Vom Bildungswert der Geschichte

Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes, beklagt eklatante Wissensmängel der Schüler im Fach Geschichte – repräsentative Umfragen bestätigen ihn. Neun Thesen wollen zu einer Debatte über den Wert historischen Wissens anregen. Von Johannes Schwarte
Foto: dpa | Versteht man so das Christentum besser? Eine 1,60 Meter breite und über drei Meter hohe Kopfrekonstruktion des spätrömischen Kaisers Konstantin steht in der Begleitschau der Ausstellung „Rom 312“ im asisi ...
Foto: dpa | Versteht man so das Christentum besser? Eine 1,60 Meter breite und über drei Meter hohe Kopfrekonstruktion des spätrömischen Kaisers Konstantin steht in der Begleitschau der Ausstellung „Rom 312“ im asisi ...

1Erhellung der Gegenwart: Menschen brauchen Geschichtskenntnisse, um ihre Gegenwart verstehen und sich in sie einordnen zu können. Zur elementaren geschichtlichen Bildung gehört die Fähigkeit, die Gegenwart als eine gewordene zu verstehen, deren Ursachen in der Vergangenheit liegen: in den Handlungen von Menschen. Das Gegenteil des geschichtlichen Gesellschaftsverständnisses ist ein „naturwüchsiges“: Danach wird Gesellschaft als „Naturprodukt“ statt als Resultat menschlicher Handlungen aufgefasst. Die Fähigkeit zur Unterscheidung von Geschichtlichkeit und Naturwüchsigkeit gehört zu den Grundelementen einer geschichtlichen Bildung.

2Schärfung des Gegenwartsbewusstseins und politischen Bewusstseins: Menschen brauchen Geschichtskenntnisse, um die Tragweite und langfristige Wirksamkeit menschlicher Handlungen erkennen zu können. Die Erkenntnis, dass falsche politische Entscheidungen unter Umständen über viele Generationen hinweg weiterwirken (können), ist geeignet, das Bewusstsein für die politische Verantwortung der Menschen der eigenen Gegenwart für die Zukunft besser zu erkennen.

3Schärfung des Blicks für historischen Wandel: Menschen brauchen Geschichtskenntnisse, um historischen Wandel wahrnehmen zu können. Ein ausschließliches Gegenwartsbewusstsein kann ihn nicht wahrnehmen. Nur ein geistiger Abstand von der Gegenwart – das heißt: ein methodisch bewusst eingenommener Standpunkt in einer früheren Zeit – kann den Wandel wahrnehmen.

4Vergangenheit ist nicht nur Vorgeschichte der Gegenwart: Menschen brauchen geschichtliche Kenntnisse nicht nur zur Orientierung in der Gegenwart. Geschichte darf nicht auf ihre Dienstfunktion für die Gegenwart reduziert werden, so sehr sie diese wahrzunehmen hat. Es geht auch darum, das Andersartige einer früheren Epoche zu erfassen. Frühere Epochen haben ihr Eigenrecht, das der Mensch der Gegenwart zu respektieren hat. Der Historiker Thomas Nipperdey (1927–1992) schreibt, unsere Gegenwart sei nicht das Resultat nur einer Vorgeschichte, sondern stehe vielmehr in einer Fülle von Vorgeschichten, einem „Netzwerk von Kontinuitäten“. Der große Historiker des 19. Jahrhunderts, Leopold von Ranke (1795–1886), sah „jede Epoche unmittelbar zu Gott“. Sie sei nicht mediatisiert durch unsere Perspektive von der Gegenwart her. Wozu Nipperdey bemerkt: „Wir können in diesem religiösen Ton nicht mehr reden. Aber wir können den Satz entmythologisieren. Die Geschichte ist mehr als Vorgeschichte für die Gegenwart, jede Vergangenheit war auch sie selbst, sie hatte eine offene Zukunft, die wir, die Historiker, ihr zurückgeben müssen.“ Aufgabe des Historikers bleibe es, „eine Vergangenheit aus ihren eigenen Möglichkeiten zu begreifen und nicht aus unseren Möglichkeiten oder unseren Perspektiven“.

