Vom Familienfluch zum Segen

Dass es den „Fluch der Karibik“ gibt, daran haben Kinogänger nicht den geringsten Zweifel. Zu überzeugend spielt Johnny Depp den Piraten Jack Sparrow, zu negativ sind die Auswirkungen des geraubten Schatzes. Doch im wahren Leben? Gibt es da die negative Kraft eines Fluches? Auch für Christen? Oder ist das ein abwegiges Thema, auf das die Boulevard-Presse kommt, wenn mal wieder einem Mitglied des Kennedy-Clans etwas Böses passiert ist? Ein Blick auf das Neue und Alte Testament hilft bei der Klärung. Von Marie-Sophie Maasburg
Foto: dpa/arte | Attentate, Unfälle, Affären und Alkohol. Das amerikanische Fernsehen verfolgte diese „Erbfolge“ mit der Serie „Die Kennedys“.
Foto: dpa/arte | Attentate, Unfälle, Affären und Alkohol. Das amerikanische Fernsehen verfolgte diese „Erbfolge“ mit der Serie „Die Kennedys“.

Gibt es so etwas? Einen Fluch auf einer Familie? Ein Unheil, das sich über Generationen durch eine Familie zieht und immer wieder an die Oberfläche kommt? Um das zu beantworten, braucht man sich nur umzusehen. Es gibt Familien, die scheint wirklich alles zu treffen. Ein Unglück nach dem anderen entlädt sich über ihnen. Krankheit, Tod, Trennungen und Streit ziehen sich wie ein roter Faden durch die Generationen. Und oft fragt sich das mitleidige Herz, wie gerade diese Menschen das verdient haben sollen. Wenn man das Internet durchstöbert, findet man allerhand über Flüche, die auf Familien liegen und ein reichhaltiges Angebot – vermehrt aus der Esoterik – dem zu entkommen. Das Phänomen, dass sich Unglücksfälle, Selbstmorde, Totgeburten, Depression oder Krankheiten wie ein Muster in gewissen Familien verdichten, ist vielerorts zu beobachten.

Studien aus der medizinischen Forschung haben belegt, dass wir von unseren Vorfahren tatsächlich gewisse Dispositionen erben. Anlagen zu Krankheiten oder die Krankheit selbst. Dann heißt es beispielsweise: auch dein Großvater hatte schon einen Hang zu Depressionen; oder man erkrankt an Krebs und stellt dann in der Anamnese fest, dass es in den vorhergehenden Generationen auch schon Krebserkrankungen gab. Im Fall der biologischen Erbfolge nehmen wir dieses Erbe als unausweichlich an und hoffen inständig, dass es bei uns nicht zum Tragen kommt. Und fänden wir eine Heilungsmethode, die nicht nur uns, sondern auch unsere Kinder von der Belastung entbände, würden wir alles dafür geben. Ebenso kann sich die Sünde unserer Vorfahren sehr konkret auf unser Leben auswirken, da wir dieses Erbe ebenso tragen wie das biologische. Geht man auf die geistige Ebene, fällt es den meisten schwer, eine solche „Erbfolge“ anzuerkennen, auch wenn sie spürbar Auswirkungen auf das Leben hat. Etwas im Mensch wehrt sich, die „Sündenfolge“ als Tatsache anzuerkennen. Denn sind wir nicht selbstbestimmte, freie Menschen? Können wir nicht alles allein aus uns heraus schaffen, lösen und erreichen, wenn wir nur wirklich wollen? Wie sollte eine Sünde meiner Großväter sich auf mein heutiges Leben auswirken? Es entspricht unserem Denken, dass wir nur das ausbaden, was wir selbst verschuldet haben und nicht das, was andere verschuldet haben!

Aber immer wieder kommen Menschen in ausweglose Situationen. Es gibt Abfolgen unerklärlichen Versagens, was zu lähmenden Angstzuständen führt. Oder es geschehen Verkettungen unglücklicher Umstände, die mit rationalem Denken nicht mehr erklärbar sind. Oft sind es in der betroffenen Familie typische und wiederkehrende Muster. Und je mehr man sich dann mit dieser Familie und der Familiengeschichte auseinandersetzt, desto mehr muss man feststellen, dass es „wie ein Fluch“ ist. Wobei das Wort „wie“ natürlich eine wichtige Abgrenzung markiert. Kann man es auch weglassen? Interessanterweise stößt man gerade in katholischen Kreisen auf Ablehnung dieser Thematik. Der katholische Christ wehrt sich dagegen, dass ein Fluch auf ihm selbst oder der eigenen Familie lasten könnte. Es scheint dem Erlösungswerk Jesu zu widersprechen. Wie kann jemanden eine solche Last und Auswirkung treffen, wenn er an Jesus Christus glaubt, sich zu ihm bekennt und seine Vergebung angenommen hat?

