Experimentierfeld Kirche

Versuch und Irrtum beschädigen die Wahrheit

Man probiert so viel aus in der Kirche – warum dann nicht auch die Tradition?
Chemical Research, A range of chemical formulas being developed in the laboratory for research into new products propert
Foto: Imago Images/Andrew Brookes | In der Kirche wird zurzeit viel herumlaboriert. Nicht immer ist dabei klar, was tatsächlich erreicht werden soll und ob bewährte und erkennbar gute Erfolge gewünscht sind.

Experimente dienen dazu, Hypothesen zu überprüfen und der Wahrheit der Natur auf die Spur zu kommen. Im übertragenen Sinne bedeutet das: Wer in der Kirche experimentiert, der weiß sich nicht sicher im Besitz der Wahrheit. Der Naturwissenschaftler hat in der Regel Kriterien, nach denen er seine Experimente ausrichtet. Er weiß etwas mit den Ergebnissen seiner Experimente anzufangen. Anders in der Kirche: Hier wird experimentiert, ohne wirklich zu wissen, was das Ergebnis des Experiments bedeutet. Man bastelt an der Liturgie, man erfindet neue Formen der Spiritualität, man denkt über das Aufbrechen sakramentaler Strukturen nach, man erweitert den Themenkreis religiösen Handelns (Umwelt, Gender, Nachhaltigkeit…) – aber was will man damit erreichen?

Experimente sind nur dann sinnvoll, wenn ihre Resultate eine vorgefasste These verifizieren oder falsifizieren können. Im katholischen Labor gibt es diese Thesen aber nicht: Will man durch diese Experimente die Anzahl der Berufungen steigern? Will man den Glauben der Menschen stärken? Will man Gott besser dienen? Oder will man gar – oh Schreck! – sogar Seelen retten? An keiner Stelle des innerkirchlichen Diskurses ist mir bislang eine klare Aussage über das untergekommen, was die Experimente bezwecken sollen, was ihr konkretes Ziel ist. Man experimentiert sozusagen ins Leere hinein, meist mit dem vagen Verweis auf einen scheinbar mehr oder minder aufdringlichen Zeitgeist der modernen Welt, den es zu bedienen und dem es zu gehorchen gilt.

„Wer die Wahrheit kennt und an sie glaubt,
der muss nicht experimentieren.“

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Aber nun gut, nehmen wir die Lage so, wie sie sich darstellt. Betrachten wir für einen Moment die katholische Kirche einmal als das, was sie per definitionem nicht sein sollte, was sie aber de facto zur Zeit zu sein scheint: als ein weites Experimentierfeld. Sie sollte es nicht sein, weil sie der Hort der Wahrheit ist, und wer die Wahrheit kennt und an sie glaubt, der muss nicht experimentieren. Pilatus wäre vielleicht einer gewesen, der ein Experiment angestellt oder in Auftrag gegeben hätte, um herauszufinden, ob an diesem Jesus nicht doch vielleicht etwas dran sein könnte. Eine Kirche, die seit 2 000 Jahren auf soliden dogmatischen Füßen steht, hat Experimente wahrhaft nicht nötig. Und Pilatus ist kein gutes Vorbild.

Doch nehmen wir einmal, obwohl es uns schwerfällt, an, der Modus des Versuchens sei theologisch angemessen und begründbar. Dann stellt sich das katholische Lager noch widersprüchlicher dar. Zieht man den Vergleich mit den Naturwissenschaften heran, dann scheint es so, als habe hier jemand eine Versuchsanordnung konstruiert, der nicht nur die Arbeitshypothese und damit das Ziel fehlt, sondern die dazu auch noch völlig einseitig ausgerichtet ist.

Ehrlich betrachtet, ist das Ergebnis des Experiments bekannt

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Helfen wir der Gruppe der Suchenden etwas auf die Sprünge, um das Gemeinte deutlich zu machen. Gehen wir einmal davon aus, dass es den geistlichen Leitern darum ginge, mehr Berufungen zu erzeugen, um dem allenthalben bedauerten Priestermangel entgegenzuwirken. Die Seminare stehen leer, daran kann kein Zweifel sein. Und die jeden Sonntag in Massen in die lokalen Kirchen strömenden Katholiken leiden Höllenqualen, weil sie keinen eigenen Priester für Wochentagsmessen haben und weil die heiß begehrten Beichttermine über Wochen ausgebucht sind.

Man entscheidet nun im katholischen Hauptquartier, verschiedene Lockerungen der geistlichen Praxis zuzulassen, um zu sehen, ob diese einen positiven Einfluss auf das Berufungsverhalten haben: keine Frömmigkeitsübungen mehr, um Gottes Willen keinen Rosenkranz und auch kein Brevier, eventuell zieht man sogar die Aufhebung der Ehelosigkeit für Priester in Erwägung. Und dann misst man in gebührendem zeitlichen Abstand, ob der Zulauf in den Seminaren zunimmt. So sieht das konkrete Experiment aus, sein Ergebnis ist hinlänglich bekannt: In den 27 deutschen Bistümern gab es 2020 genau 57 Priesterweihen, was den zweitniedrigsten Wert in der Geschichte der katholischen Kirche Deutschlands darstellt. 1962 waren es noch 557. Wäre dieses Experiment jedoch ausgewogen angelegt, so würde man auch die Priesterweihen traditioneller Gruppierungen in Betracht ziehen und die Tradition als ein innerkirchliches Experiment betrachten.