5Zweckfreiheit der Beschäftigung mit der Geschichte als Voraussetzung für möglichst hohe Objektivität: Menschen brauchen zwar die Kenntnis der Geschichte für ihre Gegenwartsorientierung, aber dennoch darf Geschichte nicht primär um dieses Ziels willen betrieben werden. Nach Nipperdey ist der Verzicht auf bewusste Indienstnahme der Geschichte für die Gegenwart und damit auf ihre Verzwecklichung gerade die Voraussetzung dafür, dass sie möglichst objektiv erfasst werden und damit der Gegenwart dienstbar sein kann. Parteiliche Geschichte werde bald zur stumpfen Waffe. Die nach Objektivität strebende Geschichte dagegen „gibt unserem Willen und unserem Sein einen Halt in der Erfahrung der Vergangenheit, in der nicht erdichteten oder konstruierten, sondern in der wirklichen Erfahrung der Vergangenheit, und sie hält die Zukunft – gegen alle Ansprüche von Ideologen und Technokraten – offen. Das ist die Verantwortlichkeit der Historiker für die Gesellschaft.“

6Zur Frage nach möglichen „Lehren aus der Geschichte“: Menschen sind seit langem davon überzeugt, dass man „Lehren aus der Geschichte“ ziehen könne. Zumeist wird diese Rechtfertigung der Geschichte an erster Stelle genannt. Auch die vielen Hinweise, welche die Geschichte als Beleg dafür bereithält, dass die Menschen vermeintlich doch „aus der Geschichte nichts lernen“, haben den Glauben an die Möglichkeit des „Lernens aus der Geschichte“ im Sinn der Möglichkeit einer Vermeidung bereits einmal gemachter verhängnisvoller Fehler bis heute nicht erschüttern können. Aber da die Geschichte sich nicht wiederholt, so dass später handelnde Menschen kaum je vor einer völlig identischen Entscheidungssituation stehen werden, können mögliche „Lehren der Geschichte“ nicht darin bestehen, dass sie einfach anzuwendende Handlungsrezepte bereithielte. Nur im analogen Sinn können aus der Geschichte „Lehren“ gezogen werden. Darum gehört die Entwicklung der Fähigkeit zum analogen Denken – das heißt: der Fähigkeit, Vergleichbares im Unvergleichbaren, Ähnliches im Unähnlichen zu erkennen – zu den wichtigen Aufgaben des Geschichtsunterrichts.

Der Historiker Reinhard Wittram (1902–1973) unterscheidet mit dem Historiker Hermann Heimpel (1901–1988) zwischen geschichtlicher Lehre und historischer Bildung. Danach könne die Geschichte „Lehren nur aus dem Erfahrungsbereich der Lebenden“ erteilen, „aus dem Bereich einer vertrauten Welt, die bestenfalls bis in die Vätergeneration zurück verlängert werden kann“. Wittram formuliert sehr vorsichtig einige verallgemeinerungsfähige historische Lehren: So etwa die Beobachtung, dass sehr häufig in der Geschichte nicht das Recht, sondern die Macht die Oberhand behält; dass der Geist immer in Gefahr ist, der Macht dienstbar zu werden; dass die Freiheit auf Institutionen, die sie sichern, angewiesen ist; dass nichts sich so furchtbar rächt wie die Selbstüberschätzung. Hinzuzufügen wären etwa noch: dass gute Absichten allein noch keine guten Ergebnisse garantieren; dass man von den (guten oder schlechten) Ergebnissen her nicht immer und ohne weiteres auf die Absichten der Verursacher schließen kann und anderes mehr. Es ist nach Wittram unerlässlich, „dass wir zwischen der selbst durchlebten Erfahrung und dem Wissen um die Erfahrungen der Geschichte, die wir geschichtliche Bildung nennen, unterscheiden“. Gegenüber der selbst durchlebten Erfahrung vermittle geschichtliche Bildung eher allgemeines Orientierungswissen mit einer „viel hinter-gründigeren, viel unauffälligeren und auch unsicheren Funktion“. Sie bewahre vor unangemessenen Verallgemeinerungen und mache vorsichtig im Urteil, wissend und skeptisch. Der große Schweizer Kulturhistoriker Jakob Burckhard (1818–1897), Autor der „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“, formulierte: „Wir wollen durch Erfahrung nicht so sehr klug (für ein andermal) als weise (für immer) werden“.

7Ausbildung von Toleranz durch Relativierung des Gegenwartsbewusstseins: Menschen brauchen historische Kenntnisse und aus ihnen resultierende geschichtliche Bildung, um sich durch Relativierung des Gegenwartsbewusstseins und der gegenwärtigen Weltsicht in Toleranz einüben zu können. Die durch den Umgang mit der Geschichte – das heißt mit den Menschen früherer Zeiten – vermittelten Erkenntnisse, dass die Menschen anderer Zeiten die Welt anders sahen, andere Maßstäbe und andere Prioritäten in ihren Werten und Zielen hatten, kann dazu führen, den eigenen Standpunkt und die jeweils eigene Wertepriorität zu relativieren, weil ihre Zeitbedingtheit und damit auch ihre Wandelbarkeit und Vergänglichkeit deutlicher bewusst werden. Das kann ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung von Toleranz sein, verstanden als Fähigkeit, die Andersartigkeit des Anderen zu ertragen.

8Begegnung mit handelnden Menschen früherer Epochen und dem „Kosmos der Sittlichkeit“: Menschen brauchen historische Kenntnisse und aus ihnen resultierende geschichtliche Bildung zur Schärfung ihres sittlichen Bewusstseins. Sie begegnen in der Geschichte handelnden sittlichen Personen und werden mit deren moralischen Entscheidungen konfrontiert, an denen sie ihr eigenes moralisches Bewusstsein schärfen können. Johann Gustav Droysen (1808–1884), deutscher Historiker, hat die Geschichte als einen „Kosmos der sittlichen Welt“ bezeichnet, in dem alle nur denkbaren moralischen Haltungen und Handlungen anzutreffen sind: edle Gesinnungen und niederträchtige: Treue und Verrat, Aufrichtigkeit und Niederträchtigkeit, Tapferkeit und Feigheit, Selbstlosigkeit und Egoismus ... Reinhard Wittram schreibt: „Es ist etwas anderes, ob man biologische Vorgänge auf ihre physikalisch-chemische Grundlage zurückführt, oder ob man den Menschen als sittliches Wesen vor sich hat“. Weil der Betrachter des Vergangenen auf Schritt und Tritt sittlichen Entscheidungen begegne und überall darauf stoße, „wie die Menschen sich als Herrschende und Leidende, Genießende und Darbende, Genügsame und Begehrende verhalten haben, genügt die Kategorie der ,Richtigkeit‘ nicht. Der Wahrheitsanspruch schließt den Anspruch auf Gerechtigkeit ein. Der Historiker will nicht nur feststellen, ,wie es eigentlich gewesen ist‘ (Leopold von Ranke), sondern damit zugleich den Menschen ihre Ehre geben, ihre Verstricktheit in Schuld und Schicksal zeigen, das Böse und Dunkle beim Namen nennen, das Bessere nicht verschweigen.“ Alle Personen und alle Verhältnisse der Vergangenheit sollten aus ihren eigenen Gründen, mit ihren eigenen beschränkten Voraussetzungen verstanden werden. „Wahrheit hat die Darstellung des Menschen nur dann, wenn sie ihm gerecht zu werden sucht – in einer Gerechtigkeit, die das Wesen des Menschen nicht verfehlt.“

9Ausweitung und Bereicherung der anthropologischen Perspektive: Menschen brauchen historische Kenntnisse und aus ihnen resultierende geschichtliche Bildung, um der Gefahr einer allzu engen, gegenwartsfixierten Definition des Menschen zu entgehen. Zu den elementaren Bestandteilen einer geschichtlichen Bildung gehört die Erkenntnis, dass die Menschen nicht immer so waren, wie wir sie heute kennen. Das hat Konsequenzen, die bis in die Philosophie hineinreichen, deren Grundfrage nach Immanuel Kant lautet: „Was ist der Mensch?“ Die Antwort der Geschichte auf die anthropologische Grundfrage lautet: Weder allein bei den alten Ägyptern noch allein bei den Griechen oder Römern und auch nicht allein bei den Menschen der Gegenwart in den verschiedenen heute existierenden Kulturen ist die Antwort auf die anthropologische Grundfrage zu finden, sondern nur in der Summe, welche die Menschheitsgeschichte in den verschiedenen Kulturen als menschliche Selbstauslegungen (Selbstentwürfe) hervorgebracht hat und für uns in Zeugnissen bereithält. Jede Kultur stellt eine andere Selbstauslegung des Menschen dar. Je reicher daher das historische Wissen eines Menschen ist, desto umfassender wird seine Antwort auf die Frage nach dem Menschen werden: „Wer nicht von dreitausend Jahren/ sich weiß Rechenschaft zu geben,/ bleibt im Leben unerfahren,/ muss von Tag' zu Tage streben“, so Johann Wolfgang von Goethe. Geschichtliche Bildung schützt den Menschen vor einem Eintagsfliegenbewusstsein. – „Woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen, das erkennen wir nur im Spiegel der Geschichte“, so der Philosoph Karl Jaspers (1883–1969).

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