Würzburg

Vom Verlust der Schönheit

In unserer nachbürgerlichen Welt ist der Sinn für gesellschaftliche Ästhetik verloren gegangen. Warum es für die Demokratie wichtig wäre, sich wieder den Formen des Wahren, Guten und Schönen zu verpflichten.
Demokratie braucht Schönheit
Foto: Adobe Stock | Vom klassischen Bürgertum und den großen Denkern lernen: Demokratie braucht eine ästhetische Erziehung, wie Schiller sie forderte.

Ununterbrochen wird vom bürgerlichen Lager, von bürgerlichen Parteien und der bürgerlichen Mitte geraunt, als gäbe es noch so etwas wie das Bürgertum. Als Klasse ist es längst verschwunden, untergegangen in den unübersichtlichen Scharen der Besserverdienenden. Diese unterscheiden sich von den anderen höchstens wegen ihrer Möglichkeiten, sich gelegentlich etwas zu gönnen, ohne dabei auf den Preis zu achten. Einen eigenen Lebensstil haben sie nicht entwickelt, wie einst das Bürgertum mit bürgerlicher Kultur, die vor allem der Akademiker prägte. Daher rührte die Hochachtung vor dem Professor, der bei Festlichkeiten im Talar mit Amtsketten und Ehrenzeichen als Spectabilis oder Magnifizenz besonders hervorragte. Heutiges Lehrpersonal bestätigt hingegen auf und vor dem Katheder in nachlässiger Kleidung und Formlosigkeit beim Vortrag seine Lässigkeit und Authentizität, um nicht in den Ruf zu gelangen, sich durch Formalismen in seiner geistigen Freiheit einengen zu lassen.

Das Misstrauen in die Formen widerspricht vollständig dem bürgerlichen Liberalismus. Der Spanier Donoso Cortes, ein abtrünniger Liberaler, nannte 1848 das Bürgertum eine diskutierende Klasse. Das ewige Gespräch der Bürger setzte allerdings Formen voraus. Es gehörte sich, in jedem Mitbürger einen Gleichen zu achten, der auch bei sehr eigenwilligen Äußerungen Aufmerksamkeit verdiente. Dem Irrtum galt unter Umständen der Kampf, aber nicht dem Irrenden, denn auch der irrende Geist verdiente als Geist unbedingt Respekt. Wer bewusst die formale Disziplin verletzte und sich weigerte, zuzuhören und mit Argumenten zu antworten, gab sich als Rechthaber und Querulant zu erkennen, als Störenfried, dem man besser aus dem Weg ging, weil er sich unter Gebildeten unmöglich gemacht hatte.

„Der Vorwurf, ein Barbar zu sein,
kann keinen mehr empfindlich treffen, sobald der
gute Geschmack, das Schöne und Gute,
freundliche Manieren und geduldige Weltklugheit
ihr Ansehen verloren haben“

In unserer nachbürgerlichen Welt, in dem der historisch gewordene Liberalismus nicht einmal mehr denen vertraut ist, die sich noch liberal nennen, gibt es „den Gebildeten“ und „Bildungsbürger“ nicht mehr. Er ist ersetzt worden durch Meinungsmacher und Orientierungshelfer. Diese können ihre Macht und ihren Einfluss nur steigern, indem sie die Vertreter anderer, von ihnen als unerwünscht disqualifizierter Ansichten verbal verprügeln, erledigen, k.o. schlagen. Auf diese Art beweisen sie eine klare und feste Haltung, die das Gegenteil der klassischen Idee des kalos kai agathos ist, sich wohlgefällig und umgänglich zu verhalten, und nicht wie ein Barbar roh gegen das Schöne und Gute zu verstoßen. Der Vorwurf, ein Barbar zu sein, kann keinen mehr empfindlich treffen, sobald der gute Geschmack, das Schöne und Gute, freundliche Manieren und geduldige Weltklugheit ihr Ansehen verloren haben. Sie sind längst in den Verdacht geraten, nur ein Vorwand zu sein, andere zu bevormunden und sie daran zu hindern, sich uneingeschränkt entfalten zu können.

Diese trotzige Einschätzung erleichtert nicht das Zusammenleben in der privaten Sphäre oder unter den Staatsbürgern. Denn der Staat und die Gesellschaft sind auf Formen und Regeln angewiesen, damit der Mensch eben nicht als Wolf den anderen Menschen begegnet und jede Ordnung in Unordnung auflöst. Deswegen forderte Friedrich von Schiller eine ästhetische Erziehung zumindest der Eliten, die im notwendigen Vernunftstaat unentbehrlich sind. Vermag die Freiheit der Vernünftigen den mechanischen Staat zu durchdringen und ihn darüber zu einer geistvollen Lebensmacht umzugestalten, dann gewinnt dieser Anmut und Würde, und seine einschüchternde Majestät wird gefällig als Ausdruck des Guten, Wahren und Schönen. Der Historiker und philosophische Kopf stand noch unter dem Eindruck der monarchischen Repräsentation, die von der Französischen Revolution und der demokratischen Republik energisch als verführerischer Schein autoritärer Willkür entlarvt werden sollte.