Die Erbsünde oder Ursünde führte zum Tod. Durch Jesus Christus haben wir das Leben. Aber wir leben in dieser, der gefallenen Welt und sind den Folgen der Erbsünde demnach ausgesetzt – trotz der Erlösung. Dieser Aspekt wird gerne ausgeblendet, so wie die Relevanz des Alten Testament oft angezweifelt wird. Sich jedoch nur auf das Neue Testament zu beziehen ist kurzsichtig und unvollständig, können wir doch das meiste aus dem Neuen ohne das Alte gar nicht wirklich verstehen. Beide Testamente gemeinsam sind das Wort Gottes und so sind die Wahrheiten aus dem Alten im Neuen zwar vollendet, damit aber nicht aufgehoben. Die gute Nachricht ist, dass wir dieser „Sündenfolge“, die auch unverschuldet auf uns liegen mag, nicht hilflos ausgeliefert sind. Denn Jesus Christus ist für uns gestorben und hat für uns mit seinem Blut bezahlt. Genau an diesem Punkt fassen das Alte und das Neue Testament wie ein Zahnrad ineinander. Was uns das Alte Testament in oftmals schwer erträglicher, drastischer Weise an Prinzipien und Wahrheiten vor Augen hält, wird durch das Neue Testament in ein helles Licht der Hoffnung gerückt. Die Prinzipien und Wahrheiten werden nicht aufgehoben, aber durch Jesus Christus ist uns der Schlüssel zur Erlösung gegeben.

Das Wort Gottes besteht nicht nur aus Gesetzen, sondern auch aus Prinzipien. Es gibt geistliche und physische Prinzipien, die sich im Wort Gottes wiederholen. So gibt es einzelne Beschreibungen, die einmalig vorkommen und so zeitspezifisch gedeutet werden dürfen. Es gibt jedoch auch so genannte Göttliche Prinzipien, die sich durch die ganze Bibel ziehen. So steht beispielsweise im dritten Buch Mose 20, 9: „Jeder, der seinen Vater oder seine Mutter verflucht, wird mit dem Tod bestraft. Da er seinen Vater oder seine Mutter verflucht hat, soll sein Blut auf ihn kommen.“ Dem gegenüber steht das vierte Gebot, welches die andere Seite des gleichen Prinzips beleuchtet: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden.“ Dem Fluch steht der Segen gegenüber. Das Prinzip, dass der Umgang mit den eigenen Eltern eine konkrete Auswirkung auf das eigene Leben hat, kann man in vielen biblischen Geschichten wiederfinden und auch heute kann es jeder persönlich erleben.

Wir lesen in der Bibel immer wieder, dass die, die Gott lieben und seine Prinzipien achten, vielfältigen Segen erhalten werden. Dem steht gegenüber, dass wenn wir sündigen, wir dem Feind ein Einfallstor öffnen. Und im Zustand nach der Sünde hat dieser ein legales Anrecht darauf, uns „zu bestehlen, zu zerstören und zu töten“ (Johannes 10, 10). Weil wir es ihm eingeräumt haben, durch die Sünde. Nun gibt es die Einstellung, einem Christen könne ja nichts mehr passieren, wenn er sein Leben in Jesu Hände gegeben habe, da jetzt Jesus für ihn streitet. Aber das stimmt nicht, und ein Blick in unsere Welt genügt, um das zu erkennen.

Es ist wahr, dass Jesus den Streit bereits gewonnen hat. Aber jeder Mensch ist dazu berufen, ein aktiver Mitstreiter zu sein und die Waffen, die Jesus ihm hinterlassen hat, zu nutzen (Epheser 6, 10ff). Mit seinen letzten Worten am Ende des Markusevangeliums sendet er seine Jünger aus, um Dämonen auszutreiben. Er sagt nicht, sie seien alle bereits ausgetrieben, weil er auferstanden ist. Er ruft seine Jünger auf, aktiv zu werden. Es liegt kein Heil in der Passivität.

Jesus hat den Preis für uns bereits gezahlt. Aber wir müssen uns in Bewegung setzen und dies annehmen. Wir müssen in Anspruch nehmen, was uns Gott legal zugesagt hat – was uns als seinen Söhnen und Töchtern zusteht. Er zwingt es uns nicht auf, da er sich nicht über unseren freien Willen stellt. Durch Jesus sind die Gesetze des alten Bundes nicht aufgehoben, aber seine Gegenwart in uns lässt das Gesetz der Liebe Wirklichkeit werden. Dennoch gelten für die Welt die unveränderlichen Gebote Gottes, die Jesus mit seinem Kommen nicht aufgehoben, sondern vollendet hat. Tun wir also Dinge, die Gott ein Gräuel sind, so öffnen wir die Tür, die dem Feind ein legales Anrecht gibt, uns zu zerstören und zu töten. Und dieses Anrecht fordert er ein, wie man in vielen Familien beobachten kann.