Nach Zahlen hat „die Tradition“ gewonnen

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Denn man probiert so viel aus – warum dann nicht auch das in Jahrhunderten Gewachsene? Hält man die Berufungszahlen gegeneinander, so ergibt sich ein Bild, das an der Fruchtbarkeit des traditionalistischen Milieus – wenn man dieses durchaus heterogene Gebilde über einen Kamm schert – mehr als deutlich anzeigt. Im Opus Dei, das hartgesottene Traditionalisten eher als neoliberal-konservativ einordnen würden, das aber in vielen seiner Eigenschaften der traditionellen Frömmigkeit folgt, wurden am 22. Mai dieses Jahres 27 junge Männer zu Priester geweiht. Betrachtet man das Opus Dei als eine Diözese, dann ist der Vergleich noch sprechender: Die fünf Bistümer Nordrhein-Westfalens kommen zusammen gerade einmal auf 13 Priester. Noch deutlicher wird die Berufungsstärke, wenn man den Blick auf die Pius- und die Petrusbruderschaft lenkt. Im Priesterseminar der FSSPX in Zaitzkofen studieren 36 Seminaristen, in Wigratzbad (FSSP) sind es mehr als 45. Auch traditionalistische Klöster wie Le Barroux in Frankreich können mit beeindruckenden Zahlen aufwarten: Dort leben und beten insgesamt 26 Priester.

Natürlich sind diese Zahlen nicht mit denen des 19. Jahrhunderts zu vergleichen, doch zeigen sie, welche Kraft die traditionelle Lehre und die überlieferte Frömmigkeit der katholischen Kirche auf junge Männer hat. Und auch der katholische Laie kann diese Anziehungskraft spüren, wenn er sich einmal über die Schwelle einer Kirche traut, in der die sogenannte „Alte Messe“ – die in Wirklichkeit nicht alt, sondern ewig ist – zelebriert wird: Er wird staunen, dass hier die Reihen selbst in Corona-Zeiten relativ dicht gefüllt waren, und zwar nicht nur von alten Mütterchen und schrägen Typen, sondern von jungen Leuten und Familien. Bei Messen in der außerordentlichen Form des römischen Ritus sind jüngere Menschen und Familien laut einer neuen Studie überrepräsentiert. Außerdem ist das Geschlechterverhältnis ausgewogener als bei Messen in der ordentlichen Form. Das ergab eine Studie der „Foederatio Internationalis Una Voce“ (FIUV), die Ende 2020 der vatikanischen Glaubenskongregation übergeben wurde. Und das, obgleich nur etwa ein Prozent der katholischen Priester weltweit die „alte Messe“ feiert.

Was ist das eigentliche Ziel des Experimentierens?

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Was lernen wir daraus? Erstens: Würde das katholische Experimentieren, das der Kirche die Aura einer suchenden Organisation einbringt, eine klare, den Glauben stützende Zielorientierung aufweisen – und das Ziel, die Anzahl der Priesterberufungen zu steigern, entspricht dieser Vorgabe natürlich –, dann müsste das traditionalistische Experiment nicht nur zugelassen, sondern massiv gefördert werden. Zweitens: Da es aber genau das nicht wird und da vielerorts traditionelle Priester immer noch mit ihren Schäflein nächtens um die Häuser ziehen müssen, um eine Kirche zu finden, in der sie „ihre“ Messe feiern dürfen, ist daraus zu schließen, dass das katholische Herumexperimentieren offensichtlich nicht den Zweck hat, neue Wege zu finden, den Glauben wieder auf eine stabile Basis zu stellen. Vielmehr scheint dieses Experimentieren sich vom Wind der Zeit mal in diese, mal in jene Richtung treiben zu lassen. Dieser Eindruck entsteht nicht nur in Bezug auf die Quantität der Priesterweihen, die ja nur ein – wenn auch sehr wichtiger – Pfeiler katholischen Glaubenslebens darstellt, sondern auch im Hinblick auf viele andere Elemente des Katholischseins.

Am Ende bleibt nach diesem Gedankenexperiment – denn die Tradition der Kirche ist eine übernatürliche Wahrheit und kann und darf natürlich dem Experiment nicht ausgesetzt werden – die traurige Einsicht, dass die Suchbewegungen des katholischen Milieus in Deutschland weniger einem beharrlichen Schürfen nach Wahrheit dienen, sondern vielmehr einem amöbalen Vor-sich-hin-Kriechen ähneln, das stets auf der Suche ist nach der nächsten Nährlösung. So überlebt man auf dem Existenzminimum, mit dem sich ein Katholik aber keinesfalls zufrieden geben kann.

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