Vernünftige Gedanken über Gott

„Gott denken“: Eine religionsphilosophische Tagung an der Hochschule Heiligenkreuz will das metaphysische Sprechen neu beleben. Von Pater Johannes Paul Chavanne
Richard Schaeffler spricht über das Ethos religiöser Erkenntnis
Foto: Stift Heiligenkreuz | Der Münchener Religionsphilosoph Richard Schaeffler spricht über das Ethos religiöser Erkenntnis, am Tisch dahinter links der Erzbischof von Salzburg, Franz Lackner, daneben Abt Maximilian Heim, Heiligenkreuz.

Die Frage, ob – und wie – Gott im menschlichen Denken erfasst und erfahren werden kann, hat das europäische Philosophieren von ihrem Beginn an beschäftigt. Das philosophische Fragen nach Gott wieder neu zu beleben, ja es unter den Vorzeichen des zeitgenössischen Denkens wieder in den Mittelpunkt zu stellen, ist eines der Anliegen des Münchner Religionsphilosophen Richard Schaeffler. Sein 90. Geburtstag war Anlass zu einer Internationalen Fachtagung unter dem Titel „Gott denken. Zur Philosophie von Religion“ an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz, die vom 3. bis 4. März stattfand und vom dort ansässigen Europäischen Institut für Philosophie und Religion unter der Leitung von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Christoph Böhr ausgerichtet wurde.

Der Heiligenkreuzer Abt Maximilian Heim und der Rektor der Hochschule Heiligenkreuz Pater Karl Wallner konnten neben dem geehrten Jubilar Richard Schaeffler eine große Anzahl an renommierten Referenten und viele Interessierte – darunter den Salzburger Erzbischof Franz Lackner, vormals Professor für Philosophiegeschichte an der Hochschule Heiligenkreuz – begrüßen.

Der erste Tag stand unter dem Titel „Geschichtliche Bezüge“ und hatte einen mehr historischen Schwerpunkt in den Fragestellungen der Referenten. So sprach die Mariendonker Äbtissin Christiana Reemts über menschliche Gotteserkenntnis bei Origenes, Pater Richard Schenk OP referierte über „kantische Motive“ in der theologischen Erkenntnislehre des Thomas von Aquin sowie in seiner frühen Rezeption. Eines davon sei der Nachweis der „philosophischen Unlösbarkeit“ der Theodizee-Frage, die einzige Möglichkeit sei der Glaube als „praktische Bewältigung“ der Frage. So sieht es Thomas im Hiob-Kommentar und so würde es auch Kant gesehen haben. Auch der Luxemburger Robert Theiss sah auf die Frage nach einer „philosophischen Theologie“ bei Kant in dessen theoretischer Philosophie „Raum für das Reden und Denken von Gott“.

Der Wiener Fundamentaltheologe Kurt Appel gab seinem Referat den Titel „Die Offenheit des Seins“ und entwickelte seine anspruchsvollen Gedanken vor allem vom Religionskapitel der „Phänomenologie des Geistes“ Hegels aus. Der absolute Geist sei nach Hegel nicht selbstreflexiv einholbar. Vielmehr ist er eine Alterität, die in Jesus ihre sinnliche und so auch erkennbare Dimension gefunden habe. Ebenfalls auf Hegel bezog sich der Freiburger Markus Enders, der von dem Versuch einer „Rehabilitierung des ontologischen Gottesbeweises“ durch ihn sprach.

Tag zwei stellte am Vormittag als Hauptfrage: „Gott erkennen und erfahren?“ und begann mit einem der Höhepunkte der Tagung, dem Vortrag des 90-jährigen Richard Schaeffler über das Ethos der religiösen Erkenntnis. Titel seines Vortrages, den man vielleicht als ein Resümee seines lebenslangen Denkens verstehen kann: „Begriffe des Unbegreiflichen. Zum menschlichen Sprechen von Gott“. Von Gott könne man nur sprechen, wenn man wisse, dass man dabei an die Grenzen des Denkens gerät. Und man müsse sich bewusst bleiben, dass Gott nicht Gott wäre, würde er sich vom menschlichen Geist vorschreiben lassen, wie er sich zeigen könne oder auch nicht zeigen könne. Sympathisch war der Vortrag auch deshalb, weil Richard Schaeffler seine theoretischen Ausführungen öfters mit – im bayrischen Dialekt vorgetragenen – Anekdoten aus dem praktischen Leben illustrierte. Als biblische Regel der Erkenntnistheorie nannte er Röm 12,2: „... wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt ...“ Gefordert ist ein passives Sich-Umgestalten-Lassen hin zu neuem Denken und Erkennen. Der zu erkennende Gegenstand mit seinem ihm innewohnenden Anspruch nötigt zu einem dauernden Wechsel der Perspektive, um ihn mehr und vollständiger erkennen zu können. Diesen Vorgang könne man auch „Umkehr“ nennen.

