Viele Auszeichnungen und Waffen, aber auch Gebet

„Der Erste Weltkrieg in 100 Objekten“: Ein Buch hält die deutschlandweit einzige Überblicksausstellung zum „Großen Krieg“ anschaulich fest Von Sylvia Brück
Foto: DHM | Schöne Metapher: „Germania“.
Foto: DHM | Schöne Metapher: „Germania“.

Das Deutschen Historische Museum Berlin hat dieses Jahr eine höchst ambitionierte Ausstellung veranstaltet: „Der erste Weltkrieg“. Es war die deutschlandweit einzige Überblicksausstellung, die die Geschichte des „Großen Krieges“ – aus europäischer und globaler Perspektive – nacherzählte. Jetzt ist die Ausstellung vorbei, doch diejenigen, die sie verpasst haben oder sie nicht persönlich besuchen konnten, haben nun die Möglichkeit, sie sozusagen im Nachgang als Lektüre zu erfahren.

Und zwar dank einer vorzüglichen Publikation, die auf über 200 Seiten zusammenfasst, was auf mehr als 1 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche im Untergeschoss des Museums zu sehen war: Der erste Weltkrieg in 100 Objekten. Auf Grundlage dieser Exponate aus Deutschland (sowie internationalen Leihgaben) kann sich der Betrachter nun auf eine Zeitreise hin zum Beginn des 20. Jahrhunderts begeben.

Dabei wird man in einer chronologisch und geografischen Ordnung an die Marne, Brüssel, Tannenberg, Galizien, Deutsch-Ostafrika, Ypern, Galipoli, Gorlice und Tarnow, nach Verdun, an die Somme, den Isonzo, nach Petrograd, Berlin und Amiens geführt. Es grüßt einen der rote maßgefertigte Galarock zur britischen Feldmarschalluniform von Wilhelm II. mit dem deutlich verkürzten linken Ärmel (des Kaisers linker Arm blieb aufgrund einer Geburtskomplikation verkürzt). Die Ernennung zum Feldmarschall verlieh König Edward VII. seinem Neffen Wilhelm im Januar 1901.

Das Gemälde „Deutschland August 1914“ von Friedrich August von Kaulbach zeigt sein übergroßes Gemälde der Germania. Sie verteidigt entschlossen deutsche Werte wie Idealismus, Gemeinsinn und Staatstreue. Im Bildhintergrund züngeln rote Flammen in der Nacht. Ihr Blick aus dunklen Augen unter gefurchten Brauen fixiert zu allem bereit jegliche Gegner, bewaffnet mit Harnisch und breitbeinig in Eisenschuhen stehend, das blanke Schwert in der rechten und in der linken Hand das Schild mit dem Wappen des Reichsadlers erhoben; auf ihrem Haupt thront eine Krone, die ihre kupferne Mähne, die sie wie ein Umhang umhüllt, kaum zu bändigen weiß. „Germania“ ist eine Metapher und spiegelt zugleich auch die Haltung einer überwältigenden Mehrheit der deutschen Intellektuellen, die den Krieg als notwendig und auch als gerechtfertigt sahen. Die Soldaten trugen ab 1915 Stahlhelme. Diese ersetzten zunächst die französischen Képis und wurden in Deutschland ab 1916 als „Stahlschutzhelm Modell 1916“ vor allem als Schutz vor explodierenden Granaten zuerst bei Verdun eingesetzt.

Die Feldpostbriefe dienten der Kommunikation

Auch ein von Ernst Jünger erbeuteter Stahlhelm eines britischen Offiziers zählt zu den Objekten. Ein schweres Maschinengewehr mit Lafette erklärt die Redewendung 08/15 und ist eine Weiterentwicklung des leichten MG 08/15 mit 22 Kilogramm, welches deutsche Ingenieure nach dem Vorbild der britischen Armee bauten. Krieg und Kunst. Bedeutende Vertreter der Avantgarde wie August Macke und Franz Marc fielen an der Westfront. Max Pechstein überlebte. Überliefert ist die Kaltnadelradierung mit dem Titel „Soldaten beim Schanzen“.

