Vom Finden und Verlieren des Glücks

Zwei unterschiedliche Liebesfilme im Kino: „Angele und Tony“ sowie „Blue Valentine“. Von José García
Foto: Senator | Cindy (Michelle Williams) und Dean (Ryan Gosling) verlieben sich schnell ineinander. Nach sechs Jahren steht aber ihre Ehe vor dem Aus.
Foto: Senator | Cindy (Michelle Williams) und Dean (Ryan Gosling) verlieben sich schnell ineinander. Nach sechs Jahren steht aber ihre Ehe vor dem Aus.

Als Gegensatz zu den klassischen, aber auch in letzter Zeit überhandnehmenden, süßlich-kitschigen Liebeskomödien bietet das Kino auch Filme, in denen ausgesprochen spröde Menschen die Liebe ihres Lebens entdecken, so etwa zuletzt „Eine Insel namens Udo“ (DT vom 18. Juni). Eine solche unkonventionelle Liebesgeschichte erzählt ebenfalls Alix Delaportes mit dem „Prix Michel d'Ornana” für den besten französischen Debütfilm 2010 ausgezeichneter, nun im regulären Kinoprogramm anlaufender Spielfilm „Angele und Tony“.

In einer Kleinstadt in der Normandie sucht Angele (Clotilde Hesme) einen Ehemann, denn nur als verheiratete Frau kann sie ihren Sohn Yohan zurückbekommen. Der etwa zehnjährige Yohan, den Angele seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat, wächst bei ihren Schwiegereltern auf – und diese haben bereits das Sorgerecht für ihn beantragt. Über eine Kontaktanzeige lernt Angele den wortkargen Fischer Tony (Grégory Gadebois) kennen. Die 27-jährige schöne Frau meint, den nicht mehr jungen, etwas dicklichen Fischer, der mit seinem jüngeren Bruder Ryan bei seiner Mutter wohnt, einfach verführen zu können. Tony verweigert sich jedoch ihren sexuellen Angebote, weil er sich überrumpelt fühlt und darüber entsetzt ist, dass Angele darin lediglich etwas Physiologisches sieht. Der ernsthafte Tony gibt ihr allerdings trotz der Bedenken seiner Mutter eine Chance als Fischverkäuferin.

Mit viel Gespür für Timing entwickelt Drehbuchautorin und Regisseurin Alix Delaporte die Geschichte einer langsamen Annährung. Ohne ausgefallene filmische Stilmittel zeigt „Angele et Tony“ im geruhsamen Rhythmus, wie aus Kalkül und Berechnung echte Liebe wird, so dass Angele „ein Gefühl entdeckt, dass sie noch nie empfunden hat“ (Alix Delaporte). Dabei setzt die Regisseurin insbesondere auf das nuancierte Spiel ihrer Hauptdarsteller, auf die mit einer geheimnisvollen Aura gepaarte, trotzige Unbefangenheit von Clotilde Hesme sowie auf den spröden Charme des unauffälligen Grégory Gadebois. Zu den Stärken von „Angele et Tony“ gehört außerdem, dass der Film Etliches aus Angeles Vergangenheit offen lässt, etwa die näheren Umstände des Todes von Angeles Mann und Yohans Vater, weswegen sie offenbar im Gefängnis saß – schließlich stellt Tony diese Fragen auch nicht. Nicht nur die wunderbaren Bilder der Schlusssequenz von „Angele und Tony“ schildern hoffnungsvoll ein Glück, das in der Versöhnung mit sich selbst und in der Annahme des Anderen besteht.

Erzählt „Angele und Tony“ davon, wie seine Protagonisten die Liebe zueinander entdecken, so ist dies in Derek Cianfrances „Blue Valentine“ lediglich die halbe Geschichte. Die andere Hälfte skizziert das Scheitern einer Ehe nach sechs gemeinsamen Jahren. Denn Drehbuch-Coautor und Regisseur Derek Cianfrance entwickelt „Blue Valentine“ auf zwei Zeitebenen: Die Rahmenhandlung beschreibt den wohl letzten Tag in der Ehe von Cindy (Michelle Williams) und Dean (Ryan Gosling), mit dem die Anfänge ihrer Beziehung in Rückblenden verknüpft werden.

Die beiden lernen sich in dem Altersheim kennen, in dem Cindy ihre Großmutter besucht und Dean als Umzugshelfer das Zimmer eines alten Mannes einrichtet. Obwohl sie Medizinstudentin ist und er sich mit diesem einfachen Gelegenheitsjob über Wasser hält, verlieben sich Cindy und Dean ineinander. Bald heiraten sie trotz der Bedenken von Cindys Eltern. Als sich die junge Frau in letzter Sekunde für das Kind entscheidet, das sie von einem anderen erwartet, steht Dean uneingeschränkt zu ihr. Er liebt die kleine Frankie wie sein eigenes Kind, und das Mädchen liebt ihn über alles. Vier Jahre später fühlt sich Cindy jedoch in ihrer Stelle als Frauenärztin überfordert. Mit der Zeit verliert in ihren Augen Deans lockere Lebenseinstellung den romantischen Charme von einst, ja sie wird für Cindy immer mehr zu Unzuverlässigkeit, sodass ihr Verhältnis zueinander immer gespannter wird.

Chronologisch erzählt, wäre „Blue Valentine“ wohl eine ziemlich konventionelle „Szenen einer Ehe“-Geschichte geworden. Der dramaturgische Kniff, das Hochgefühl des Anfangs mit der Ernüchterung des Verfalls parallel zu schneiden, erlaubt eine vielschichtige Beobachtung. Wie meisterhaft die Zusammensetzung der verschiedenen Mosaikstückchen in „Blue Valentine“ dank dem sorgfältigen Schnitt von Jim Helton und Ron Patane gelingt, zeigt etwa eine Einstellung mit Dean im Altersheim, die von einem scharfen Schnitt unterbrochen und erst in einer späteren Rückblende mit deren Gegeneinstellung aufgelöst wird.

In der Zusammenarbeit mit dem Kameramann Andrij Parekh setzte Regisseur Derek Cianfrance verschiedene Techniken ein, die zu den unterschiedlichen Anmutungen führten: Die mit einer Super-16 Millimeter Handkamera gedrehten Rückblenden verleihen eine mit der Verliebtheit der Protagonisten korrespondierende Unbeschwertheit. Für die Szenen, die den Verfall ihrer Ehe schildern, wurden feste digitale Kameras mit Teleobjektiven verwendet, die eine klaustrophobisch erdrückende Atmosphäre erzeugten.

„Blue Valentine“ beobachtet präzis, woran eine Ehe scheitern kann: an der Sprachlosigkeit, an den übermäßigen Erwartungen, letztlich aber am Egoismus. Deans Frage – „Was soll aus der kleinen Frankie werden?“ – verdeutlicht darüber hinaus, dass unter der Trennung am meisten die Kinder leiden.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer