Vom Messdiener zum Showstar

Ein früherer ZDF-Intendant hat das Thema ist auf den Tisch gebracht: Besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen TV-Karrieren und Messdiener-Vergangenheit? Ist es Fügung oder doch nur Zufall, dass Jauch, Gottschalk & Co. früher auf den Altarstufen ihren religiösen Dienst verrichteten und heute ein Millionenpublikum unterhalten? Die Antwort bleibt (k)ein Geheimnis. Von Burkhardt Gorissen
| Stefan Raab, Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Hape Kerkeling (v. l. n. r.): Alle vier TV-Moderatoren waren in Kindheit und Jugend als Messdiener in der Kirche aktiv.Foto: dpa
| Stefan Raab, Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Hape Kerkeling (v. l. n. r.): Alle vier TV-Moderatoren waren in Kindheit und Jugend als Messdiener in der Kirche aktiv.Foto: dpa

Markus Schächter, ehemaliger Intendant des ZDF, hat ein Buch geschrieben. Es trägt den verheißungsvollen Titel „Die Messdiener – Von den Altarstufen zur Showbühne. Erfahrungen der Showstars von Günther Jauch bis Matthias Opdenhövel“ (Herder Verlag, 18, 99 EUR). Und tatsächlich: Sie alle schwenkten Weihrauchfässer, trugen Kerzen oder das Kreuz und hielten dem Pfarrer das Messbuch hin. Überdurchschnittlich viele TV-Prominente waren in jungen Jahren Messdiener. Von 30 prägenden Entertainern im deutschen Fernsehen war es gut die Hälfte. Diese Beobachtung animierte Schächter, der nach seiner ZDF-Karriere an der Hochschule für Philosophie in München Medienethik lehrt, zu der Frage: „Gibt es eine besondere, bisher unbeachtete Verbindungslinie zwischen Showbiz und Messdienst?“

In seiner Funktion als Intendant hat Schächter viele Prominente aus nächster Nähe kennengelernt, was ihm nun erlaubt, ungewöhnliche Einblicke in manche Biografie zu geben. Die Liste der ehemaligen Ministranten liest sich wie das „Who is Who“ deutscher Fernsehprominenz: Alfred Biolek, Frank Elstner, Thomas Gottschalk, Günther Jauch, Hape Kerkeling, Matthias Opdenhövel und Markus Lanz. 14 Promis hat Schächter interviewt. Wir erfahren, Jürgen von der Lippe war ein andächtiger Ministrant – und Stefan Raab gesteht: „Ich hab das Glöckchen nicht nur gebimmelt, wenn der Priester Kelch oder Hostie hebt“. Harald Schmidt war, allen Gerüchten zum Trotz, nie Ministrant, sondern Organist. Die Erinnerung gestaltete sich bei den meisten positiv. Die einzige Frau, die im Buch zu Wort kommt, ist Anne Will. „Kompetent, klug, kritisch, keck, (rheinisch-)katholisch“, überschreibt Schächter das Kapitel über sie. „Vielleicht suchten sie alle schon früh den großen Auftritt“, lässt sich Will vernehmen, die nicht Ministrantin werden durfte, sondern stattdessen als Sternsingerin mitzog. Ex-Ministrant Reinhold Beckmann vermutet hingegen, dass derjenige, der bereit war, morgens um 6.15 Uhr zum Frühgottesdienst anzutreten, auch bereit ist, härter zu arbeiten. Die Ministranten-Karriere von Hape Kerkeling fand ein abruptes Ende. Als er einen Lachanfall bekam, weil er vergessen hatte, die Glocken zu läuten, legte der Kaplan ihm nahe, die Messdienertruppe zu verlassen. „Ich bin dann mal weg“ – der Titel seines Buches über den Jakobsweg – geht allerdings nicht darauf zurück.

