstattung hochgefahren wurde, finden in der Schule auch Fortbildungen für Lehrer statt. Wir sind da durchaus progressiv.“

„Das intensive Erleben des Katholischen ist mir eine Freude.“ Christine Lohse

Christine Lohse verkörpert das moderne Gesicht der Schule auch durch die Selbstverständlichkeit, mit der sie als evangelische Christin das katholische Profil der Domspatzen vertritt. Für sie selbst spielt der Konfessionsunterschied keine Rolle. Ihre Mutter ist katholisch, sie ist mit beiden Konfessionen selbstverständlich aufgewachsen. Durch ihre Biografie als Musikerin ist ihr die katholische Kirchenmusik genauso vertraut wie die evangelische. „Ich fühle mich im Katholischen überhaupt nicht fremd“, sagt sie schmunzelnd. Das intensive Erleben des Katholischen „ist mir eine Freude“. Im Stiftungsrat, dem auch Geistliche angehören, sei sie als evangelische Frau mit offenen Armen aufgenommen worden.

Der Kampf um den Nachwuchs

Schwieriger als konfessionelle Fragen erweist sich aus ihrer Sicht die Aufgabe, Nachwuchs für die Domspatzen zu finden. Im Domspatzengymnasium werde viel darüber nachgedacht, erklärt Christine Lohse. In der Oberpfalz herrschen in vielen Familien ähnliche Bedenken wie anderswo: Immer mehr Kindern fehlt die kirchliche Bindung innerhalb der Familie, das Singen ist in der Freizeit nicht mehr so verwurzelt, auch wenn der Laienchor eine verbreitete Institution bleibt. Das Singen im Chor steht in Konkurrenz zu vielen anderen verlockenden Freizeitangeboten. In einer Gesellschaft, in der die Freizeitgestaltung einen hohen Wert habe, sei das „ein Hemmschuh“, stellt sie nüchtern fest. Durch die täglichen Chorproben haben die Schüler ein volles Programm: Ganztagsschule bis 17.00 Uhr, für die Männerstimmen bis 18.30 Uhr zweimal wöchentlich. Da haben manche Eltern die Sorge, dass es vielleicht für den Sohn zuviel werden könnte.

 

Die Vorteile „ihrer“ Schule sollen solche Bedenken wettmachen: Alles befindet sich auf dem Campus, so dass die Schüler keine Zeit mit Pendeln verlieren: Instrumentalunterricht im Haus, Stimmbildung, Sportgelegenheiten und sogar ein eigenes Schwimmbad. Die Versorgung durch die Hauswirtschaft wird als „ausgesprochen liebevoll“ beschrieben. In der ersten und letzten Sommerferienwoche gab es für die Kinder von durch Corona belasteten Eltern ein hauseigenes Ferienprogramm. 80 Buben nahmen die verschiedenen Angebote an. Geprobt und gelernt wird derzeit in kleinen Gruppen nach einem Hygienekonzept, wobei die überschaubaren Klassengrößen die Umstellung erleichtern.

Auf die Stimme kommt es an

Korrigieren möchte die Schulleiterin die verbreitete Vorstellung, Domspatzen müssten überdurchschnittliche schulische Leistungen vorweisen, um aufgenommen zu werden. „Jeder Schüler, der eine gymnasiale Eignung hat, wird aufgenommen, wenn er die stimmlichen Voraussetzungen hat.“ Die Begleitung bei der schulischen Bildung sei besonders wichtig, weil die Buben einen hohen zeitlichen Aufwand mit den Chorproben haben, räumt sie ein. Die überschaubaren Klassen kämen der Situation entgegen: 17 bis 22 Schüler gehörten zu einer Klasse, keine sei größer als 24 Schüler. Seit einigen Jahren ist Englisch erste Fremdsprache, dann Latein. Alle Domspatzen lernen mit Blick auf die liturgischen Gesänge die Sprache der Kirche.

„Das Mädchenthema ist immer präsent.“ Christine Lohse

Ob Teilbereiche der Domspatzenausbildung, beispielsweise der Instrumentalunterricht, koedukativ ausgerichtet werden könnten, ist eine Überlegung, die von außen immer wieder an die Schule herangetragen wird. „Das Mädchenthema ist immer präsent“, schmunzelt Christine Lohse. Doch die Tradition der Jungenschule zu kultivieren, hat sowohl für sie selbst als auch für den seit September 2019 amtierenden Domkapellmeister Vorrang. Fraglos gehören die Siegel „Jungenschule und Knabenchor“ zum Alleinstellungsmerkmal der Institution: Andere Knabenchöre schicken ihre Sänger auf gemischte Schulen. Die Vorteile der reinen Jungenschule sieht die Schulleiterin im größeren Spielraum für die freie Entfaltung der Jungs. Im sprachlichen Bereich könnten Mädchen ihnen das Wasser abgraben und sie verunsichern. Sie erlebt die Schüler im Gymnasium als „selbstverständlicher in ihrem Buben-Sein“.

Pause im Paradiesgarten

Christine Lohse bedauert, dass das gründlich aufgearbeitete Kapitel über „Gewalterfahrungen bei den Domspatzen“ in der Vergangenheit in den Medien viel größeren Raum in der Berichterstattung eingenommen hat als das aktuelle Schulleben. „Das gehört zu unserer Geschichte, die wir nicht verdrängen, mit der wir umgehen, und aus der wir eine hohe Verantwortung für die uns anvertrauten Kinder ableiten.“ Die Schulleiterin arbeitet mit Herz und Verstand daran mit, dass die Domspatzen wieder zuerst mit musikalischer Hochkultur verbunden werden. Der nächste Schritt in die Zukunft vollzieht sich gerade auf der Baustelle. Vor einem Jahr wurde das neu errichtete Schulgebäude bezogen. Nun ist der Außenbereich an der Reihe: Derzeit wird am Pausenhof gebaut. Der Name könnte verheißungsvoller nicht sein: „Paradiesgarten“.

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