Vision eines Zwanzigjährigen im Mittelalter

Der „Rosenroman“, Bestseller zur Zeit der Minnesänger, in einer prächtigen Ausstellung in Paris. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: IN | Der „Rosenroman“, Ölgemälde von Dante Gabriel Rossetti, 1864.
Foto: IN | Der „Rosenroman“, Ölgemälde von Dante Gabriel Rossetti, 1864.

Auch wenn es bereits in der Antike die Gattung der Liebesdichtung gab, so ist doch das Mittelalter die Epoche schlechthin der Poesie, in der die Liebe zum Zentrum des literarischen Ausdrucks geworden ist.

Wenn wir an die Liebe im Mittelalter denken, fallen uns zunächst Minnesänger wie Walther von der Vogelweide ein, die in ihren poetischen Liedern die Schönheit und Tugend der von ihnen geliebten Dame besangen und hofften, dass sie ihrer Zuneigung Gehör schenken würde. Die Troubadoure im Süden Frankreichs, in Okzitanien, – im Norden nannte man sie Trouveres – hatten mit ihren chansons d’amour vom 11. bis zum 12. Jahrhundert großen Erfolg.

Kennzeichnend ist für sie die Spannung, mit der sie den Widerspruch einer schmerzlichen Freude formulieren, sie könnten von der von ihnen angebeteten Dame zurückgewiesen werden. In ihrer Dichtung beschwören sie den Frühling her-auf und erzeugen damit eine besondere Atmosphäre: die Luft ist erfüllt von betörenden Düften, Vögel singen, Bäche sprudeln. In dieser Umgebung fällt es leicht, sich zu verlieben.

Die Dichter des 13. Jahrhunderts – des Jahrhunderts der geistigen Reflexion – versuchen die Liebe komplexer zu betrachten, sie geben sich nicht damit zufrieden, die Liebe in ihren leidenschaftlichen Aspekten zu besingen, sondern sind bestrebt, sie in einen ganzheitlichen Kontext zu stellen. Man bemüht sich, sie in all ihren Formen, so etwa als Caritas, oder auch als Liebe der Eltern zu ihren Kindern, zu begreifen. In Italien entsteht die Göttliche Komödie Dantes und in Frankreich der Rosenroman, der Bestseller des Mittelalters, von dessen ungeheurem Erfolg die noch heute erhaltenen 300 Manuskripte Zeugnis ablegen.

Soeben schließt die Pariser Bibliotheque de l'Arsenal mit einer Ausstellung ihre Pforten, bei der sie die schönsten illuminierten Manuskripte des Rosenromans der Öffentlichkeit präsentierte. Die virtuelle Ausstellung ist weiterhin im Internet zu besichtigen.

Der Rosenroman beschreibt in allegorischer Form den Weg eines jungen Mannes zur Eroberung einer Frau, wie sie hier durch eine Rose symbolisiert wird, und er beginnt wie die höfischen Gesänge der Minnedichter. Der Erzähler spricht von einer Traumvision, die er als Zwanzigjähriger hatte. Damals war er zu jung, um sie zu verstehen. Nun aber, fünf Jahre später, ist er verliebt, und er erkennt, dass alles wahr sei, was ihm damals träumte: Er vollzieht die einzelnen Etappen der Liebe nach. In seiner Vision erwacht der Protagonist und gelangt bei einem Spaziergang im Monat Mai zu einem paradiesischen Garten, der von einer Mauer umschlossen ist, an denen die Porträts der „Laster“ dargestellt sind, die der Liebe entgegengesetzt sind: das Alter, die Armut, die Bosheit, die Gemeinheit, die Habsucht, der Geiz, die Traurigkeit, der Neid, die Heuchelei. Es handelt sich dabei demnach nicht nur um die klassischen moralischen Laster. Der Jüngling findet Einlass durch eine kleine Tür in den Garten der Vergnügen, wo ihn „Oiseuse“ (die Müßige) empfängt, denn um der Liebe zu begegnen, braucht man Zeit und Muße. Dort tummelt sich Amor mit den ihm wohlgesinnten Tugenden Höflichkeit, Fröhlichkeit, Schönheit, Reichtum, Freigebigkeit, Edelmut und Jugend. Der verliebte junge Mann – Amant heißt er – wandelt weiter im Garten, gelangt zu der Quelle, die in der antiken Sage Narziss zum Verhängnis wurde und dort erkennt er das Spiegelbild der Rose – das Symbol für die junge Frau – in die er sich sofort verliebt. Denn Amor hat ihm Liebespfeile durch das Auge direkt ins Herz geschossen. Von dem Moment an denkt er an nichts anderes, als die Rose zu erreichen und zu besitzen. Im Laufe der folgenden viertausend Verse folgt man Amant auf seinem Parcours zu seiner Geliebten, wobei ihm personifizierte Allegorien begegnen, die ihm bei seinem Vorhaben behilflich sind, andere sein Vorhaben zu verhindern sich anschicken.