Schächter stellt sehr eigene Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Kirchendienst und Entertainment an: „Für viele ist es plausibel, dass diese Tradition einer großen Theatralik eine Erklärung für den engen Zusammenhang zwischen Altar und Bühne darstellt“, schreibt er. Immerhin, nirgendwo in Deutschland haben so viele Kinder und Jugendliche Repräsentationsaufgaben wie im katholischen Gottesdienst. Die schlichte Wahrheit ist, heute gibt es nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz knapp 500 000 Messdiener in Deutschland. Die Zukunft der deutschen TV-Moderation scheint also gesichert. Doch: „Wie geht das zusammen – vom Hochamt am Hauptaltar zum TV-Event am Hauptabend?“ Schächter schreibt von Gottschalks „bunter Zeit“ als Ministrant im oberfränkischen Kulmbach, der „alles rauf und runter ministriert“ habe – nicht nur in der Kirche. „Meine Mutter musste nur fünf Akkorde am Klavier spielen, dann begann die Prozession“, wird der Grandseigneur der Abendunterhaltung zitiert. „Ich bin ins Wohnzimmer eingezogen und habe den Segen erteilt und auf dem Sessel meine Predigt gehalten.“ Wenn Gottschalk behauptet: „Ich glaube, inzwischen gibt es mehr TV-Moderatoren als Messdiener“, mag ihm der Schalk aus den Augen blitzen, aber sicher auch etwas Wehmut.

Schächter betrachtet das Ministrieren als Training für das Entertainer-Leben. „Zusätzlich zum eigenen Talent hat eine kirchliche Kindheit und eine aktive Zeit als Messdiener eine zusätzliche Plattform für ein starkes Selbstbewusstsein geschaffen.“ Das mag man unberufen gelten lassen. Jeder, dessen Kindheit und Jugend durch den Glauben an Christus geprägt wurde, besitzt einen sicheren Halt. Aber die Frage bleibt, wie Glaube gelebt wird. Da scheint die Showbranche mit all ihren Verwerfungen nicht unweigerlich aus standhaften Charakteren zu bestehen. Die Branche lebt von der Illusion, der Glaube nicht. Festzuhalten ist, dass es sich beim Dienen in der Messe um einen Glaubensakt handelt, es geht ums Dienen, nicht um die Show.

Naturgemäß liegen Welten zwischen dem Dienst am Altar und der Zurschaustellung vor der Kamera. Mehr noch als im Theater kommt es auf der Showbühne darauf an, narzisstische Triebe auszuleben und die im Branchenjargon als „Klatschaffen“ titulierten Zuschauer durch gefallsüchtige, nicht selten schlüpfrige Witze zu begeistern. Show ist reine Unterhaltung mit exorbitantem Ablenkungspotenzial – und nichts anderes will sie sein. Die Heilige Messe dagegen ist Hinwendung zu Gott, ein Sich-Öffnen im Gebet beim feierlichen Ritus. Glaubensgewissheiten zerplatzen nicht wie die Seifenblasen des bunten Fernsehzirkus. Im Mittelpunkt der Messe steht immerhin kein Star, sondern die Darbringung des Sakraments, in dem Jesus mit Leib und Seele, mit Gottheit und Menschheit, mit Fleisch und Blut gegenwärtig ist. In Anbetracht dieser Wahrheit ist die Messfeier durchtränkt vom Geist der Anbetung.

Zudem, Messdiener sind keine Schauspieler, sondern tragen dazu bei, den Ablauf der Messfeier zu gewährleisten. Sie sind Diener am Altar. Das lateinische Wort kommt wie das eines Ministers von dem lateinischen Wort „ministrare“ – dienen. So ist die Sakristei auch ein Übungsfeld für Teamfähigkeit und Selbstbeherrschung. Der Dienst am Altar prägt in vielfältiger Weise, und gewiss nicht nur dadurch, dass ein Messdiener eine Kerze oder ein Kreuz trägt, sondern eben auch: Verantwortung.

Wie groß die Bedeutung der Ministranten ist, bewies Papst Franziskus, als er Anfang August Ministranten aus fast allen deutschen Diözesen sowie aus Österreich zu einer Sonderaudienz auf dem Petersplatz empfing. Die knapp 50 000 jungen Männer und Frauen feierten eine Vesper mit dem Papst, der nach einer kurzen Predigt auf Deutsch die Arbeit der jungen Helfer lobte und ihnen die besondere Verpflichtung ans Herz legte, ihren Glauben weiterzutragen, um vor allem außerhalb ihrer Gemeinden bei ihren Altersgenossen Begeisterung zu wecken.