An den gelebten Alltag an der Front und in der Heimat erinnern – bei der Ausstellung in einer Holzkiste aufbewahrt – die Briefe von Hermann und Eva Kränzlein. Deren bemerkenswerter Inhalt, nämlich über 2 250 Feldpostbriefe, dokumentiert die beinahe tägliche Korrespondenz der Eheleute in Jahren 1914 bis 1918. Die Nachrichten erzählen von erbetenen, zugestellten und besprochenen Klaviernoten bekannter Opern, Gegenwartsliteratur in deutscher und französischer Sprache. Hermann Kränzlein berichtet wenig von den Grausamkeiten des Krieges, ist jedoch fasziniert von der enormen Wirkung des Giftgases: „Aber man muss sich immer wieder sagen, je grausamer der Krieg ist, desto schneller ist er zu Ende“, konstatiert er im Februar 1917. Seine Hoffnung zwei Jahre zuvor: „Möge uns eine gütiges Schicksal (…) unser lange und heiß ersehntes Glück bringen“ (…) Einmal muss dieser Krieg ja ein Ende nehmen. Und wenn es wieder einen dreißigjährigen Krieg gibt, bin ich auf ewig dein Hermann.“ Es gab kein gütiges Ende. Im November 1918 verstarb Eva Kränzlein an der Grippe.

An der deutschen „Heimatfront“, der ein eigenes Kapitel gewidmet ist, wurden deutsche Frauen und Mädchen für kriegswichtige Sammelaktionen rekrutiert, die Rohstoffengpässe kompensieren und gleichzeitig die enge Verbindung von Front und Heimat, nicht zuletzt für Propagandazwecke, untermauern sollten. Unter der Losung „Gold gab ich für Eisen“ erhielten die Geber einen eisernen Ring oder eine Brosche mit Signatur. Dringend benötigte Treibriemen oder Dichtungen wurden aus menschlichem Haar gefertigt, da aufgrund der britischen Seeblockade das üblicherweise verwendete Kamelhaar nicht mehr verfügbar war. In Kindern und Heranwachsenden fand sich eine begeisterte Schar an willfährigen Sammlern, die kriegswichtige Materialien wie Altpapier, Korken, Gummi, Metall zusammentrugen. Dafür sorgten bereits die Lehrer bei den Erstklässlern.

Mit der Aufklärungsreihe „Es werde Licht!“ unter der Regie von Richard Oswald – das dazu passende Plakat gehört auch zu den 100 Objekten –, versuchte man, den um sich umgreifenden Geschlechtskrankheiten Herr zu werden. Der als Kulturfilm deklarierte Streifen wurde 1918 unter dem Titel „Sündige Mütter“ Ende 1918 wiederholt in den Kinos gezeigt. Die Rationierung der Lebensmittel führte zu Ersatzmitteln: Brot bestand aus Kartoffelmehl, gemahlenen Eicheln oder Kastanien, Butter wurde aus Stärkemehl oder gefärbtem Quark gemacht, Wurst aus Pflanzenfett, tierischem Abfall und Wasser. Bekleidung für die Zivilbevölkerung wurde aus Ginster und Brennnesseln hergestellt. Neben den Ersatzstoffen an der Heimatfront experimentierten deutsche Chemiker wie der spätere Nobelpreisträger Fritz Haber und Ehemann von Frau Doktor Immerwahr unermüdlich an der Entwicklung von Chemiewaffen. Haber versuchte und realisierte final den Einsatz von unsichtbarem Giftgas.

Den Gaskrieg starteten deutsche Truppen am 22. April 1915 in Ypern bei Belgien. Die verheerenden Folgen: Augen- und Lungenverätzungen. Die Folgen waren nicht kriegsentscheidend; die alliierten Streitmächte zogen nach.

Wie der Krieg immer weiter eskalierte wird besonders im Kapitel „Ausweitung des Kampfes – der Krieg zur See und in der Luft“ deutlich, das nicht nur Kriegsabzeichen und „Fliegerpfeile“ dokumentiert und festhält, sondern auch die Schiffsglocke des Linienschiffs „S.M.S. Kronprinz“ zeigt.

Auch das Kapitel „Zwischen Front, Etappe und Gefangenenlager“ gibt auf berührende Weise Zeugnis vom Soldatenalltag. Sei es mit chirurgischem Lazarettbesteck oder dem Modell eines Kriegsgefangenenlagers, sei es mit einer Beinprothese und einem „Feldgebetbuch für die jüdischen Mannschaften des Heeres“. Überhaupt: Der Sinn für das Gebet und die Transzendenz scheint, zumindest manchen Soldaten, nie vergangen zu sein, gab innere Ordnung in all dem äußeren Chaos.

So trifft für das Buch zur Ausstellung das zu, was auch für die Ausstellung gesagt werden kann. Es hilft, den nachfolgenden Generationen anschaulich und reflektiert einen Weg zum Verständnis der Vergangenheit aufzuzeigen. „Der Erste Weltkrieg in 100 Objekten“ mahnt und erinnert daran, wie konkret das Grauen war und immer ist, wenn Krieg als Problemlösung gewählt wird.

„Der Erste Weltkrieg in 100 Objekten“, 130 Abbildungen, Hardcover Theiss-Verlag, 2014, 240 Seiten, ISBN 978-3-8062-2967-7, EUR 24, 95

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