Vom wahren Wert der Tradition

Der Kern der Wahrheit ist dialogisch: Josef Pieper über den Begriff und Anspruch der Überlieferung. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | In der Wahrheit gibt es immer ein „Du“: Der heilige Thomas von Aquin in Zwiesprache mit dem Gekreuzigten.

Der Topos Verlag hat es in den letzten Jahren dankenswerterweise unternommen, die Schriften Josef Piepers sukzessive neu herauszugeben. Wer die Lektüre der kleinen, aber inhaltsreichen und tiefgründigen Schriften, die zumeist auf Vorlesungen des Münsteraner Philosophieprofessors beruhen, wagt, wird schnell so fasziniert von der profunden, freundlich sachlichen und einen weiten Blick wagenden Gedankenwelt Piepers sein, dass die Notwendigkeit, die Frage zu beantworten, nicht mehr besteht. Pieper repräsentiert eine Schule philosophischen Denkens, die, was unter den Vertretern dieser Disziplin schon lange nicht mehr selbstverständlich ist, über ein waches Bewusstsein für den historischen Kontext der Begriffe verfügt, die er so gründlich reflektiert. Zugleich scheut er sich, was ebenfalls nahezu singulär, nicht, den Standpunkt eines gläubigen Christen einzunehmen. Wenn ein solcher Philosoph sich dann einem den christlichen Glauben unmittelbar berührenden Thema wie dem Begriff und dem Anspruch von Überlieferung zuwendet, erscheint das Eintauchen in seine Gedankenwelt nicht nur naheliegend, sondern in einer Zeit wie der unseren, in der Werte als weitgehend überholt oder schon längst vergessen gelten können, geradezu zwingend geboten, will man nicht nach und nach in einen Zustand kompletter moralischer Demenz hineingleiten.

Pieper stellt seiner 1970 erstmals erschienenen Schrift ein Zitat aus Gerhard Krügers 1948 erschienenem Buch „Geschichte und Tradition“ voraus. Es lautet: „Wir leben nur noch von unserer Inkonsequenz, davon, dass wir nicht wirklich alle Traditionen zum Schweigen gebracht haben.“ Dass diese Worte 1948 als Zustandsanalyse niedergeschrieben wurden, 1970 als betroffen machende Realitätsbeschreibung galten und auch im Jahr 2017 den Zustand der gesellschaftlichen Debatte treffend illustrieren, sollte die Leser aufrütteln und zur geistigen und geistlichen Umkehr, zu einer grundlegenden Neubesinnung auf unsere christlichen Werte mahnen.

Aber was genau, und hier setzt Pieper mit seinem in der Liebe zur Weisheit wurzelnden Nachdenken an, ist Überlieferung? Geht es dabei um eine Art historischen Faktencheck oder stehen Überlieferung und Geschichte nicht vielmehr in einem Gegensatz, der erstere geradezu zu etwas Widergeschichtlichem macht? In welchem Verhältnis stehen das Fortschreiten der Erkenntnis und die Weiterentwicklung technischer Fertigkeiten und die Tatsache, dass wir heute nicht mehr in der Lage wären, bestimmte in den Glasfenstern der Kathedrale von Chartres funkelnde Farben zustande zu bringen, eine Akustik wie die der mittelalterlicher Kirchen nachzubauen oder ein Kapitell aus einem einzigen Stein heraus zu hauen? Ist uns bewusst, dass der Prozess der Anglisierung unserer heutigen Alltagssprache in ganz ähnlicher Form, wenngleich in einer anderen Sprache, auch in der Zeit Friedrichs des Großen ablief, als Französisch die Sprache der Trendigen und Gebildeten war, die ihr Geld lieber dem Portemonnaie als der Geldbörse entnahmen und ihren mittäglichen Spaziergang auf dem Trottoir aber keineswegs auf dem Bürgersteig absolvierten? Und haben wir begriffen, dass jede Renaissance, also die Wiedergeburt von etwas Altem, Ehrwürdigen wie der Antike oder dem Mittelalter unvermeidlich etwas völlig Neues hervorbringt?

Sind also Überlieferung und Tradition im Grunde etwas dem Bereich des religiösen Glaubens oder weltlich gesprochen, der Weltanschauung Zugehöriges? Wie in fast allen Punkten, streiten die Gelehrten auch über diesen Kern, wie ihn Pieper sieht. Was also enthält die Überlieferung, die heute so wenig gilt und in den Jahrhunderten des Mittelalters alles bedeutete? Und sollte man ihre Inhalte, wie Descartes meint, nur gelten lassen, wenn man sich ihrer Richtigkeit völlig sicher sei oder wie Pascal davon ausgehen, dass man sie nur aufgrund unbezweifelbarer Beweise verwerfen dürfe?