Warum geschieht dies alles in einer allegorischen Form? Die Poesie vermittelt das, was sie sagen möchte, nicht unvermittelt, sondern sie tut dies gleichsam unter einem Schleier. In der Natur verbergen sich Geheimnisse, die die Poesie nur in einer bildlichen Sprache offenbart. Der Rosenroman ist ein Roman über die Natur, denn die Liebe ist eine Instanz der Natur, und daher ist der gesamte Aufbau des Werks unter dem Schleier der allegorischen Sprache nur konsequent.

Ist der erste Teil des Rosenromans in seiner allegorischen Komposition schon kompliziert genug, verspricht der weitere Verlauf der sich nun anschließenden 18 000 Verse dem Leser in intellektueller Hinsicht keine Entspannung. Ganz im Gegenteil.

Denn das Werk ist von zwei Autoren verfasst worden, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten und die ihm jeweils ihre sehr persönliche Prägung verliehen, was wohl einzigartig in der Literaturgeschichte sein dürfte. Vom Urheber des ersten Teils, von Guillaume de Lorris, wissen wir nichts. Außer, dass er seinen Part des Rosenromans ganz im höfischen Sinne etwa um 1230 verfasste. Ungefähr 40 Jahre später führte Jean de Meun das Werk weiter fort, allerdings in geradezu entgegengesetzter Diktion und Aussage. Dem Pariser Kleriker, der sein ganzes gelehrtes Leben im Quartier Latin verbrachte, war es ein Anliegen, dem Lateinunkundigen Texte der Philosophie in der Volkssprache näherzubringen. Daher übersetzte er unter anderem Texte wie die Consulatio Philosophiae (Trost der Philosophie) des Boethius und auch den Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise ins Französische. Jean de Meun setzt bei der Weiterführung des Rosenromans genau dort an, wo sein (vermutlich plötzlich dahingeschiedener) Vorgänger abrupt abbrach: dem Jüngling ist es gelungen, seine Auserwählte zu küssen. Er entwickelt die Geschichte weiter fort, ergänzt sie um umfangreiche Diskurse, in denen er praktisch alles diskutiert, was in seiner Zeit in Dichtung und Philosophie gerade en vogue war. Debatten enzyklopädischen Ausmaßes über naturkundliche und kosmologische Themen finden sich hier ebenso eingeschoben wie Reflexionen über den freien Willen und den Zölibat. So verwickelt die Dame „Raison“ (die Vernunft), eine ernste Frauengestalt, den Jüngling in ein langes Gespräch darüber, dass es gar nicht gut sei, verliebt zu sein, da man unweigerlich unglücklich werde. Er solle sich lieber an die Philosophie, an die Liebe zur Weisheit halten.

Jean de Meun lässt seinen Teil des Rosenromans mit der Eroberung der Rose in weltlich eindeutiger Weise enden, wie er auch überhaupt auf sehr deutliche und oftmals drastische Weise Bezug auf geschlechtliche Themen nimmt und beispielsweise die Vorzüge der freien Liebe im Gegensatz zur Ehe preist.

Der Rosenroman hat nicht nur auf die französische, sondern auf die gesamte europäische Literatur einen ungeheuren Einfluss ausgeübt. Er diente unter anderem als Enzyklopädie sowie als Repertoire für Zitate, aus dem man noch im Zeitalter der Renaissance schöpfte. Nicht zuletzt hat er an der Schwelle zum 15. Jahrhundert den ersten Streit in der französischen Literaturgeschichte ausgelöst. Bei dieser Querelle du Roman de la Rose prangerte Christine de Pizan (1364–1430) die zynischen und unmoralischen Sichtweisen des Autors Jean de Meun zur körperlichen Liebe an, seine obszöne Sprache sowie seine frauenfeindlichen Äußerungen. Die Debatte wurde öffentlich geführt und wuchs sich zu dem größten Literaturstreit des 15. Jahrhunderts aus.

Auch in den folgenden Jahrhunderten hat das Interesse am Rosenroman kaum nachgelassen – nicht zuletzt spielt auch „Der Name der Rose“ von Umberto Eco auf ihn an.

Die Ausstellung auf der Website der französischen Nationalbibliothek: expositions.bnf.fr/aimer/

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