Diese Glaubenswelt hat nichts Willkürliches, Idiosynkratisches, denn der ganze demütige Anspruch des Dienens beruht auf der Überzeugung, im Bezirk des Innerlichen, der reinen Geistigkeit, in Gott eins zu werden. Wer die Messfeier aufmerksam vollzieht, kann bis zum Grund der Seele gelangen. Und so führt der Dienst am Altar in die Tiefe des Seins und nicht dahin, unter der Hülle narzisstischer Selbstdarstellung eine egomanische Show aufzuführen. Vor allem muss man danach fragen, für welches geistige Wesen die Medien denn der unmittelbare Ausdruck sind. Die Medien und ihre Protagonisten stehen, auch ihrem eigenen Verständnis nach, für ein Surfen entlang der Oberfläche. Demnach hinkt eigentlich jeglicher Vergleich zwischen ministrieren und moderieren. Allenfalls ist es ein Anheischigmachen an die Showwelt, um vermeintlich Glaubensverluste zu kompensieren. Die Ansicht, dass das geistige Wesen einer Sache nur eben in einer banalen Darstellungsgabe besteht – diese Ansicht als Hypothese verstanden –, ist der große Abgrund, dem der Glaube in gar nicht wenig Gemeinden zu verfallen droht. Gerade dort, wo weniger vom Ministranten, dafür umso mehr vom Priester, also dem Diener Christi, Entertainer-Qualitäten verlangt werden! Die Unterscheidung zwischen innerseelischer Wesentlichkeit und der Oberflächlichkeit unserer Zeit erscheint dabei so unzweifelhaft, dass die behauptete Identität zwischen dem geistigen und weltlichen Weg eine tiefe und unbegreifliche Paradoxie bildet.

Gewiss, oberflächlich betrachtet, sind beide Diener: Ministranten und Moderatoren, so wie jeder Beruf einen Dienstcharakter besitzt. Doch wem teilt sich der Dienst mit? Es ist ein tiefer Unterschied, ob man vor Gläubige oder vor ein Publikum tritt. Und auch wenn es gewiss keine Sünde ist, Menschen zu unterhalten, so ist Menschendienst eben doch noch lange kein Gottesdienst. Und was ein guter Priester oder Prediger ist, bemisst sich nicht daran, ob er bei den Menschen gut rüberkommt, wie man landläufig so gern sagt.

Es gibt eine Legende über den Heiligen Bernhard von Clairvaux, dem bei einer Predigt eine „innere Stimme“ schmeichelte, er sei der fähigste Prediger überhaupt. Der Heilige hielt kurz inne und gebot Satan, zu verschwinden. Auch wenn zu Lebzeiten Bernhards der Medienrummel von heute nicht einmal zu ahnen war, zeigt dieses Beispiel doch deutlich, welche Bedeutung dem Gottesdienst beikommt. Die Ansicht, diese Dinge seien gleichgültig, ist die vorherrschende Auffassung der Glaubensbeliebigkeit, deren Unhaltbarkeit und Leere sich mit steigender Deutlichkeit im geistigen Zustand der Welt offenbart. Die Wahrheit besagt: im Dienen teilt sich das geistige Wesen des Menschen Gott mit. So gesehen ist Schächters Gleichung „Messdiener = Moderator“ kaum tragfähig, zumal er feststellen musste, dass die Entertainer seiner These nur vereinzelt zustimmen wollten. Günther Jauch etwa hält derartige Theorien für überzogen. Er sagte dem Autor während der Recherchen für das Buch, das sei „streng genommen eher Zufall“ und sollte nicht für eine „göttliche Fügung“ gehalten werden.

Und überhaupt: Wo steht geschrieben, dass Ministranten später unbedingt Karriere im Fernsehen machen müssen. Denn: Nicht nur die von Schächter beschriebenen Show-Größen wurden katholisch sozialisiert – auch jede Menge Politiker wie etwa Ex-Außenminister Joseph „Joschka“ Fischer, dem Show-Qualitäten allerdings niemals abgesprochen werden konnten. Als neugierige Journalisten Fischer einmal fragten, wieso er sich so sicher auf dem diplomatischen Parkett bewege, mit all den komplizierten Regeln und Ritualen, antwortete Joschka milde, darauf sei er durch seine katholische Ministranten-Ausbildung optimal vorbereitet worden.

Vergessen wir aber auch eins nicht: Der frühe Dienst am Altar – manchmal führt er tatsächlich zum Priestertum. Zum echten, religiösen Dienst. Ohne Kameras und populäre Auftritte. Allein für die bedürftigen Seelen, nicht für Quoten und Prozentpunkte. So mancher bescheiden gebliebene Moderator wird wissen, um wieviel wichtiger dieser Dienst am Altar gegenüber dem eigenen Unterhaltungsdienst ist. Mit Material von dpa

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