Auch Pascal ärgert sich zwar über jene, die aus jedem womöglich längst unverständlichen Diktum vergangener Geistesgrößen einen Orakelspruch machen – frei nach dem Motto „was ich nicht verstehe muss wohl eine geheime Bedeutung haben und deshalb weiterhin gelten“, andererseits warnt der Philosoph aber auch vor einer Haltung, die heute so weit verbreitet ist, dass der in ihr liegende Fehlschluss offenbar von kaum jemandem mehr bemerkt wird, nämlich davor, „ein Laster durch ein anderes zu korrigieren und vor den Alten überhaupt keine Achtung zu haben, nur weil man vor ihnen zu viel Achtung hatte“. Aber wie genau positioniert man sich zur Überlieferung, wenn niemand ihr mehr traut oder wie in unserer heutigen Zeit nur noch wenige sie kennen? Pascal kommt hier, wie Pieper ausführt, zu einem ebenso großartigen wie tröstlichen Schluss: „Die Wahrheit muss immer den Vorrang haben, wie neu entdeckt sie auch sei. Sie ist älter als alle Meinungen, die man in Bezug auf sie hegen mag. Man verkennt ihr Wesen, wenn man glaubt, sie habe erst zu sein begonnen, da sie begann, erkannt zu werden.“ Hier taucht man definitiv in eine Welt relevanter Wirklichkeiten ein und wird zudem mit der Hoffnung beschenkt, dass auch dort, wo Überlieferungsstränge abgerissen zu sein scheinen, ein Anknüpfen an ewige Wahrheiten jederzeit möglich ist.

Vielleicht deshalb sind, wie der Philosoph Pieper lakonisch feststellt, die Begriffe Überlieferung und Tradition in gängigen Wörterbüchern seiner Zunft nicht verzeichnet. Wer dort nach Tradition sucht, findet allenfalls den selbstverständlich negativ konnotierten Traditionalismus. In theologischen Nachschlagewerken wird man zwar fündig, erhält aber angesichts der Fokussierung auf das für die innertheologische Debatte so reizvolle Thema des Verhältnisses von Schrift und Tradition keine für die philosophische Reflexion hilfreichen Denkgrundlagen. Die „Realenzyklopädie der classischen Altertumswissenschaften“ bietet gar nur eine Einengung des Traditio-Begriffes auf das Feld der Eigentumsübertragung. Obwohl also scheinbar alle wissen, was Überlieferung und Tradition sind, fand sich Josef Pieper nach Sichtung des gedanklichen Netzwerkes in der Situation, mit seinem Nachsinnen über die beiden Begriffe noch einmal ganz von vorne zu beginnen.

Überlieferung, so Piper, ist in ihrem Kern ein dialogisches Geschehen, in dem einer überliefert, was dem anderen zu eigen werden soll und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um eine Einsicht, eine Fertigkeit oder einen Wertekanon handelt. Entscheidend ist aus Sicht des christlichen Philosophen der Strang der Wahrheitsüberlieferung und der aus ihm sich vernetzend erwachsenen Lehre. Dialogisch ist Überlieferung in diesem Sinne insofern, als ein Tradierender und ein Empfänger dazugehören. Es geht dabei im Kern um Aneignung eines essentiellen, noch unverstandenen Inhaltes. Eine Debatte darüber ist weder hilfreich noch erforderlich. Hier liegt die wesentliche Zumutung des Überlieferungsbegriffes Piepers für unsere Zeit, dass er uns allen Ernstes nahelegt, es könne etwas geben, was heilig, wahr, tradierenswert und nicht debattierbar sei.

Die Lektüre dieses Buches ist zweifellos eine Herausforderung. Ungeachtet seines knappen Umfangs von 82 Seiten erfordert sie einen Leser, der bereit ist, sich auf Gedankengänge einzulassen, deren Aussagekraft sich nicht auf schlichte Hauptsätze reduzieren lässt. Aber der Gewinn, den der mitdenkende und die Liebe zur Wahrheit wagende Leser zu gewärtigen hat, ist beträchtlich. Risiken und Nebenwirkungen sind in ihren Folgen jedoch unüberschaubar: nachhaltig offene Augen und der Drang, selbst weiterzudenken.

Josef Pieper: Überlieferung. Topos Verlag, Kevelaer 2015, 82 Seiten, ISBN 978-3-8367-0889-0, EUR 8,95

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