Die Vernunft lässt sich nicht veranschaulichen

Die monarchische Repräsentation mit ihren prächtigen Formen war keine bedeutungslose Inszenierung gewesen. Die Monarchie von Gottes Gnaden rechtfertigte sich mit anschaulichen Wahrheiten, da der Kaiser und die Könige Repräsentanten Christi, einer Person, waren. Alle waren Tugenden verpflichtet, die gelebt werden mussten, also keine unpersönlichen Werte waren, die geltend gemacht oder entwertet werden. Mit Christus, dem Weltherrscher, waren als Sonne der Gerechtigkeit die Schönheit, die Wahrheit und alles befreiende Gute und Vernünftige verbunden. Schiller blieb insofern der alten Ordnung verhaftet, weil er die Wirksamkeit von Ideen mit ihrer schönen, die Sinne und die Einbildungskraft beschäftigenden, Erscheinung verband. Der aufgeklärte Dichter und Denker erinnerte die im Namen der Vernunft alles umstürzenden Revolutionäre an den Umstand, dass sich die Vernunft ihres Vernunftstaates mit gleichen Bürgerrechten und Menschenwürde und allen weiteren Rechten oder Ansprüchen, die Recht werden sollten, zwar denken, aber sich nicht veranschaulichen lasse. Sie sind Abstraktionen und verweigern sich als solche jeder gegenständlichen Erscheinung in künstlerischen Formen und der unmittelbaren Verständlichkeit.

Das blieb ein Dilemma der Vernunft-Republikaner, die den Verstand und nicht die Sinne zu beschäftigen vermochten. Viele radikale Demokraten wurden zu erklärten Bilderfeinden, um die Reinheit ihrer Gedanken, die Prägnanz der Kampf- und Schlachtrufe nicht abzuschwächen. Denn jeder Versuch, demokratische Postulate zu veranschaulichen, führte unweigerlich zu Rückgriffen auf die vertrauten kirchlichen oder monarchischen Formen bedeutungsvoller Repräsentation. Ohne sie kam das Bürgertum im 19. Jahrhundert nicht aus, sofern es die vernünftige Verfassung und die vernünftigen Freiheiten in Festen oder mit Denkmalen und öffentlichen Gebäuden feiern wollte. Es trivialisierte die überlieferten Formen und machte schöne Repräsentation als bloße Dekoration zum Ärgernis. Die Grundsätze republikanischer Staatsvernunft und demokratischer Leidenschaft, wie sie miteinander zu versöhnen sind und eine Ordnung rechtfertigen können, lassen sich nur in Reden verdeutlichen. In der bürgerlichen Gesellschaft, der diskutierenden, wurden deshalb ununterbrochen geredet – und wenn man keine Worte mehr fand, begeistert gesungen.

„Ohne ein Minimum an Formen verlieren
Demokratien allerdings ihren inneren Halt. Eine ästhetische
Erziehung ist für sie unerlässlich, um aus sogenannten
Menschen besonnene Staatsbürger zu machen“

Geredet wird auch in nachbürgerlicher Zeit, dauernd und bis zum Überdruss, um eine Gleichheit der Lebensverhältnisse und des Denkens zu erreichen. Es gibt keine großen Redner, aber eine Fülle von feierlichen oder bequemen Redensarten. Es gibt keinen demokratischen Stil. Daran hat man sich im Laufe des 20. Jahrhundert gewöhnt. In sogenannten öffentlichen Gebäuden wird gearbeitet, verwaltet, organisiert, ein Betrieb funktionstüchtig erhalten, zu dem auch der Interventionsstaat, der sich in alles einmischt, geworden ist. Ein Kanzleramt kann wie eine Waschmaschine aussehen. Die klassische civilitas der Bürgerlichkeit hat sich erledigt. Die formale Beredsamkeit der diskutierenden Klasse verlor sich in nachbürgerlicher Zeit im Zank und Lärm bei der Bemühung, Meinungsführerschaft zu erringen und zu behaupten. Ohne ein Minimum an Formen verlieren Demokratien allerdings ihren inneren Halt. Eine ästhetische Erziehung ist für sie unerlässlich, um aus sogenannten Menschen besonnene Staatsbürger zu machen, die mit Goethe wissen: „Kein Lebendiges ist eins/ immer ist's ein Vieles“. Das allein macht das Leben erträglich und verleiht ihm manchen schönen Glanz.

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