Jesus ist gekommen, um dieses legale Anrecht des Feindes aufzuheben. Er hat alle Schuld auf sich genommen, um uns einen Weg in die Freiheit zu bahnen. Und doch ist seine Erlösung keine Automatik. Es ist nicht so, dass wir mit einem einmaligen „Ja“ unserem Herrn Jesus Christus einen Blanko-Schein ausstellen und er sich dann ohne unsere Wahrnehmung und unser Zutun um alle Baustellen kümmert, die er findet. Denn er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und das bedeutet Bewegung, Beziehung und Entwicklung. Es ist immer wieder an uns, aus freiem Willen Ja zu sagen, zu diesem – seinem – Geschenk. Mit jedem Ja, das wir sprechen, räumen wir ihm mehr Raum ein, unser Inneres zu beleuchten und die dunklen Stellen zu finden und zu beseitigen. Und mehr noch als das. Denn: Setzen wir uns seinem heilenden und heiligenden Licht aus, können wir uns für unsere Nachkommen in den Riss stellen und verhindern, dass eine Sündenfolge auf unsere Kinder übergeht. Konkret heißt das, sich mit den Sünden der Vorfahren auseinanderzusetzen, vom Heiligen Geist führen zu lassen und beispielsweise für das Geschehene stellvertretend um Vergebung zu bitten. Es gibt geistliche Angebote, die einem auf diesem Weg begleiten. Gott, der Vater, bietet uns in seinem Sohn seine Gemeinschaft an und erneuert seine Beziehung zu uns Menschen. Er tut das ohne jede Bedingung, außer der kindlichen Bereitschaft, sich beschenken zu lassen. In jenem verharmlosenden „außer“ steckt jedoch der ganze Kern des Problems: Es muss erst „der alte Mensch gekreuzigt werden, damit der Leib der Sünde vernichtet werde und wir nicht Sklaven der Sünde bleiben“ (Römer 6, 6). Sich beschenken zu lassen klingt so leicht, ist es aber augenscheinlich nicht. Es ist ein Weg mit Gott; ein Lernen und Begreifen und immer neues Erkennen, wo unser alter Mensch noch nicht gekreuzigt wurde und wir nicht in der Lage sind, das Geschenk anzunehmen, das er für uns bereit hält.

Erstaunlicherweise sind viele eher bereit, sich den schrecklichen Umständen zu ergeben, als die Hände zu öffnen und sich befreien zu lassen. Jeder kann in sich gehen und das für sich persönlich prüfen. Und jeder wird wohl dieses Gefühl kennen, wenn man unverdient etwas Großes geschenkt bekommt. Das Gefühl, es nicht verdient zu haben. Das Gefühl nichts, aber auch gar nichts, im Gegenzug geben zu können. Die meisten werden zugeben, dass dies kein gutes Gefühl ist. Es trägt etwas von Scham und Demut in sich. Und damit können wir Menschen nicht recht umgehen – seit dem Tag, an dem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Im Deuteronomium 28 werden Segen und Fluch genau beschrieben. Gott will den Menschen ein Leben in Fülle schenken. Auch und vor allem den Familien. Denn eine Familie, angefangen mit der Ehe, ist die kleinste Einheit, in der die liebende Beziehung des Dreifaltigen Gottes sichtbar werden darf. Aber bei denjenigen, die anderen Götter dienen und sich gegen ihn auflehnen, werden die Folgen ihrer Sünden bis in die vierte Generation zugelassen: „Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen und an der dritten und vierten Generation“ (Dtn 5, 9) und in Exodus 34, 6–7 steht ganz klar: „Er verfolgt die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln, an der dritten und vierten Generation.“ Das erscheint logisch, da die vierte Generation das Maximum ist, welches ein Mensch in seiner Nachkommenschaft erleben kann. Das beste Beispiel ist die gesamte Heilsgeschichte der Juden, in der sich das Wechselspiel von Fluch und Segen beobachten lässt.

So oft steht die Frage im Raum: Wenn Gott ein Gott der Liebe ist, warum gibt es soviel Unheil, Hunger, Elend und Leiden auf dieser Welt? Für viele hat der Ursprung dieser Frage seine Wurzel in der eigenen Familie und in den eigenen Umständen. Denn an sich selbst und an seinem Nächsten erfährt der Mensch die raue Wirklichkeit. Und je näher ein Unglück geschieht, desto tiefer trifft es ihn persönlich und lässt sich nicht mehr auf einer abstrakten Ebene betrachten. Aus christlicher, biblisch fundierter Sicht ist die Antwort auf diese Frage eindeutig: Es ist die Frucht der Sünde und das vernichtende Werk Satans. Weil Gott dem Menschen die Wahl gegeben hat, sich zu entscheiden zwischen Leben und Tod, Segen oder Fluch. Wem dienst du? Gott oder Satan? Es gibt nur Licht oder Finsternis. Viele wollen sich für die graue Zone entscheiden. Sie wollen weder Fisch noch Fleisch sein. Aber diesen grauen Bereich gibt es nicht. Das Wunderbare am Glauben ist, dass wir die Freiheit geschenkt bekommen haben, uns zu entscheiden. Und dass wir jeden Tag aufs neue Ja sagen können zu unserem Gott. Und wenn wir das tun, dann setzt er uns Stück für Stück frei und wir erleben, wie der Segen, den er für uns bereithält, beginnt zu fließen.

Von der Autorin ist im Präsenz-Verlag das Buch „Juliana“ erschienen, das von der Lösung eines Familienfluches durch den Glauben erzählt.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier