Vom Licht durchflutete Architektur

In der Bretagne ist eine neue Kirche des portugiesischen Stararchitekten Alvaro Siza geweiht worden. Von Jean-Marie Dumont
"Anastasis"-Kirche bei Rennes
Foto: IN | Die „Anastasis“-Kirche bei Rennes kann als Symbol für das Mysterium der Inkarnation verstanden werden. Ein Kreuz ist außen nicht angebracht, der Glockenturm ist auf dem Bild links zu sehen.

In Frankreich werden Kirchen, die nicht benutzt werden, zum Teil zerstört, aber es werden auch neue erbaut. So wurde am 11. Februar in Saint Jacques de la Lande, einem Vorort des bretonischen Rennes, eine neue Kirche eröffnet und geweiht. Die Eröffnungszeremonie präsidierte der Erzbischof von Rennes, S.E. Pierre d'Ornellas, der auch verantwortlich für bioethische Themen innerhalb der französischen Bischofskonferenz ist. Während die Statistik eher zeigt, dass die Zahl der Franzosen, die regelmäßig zur Messe gehen, abnimmt, ist die Wirklichkeit komplexer und je nach Ort verschieden. In bestimmten Banlieues – so auch im Fall von Paris –, in denen immer mehr Menschen leben, die aus dem Ausland stammen, nicht nur aus muslimischen Ländern, werden neue Kirchen nötig.

In Saint Jacques de la Lande wie bei anderen Kirchen, die kürzlich erbaut worden sind, ist ein entschlossen moderner Baustil gewählt worden. Das aus Beton bestehende Hauptgebäude ist rund, zwei Türme stehen davor. Die Architektur ist einfach und die beherrschende Farbe ist das Weiß, sodass die Kirche sich, obwohl sie deutlich erkennbar ist, leicht in das ebenfalls neue Viertel integriert. Gleichzeitig sieht man ganz klar, dass es sich um ein spezifisches Gebäude handelt. „Es ist eine originelle Architektur, die viel über Licht, Reinheit, Frieden, die Erhebung der Seele sagt“, erklärte Bischof Pierre d'Ornellas. „Sie lädt die Passanten dazu ein, in das Gebäude einzutreten, um das Geheimnis, das innerhalb der Kirche wohnt, zu entdecken. Es erinnert mich an die Frage der Jünger im Evangelium: Meister, wo wohnst Du? Er sagte zu ihnen: kommt und seht!“

„Die zwei großen Türme erinnern an eine Kathedrale“, hat der Architekt Jean-Pierre Prenlas-Descours erklärt, der zu dem Projekt beigetragen hat. „Wenn sie in die Kirche eintreten, empfinden Sie eine innere Stimmung“. „Die Errichtung dieser Kirche ist ein Ereignis für die Liebhaber der Baukunst“, hat auch Etienne Taburet, der ein Spezialist der Architektur ist, kommentiert. „Sie sind von diesem Gebäude beeindruckt, das sich weit entfernt von dem Zentrum einer Großstadt befindet, was für ein Kunstwerk nicht gewöhnlich ist. Auch alle Spaziergänger, alle Autofahrer, und viele andere Menschen, die nicht geplant hatten, die Kirche zu besichtigen, werden sie sehen können.“ Das Ziel der Kirche, der ersten, die seit Anfang des 21. Jahrhunderts in der Bretagne erbaut worden ist, ist, das Interesse der Passanten hervorzurufen und sie zum Besuch des Gebäudes anzuregen.

Eine weitere Besonderheit des Bauwerks: ihr Name. Die neue Kirche von Saint Jacques de La Lande trägt nämlich den Namen „Anastasis“. Auf Griechisch bedeutet dieses Wort „Auferstehung“. Es ist auch der Name der Kirche, die sich in Jerusalem über dem Ort der Kreuzigung und Grablege Christi befindet. Beide Kirchen haben Gemeinsamkeiten: beide sind Rundbauten, und beide haben eine geringe Zahl an Kirchenfenstern. „Der Gebetsraum der Kirche Anastasis von Saint Jacques de la Lande befindet sich im ersten Stock, wie das „Obergemach“ der Apostelgeschichte (1, 13), in dem das Pfingstereignis stattfand. Die Kirche ist ein Rundbau, wie die alten Kirchen des Orients, nach dem Modell der Agia Anastasis von Jerusalem“, erklärte Véronique Orain, die für die Kunstkommission der Erzdiözese Rennes arbeitet, bei der Eröffnung. „Ein süßes, himmlisches Licht spiegelt sich indirekt in den weißen Wänden. Es bildet einen Heiligenschein, der die Gemeinschaft unter einer abgehängten Decke umgibt. Diese ist quadratisch und sie stellt die Menschlichkeit, die irdische Materie im Gegensatz zu der göttlichen Kreisform dar. Wie Sankt Augustinus gesagt hat, ist Gott wie ein Kreis, dessen Kreislinie überall ist, und der Mittelpunkt nirgendwo. Von dem Haupteingang an führt uns eine virtuelle Linie, die eine Seitenhalbierende bildet, zu dem Chor, wo sich der Altar befindet. Wir sind dadurch unmittelbar zu innerer Sammlung und Gebet eingeladen. Der sakrale Raum setzt sich in der Apsis fort, die halbkreisförmig ist, und in der sich der Tabernakel und eine Marienstatue mit dem Jesuskind befinden.“