Der Münchner Professor für Philosophie, Friedo Ricken, sprach über Kants Verständnis des Verhältnisses des teleologischen zum moralischen Gottesbeweis, der Heiligenkreuzer Pater Dominicus Trojahn über die spekulative Antinomie des Monotheismus und der Mainzer Philosoph Stephan Grätzel über die Erfahrung als Dialog.

Der Nachmittag stand schließlich unter der Überschrift „Gott: Effabile et ineffabile – sagbar und doch unsagbar“ – moderiert von Pater Kosmas Thielmann. Der Judaist und Bibelwissenschaftler Bernhard Dolna legte anhand alttestamentlicher Texte Gedanken über die Gotteserkenntnis bei den biblischen Propheten Israels und die jüdische Rezeption dazu dar. Pater Marian Gruber, Philosoph an der Hochschule Heiligenkreuz, sprach über Gott als Sprachereignis, und Rainer Schubert legte unter dem Titel „Nicht Gott, sondern den Menschen kritisieren“ Gedanken über die philosophische Bedeutung negativer Theologie vor. Mehr geistliche Impulse boten der Religionsphilosoph und Anthropologe Jörg Splett und der Kapuziner Stefan Walser, der ausgehend von Ps 84,3 „Mein Herz und mein Leib jauchzen ihm zu“ über die geistig-leibliche Dimension des Gebetsaktes sprach.

Den abschließenden Abendvortrag hielt der Berliner Holm Tetens und bescherte dem Auditorium einen weiteren Höhepunkt der Tagung. Tetens bezeichnete sich am Beginn seiner Ausführungen als jemand, der sich über weite Teile seines Lebens als Atheist verstand, sich aber in den vergangenen Jahren, zunächst als Philosoph, immer mehr aber auch als Mensch, der Gottesfrage stellte. Als Frucht seines Denkens darüber legte er 2015 ein Buch mit dem Titel „Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie“ vor. Ausgangspunkt seiner Überlegungen zu einer rationalen Theologie sind die existenziellen Sinnfragen, die sich Menschen als selbstreflexive Subjekte stellen, die unabweisbar sind, gleichzeitig aber unbeantwortbar bleiben.

„Antwort auf Fragen, die wir nicht los werden“

Es ist die Natur der Vernunft, die diese Fragen stellt und diese Fragen können niemandem gleichgültig bleiben. Die möglichen Antworten auf diese Fragen sind lebensentscheidend. Als Beispiel für eine solche Frage nannte Tetens die, ob es für die ungerecht und ungetröstet gestorbenen Opfer der Geschichte Hoffnung auf Trost und Gerechtigkeit geben kann. Der reine Naturalismus gibt auf diese oder ähnliche Fragen keine oder wenn, dann nur negative Antworten. Der Mensch wäre dann ein „tragisches Konstrukt“, das Fragen stellt, die es stellen muss, aber nur negative Antworten darauf erwarten könne. Dabei ist der Naturalismus keine bewiesene Sache. Empirismus heißt, dass es Erfahrungswissen gibt, nicht aber, dass es nur Erfahrungswissen und daneben keine anderen Formen von Erkenntnis gibt. Wenn man postuliert, dass es positive Antworten auf die existenziellen Sinnfragen des Menschen gibt, dann muss man davon ausgehen, dass es „Macht“, ein Wesen gibt, das Eigenschaften besitzt, die die abendländische Metaphysik und Theologie nur Gott zugesprochen haben. Insofern gibt es auch in einem „Zeitalter der kulturellen Hegemonie des Naturalismus“ ein vernünftiges Hoffen, ein Hoffen auf Gott als „Antwort auf Fragen, die wir nicht loswerden“. Eingebettet war das Sprechen über Gott während der Tagung in das Sprechen mit Gott, indem alle Teilnehmer zu den Chorgebetszeiten und Gottesdiensten der Heiligenkreuzer Mönche eingeladen waren und auch zahlreich daran teilnahmen. Allgemeiner Tenor nach der Tagung: das Gespräch muss weitergehen. Ein weiteres Treffen der Referenten zu einem internen Austausch ist in Vorbereitung ... man darf gespannt sein.

Ein Tagungsband mit den Beiträgen der Referenten ist geplant. Das ist insofern lohnend, da die anspruchsvollen Vorträge lesend zum Teil besser aufgenommen werden können, als es beim Zuhören möglich war.

Auch werden die Vorträge als Audiodateien auf dem Soundcloud Portal von Stift Heiligenkreuz (soundcloud.com/stiftheiligenkreuz) zum Nachhören bereitgestellt. Die Frage nach Gott – sie wird immer und immer wieder neu gestellt.

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