Wenn man die Kirche vom Himmel aus sieht, erscheint eine Besonderheit, die man nicht auf den ersten Blick wahrnehmen kann: Sie gleicht einer menschlichen Silhouette. Sie kann also als Symbol der „radikalen Besonderheit des Christentums: das Mysterium der Inkarnation“ gesehen werden, so Etienne Taburet.

Den Bau dieser Kirche, der ungefähr drei Millionen Euro kosten sollte, hat das Erzbistum Rennes dem berühmten portugiesischen Architekten Alvaro Siza übertragen. Dieser Künstler, geboren 1933 im Norden Portugals, dessen Ruf international geworden ist, hat zu zahlreichen Projekten beigetragen. Unter diesen kann mal als Beispiele die folgenden zitieren: das Schwimmbad in dem Quinta da Conceiçao von Porto (1958), die Baukunstfakultät der Universität Porto, das Galicische Zentrum für Zeitgenössische Kunst von Santiago de Compostela, die portugiesischen Pavillons der Expo 1988 in Lissabon und der Expo 2000 in Hannover oder die Ibere Camargo Stiftung in Brasilien (Porto Alegre). 2012 bekam er bei der Architektur-Biennale in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Er hat auch für den Bau einer anderen Kirche gearbeitet, Santa Maria de Marco de Canavezes in Portugal, die mehrere Gemeinsamkeiten mit der Kirche von Saint Jacques de la Lande hat.

Einige Tage vor der Eröffnung hat Alvaro Siza diskret auf seine Arbeit der Konzeption der neuen Kirche hingewiesen. „Ich habe mir gesagt: was werde ich hier machen? Ich habe mit anderen Personen arbeiten müssen, unter anderem einigen, die diesen Ort ganz gut kennen, und es hat mir geholfen. Eine Form hat angefangen, aufgebaut zu werden, ohne dass ich mir dieser Tatsache ganz bewusst bin. In meinem Unterbewusstsein gibt es auch Elemente, die ich während meiner Reisen gesehen habe. Man kann es die Einbildung nennen. Und dann bleiben die Gespräche mit Bischof Pierre d'Ornellas eine unvergessliche Erfahrung.“

Diese Gespräche hat Bischof d'Ornellas am Tag der Eröffnung der Kirche erwähnt, als er dem Architekten gedankt hat. „Ich fühle in mir eine große Dankbarkeit gegenüber dem Baustil der Kirche. Und es gibt keinen Baustil ohne einen Architekten. Mit Herrn Siza haben wir von Anfang an ein Gespräch über das Licht gehabt. Ich kam mit sehr einfachen Gedanken über die Tatsache, dass Gott das Licht ist. Und ich sah Herrn Siza mit seinem aktiven, beeindruckenden Zuhören, der versucht hat, zu sehen, zu verstehen, was er allmählich zeichnen könnte.“

„Eine neue Kirche im XXI. Jahrhundert in den Vororten von Rennes aufzubauen, ist ein leuchtendes Zeichen von Hoffnung in unserer bretonischen Gesellschaft“, hat der Erzbischof von Rennes auch erklärt. „Ich spreche mit Leuten, die aus Afrika, aus den Antillen, aus Madagaskar, aus Indien, von überall, kommen. Alle warten auf einen christlichen Bezugspunkt. Es ist eine echte Quelle der Hoffnung!“ – „Dieses architektonische und geistliche Juwel ist schon ein starker Bezugspunkt für die Einwohner dieses Viertels“, sagt auch die Kommunikationsstelle des Erzbistums, die erklärt, dass Leute schon um die Taufe und die Firmung gebeten haben. „Was werden wir in dieser Kirche machen“, fragte Bischof d'Ornellas in seiner Homilie während der Weihe. „Was werden wir in allen unseren Kirchen machen? Wir haben nichts anderes zu tun, als uns erschüttern zu lassen“.

Wie auch in anderen französischen Kirchen gibt es im Erdgeschoss der neuen Kirche Säle mit großen Glasfenstern, die man von den Nebengebäuden und dem zukünftigen Garten sehen kann. Wenn man hineintritt, muss man hinaufsteigen, um den Gebetsort von 120 Plätzen zu erreichen. Etappen, die auch zum Ziel haben, diese Kirche als offenen und einladenden Ort vorzustellen, damit alle, die noch weit entfernt vom Glauben sind, Lust bekommen, Jesus Christus und die Botschaft des Evangeliums zu entdecken.

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Stephan Baier