Vermittler zwischen den Fronten

Heinz Scheible zeichnet ein quellengesättigtes Bild des Theologen, Philosophen und Humanisten Philipp Melanchthon. Von Felix Dirsch
Melanchthon-Haus öffnet nach Sanierung
Foto: dpa | Gipsbüste von Philipp Melanchthon im Wittenberger Melanchthon-Haus.

Das große Reformationsgedenken im nächsten Jahr wirft auch auf dem Buchmarkt seine Schatten voraus. So erscheinen etliche Standardwerke, die schon vor einiger Zeit publiziert wurden, nach ihrer Überarbeitung in Form von Neuauflagen. Das gilt auch für die Biographie eines der maßgeblichen Reformatoren: Philipp Melanchthon war stets für die katholische Seite einer der wichtigsten unter den Neuerern, weil er Brücken zum herkömmlichen Glauben aufrechterhielt – jedenfalls so gut es ging. Dass er dennoch der Sache der Einigkeit der Gesamtkirche ein ums andere Mal einen Bärendienst erwiesen hat, war wohl sein Schicksal, dem er als Zeitgenosse starker Umbrüche auf religiösem wie politischem Gebiet kaum entrinnen konnte. In das von seinem humanistischen Naturell her verabscheute Parteiengezänk war er nichtsdestotrotz öfters involviert. Dennoch kommt man auch von katholischer Seite um ein gerechtes Urteil nicht herum: Papst Benedikt XVI. hat schon als Theologieprofessor eindringlich herausgestellt, welche Bedeutung der Confessio Augustana, der Bekenntnisschrift der protestantischen Reichsstände, als deren Hauptverfasser Melanchthon gilt, für zukünftige ökumenische Gemeinschaften zukommen könnte.

Heinz Scheible, langjähriger Leiter der Melanchthon-Forschungsstelle der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und Herausgeber der kritisch kommentierten Gesamtausgabe der Korrespondenz des Luther-Gefolgsmannes, veröffentlichte die erste Auflage seiner Untersuchung bereits vor knapp zwei Jahrzehnten zum 500. Geburtstag des berühmten wie vielseitigen Gelehrten. Die Studie ist schnell zum Standardwerk avanciert. Den positiven Bewertungen der ersten Auflage ist kaum etwas hinzuzufügen.

Philipp Schwartzerdt, wie er eigentlich vor der Gräzisierung seines Namens hieß, begegnete als 21-Jähriger dem damals 35-jährigen Luther, dessen Namen in kurzer Zeit wie ein Lauffeuer umherging. Schnell reihte sich der feinsinnige humanistische Gelehrte inmitten der Wandlungsprozesse in die Schar der Verehrer des polternden Ex-Mönches ein, ungeachtet der von Anfang an sichtbaren charakterlichen Unterschiede zwischen den beiden Freunden. Vor diesem Hintergrund ist es wenig erstaunlich, dass es mit der Harmonie öfters nicht weit her war. Bekannt ist Luthers Urteil über das Augsburger Bekenntnis, dem er „Leisetreterei“ unterstellte. Melanchthon hielt stets an den Kernanliegen der Reformation fest, etwa der Kritik des Messopfers, an der Gewährung des Laienkelches wie an der Aufhebung des Zölibats. Stärker als sein Kampfgefährte indessen wollte er die Einheit der Christenheit bewahren, die ohnehin seit 1054 in einen östlichen und einen westlichen Teil gespalten war. Nichtsdestoweniger war sein Widerstand gegen innerreformatorische Abweichler von der lutherischen Linie wie den Täufern hart, obwohl diese bei der Anwendung des Schriftprinzips noch konsequenter als die Lutheraner waren. Diese Abwehrhaltung überrascht nicht, betrachtet man Melanchthons Überzeugung näher: Sein Empfinden in religiöser Hinsicht war durchaus konservativ.

Scheible wendet sich akribisch Leben und Werk Melanchthons zu. Nach Kindheit, humanistisch geprägter Schulbildung und den Stationen seines universitären Werdeganges wirkte er schwerpunktmäßig als Griechischprofessor und Bildungsreformer. Seine diesbezüglichen Verdienste kommen in dem Ehrentitel „Praeceptor Germaniae“ zur Geltung. Früh pflegte er Kontakte zu dem bekannten Hebraisten Johannes Reuchlin, der sich gegen antijudaistische Tendenzen in der Bibelwissenschaft wandte. 1524 oblag Melanchthon die Neuausrichtung des Schulwesens in Nürnberg. Veränderungen waren durch die neue religiöse Lage, die sich mehr und mehr zu festigen begann, auch auf diesem Sektor unumgänglich. Hier sah er auch die Schattenseiten der voranschreitenden Umwälzungen. Dem vorbildlichen, von Caritas Pirckheimer geleiteten Franziskanerinnen-Konvent entzog der Rat immer mehr die Existenzbedingungen. Der Schaden, den solche beabsichtigten Destruktionen mit sich brachten, ist kaum zu ermessen.

Sorgfältig legt der Verfasser das wissenschaftlich-publizistische Wirken Melanchthons dar. Neben den biblisch-theologischen Erörterungen, die in den „Loci communes“ ihren Mittelpunkt finden, wird besonders das philosophische Gedankengut ins Zentrum gerückt, das Sprache und Denken, Ethik und Politik sowie Mensch, Natur und Sterne herausstellt. Dass er sich in den theologischen Auseinandersetzungen seiner Zeit nicht immer wohl fühlte, wird schon dadurch belegt, dass er den Tod auch als Befreiung von der „Wut der Theologen“ sah – kein schmeichelhaftes Zeugnis für diesen Berufsstand. Doch Melanchthon war nicht nur Theoretiker. Er fungierte als Vermittler zwischen diversen Fronten. Mit den Vertretern der Altgläubigen führte er zahllose Gespräche. Weiter kämpfte er um die Einheit unter den Protestierenden, die mehr als einmal zu bröckeln schien. An der Polemik gegen die Wiedertäufer beteiligte er sich. Als Unterhändler und Berater von Politikern förderte er, gewollt oder nicht, die Ausbreitung der neuen Konfession.

Ungeachtet aller Verdienste um die Melanchthon-Forschung ist unübersehbar, dass Scheible, trotz überwiegend kritischer Einstellung gegenüber seinem Helden, einigen biographischen Einseitigkeiten nicht entgeht. Er beleuchtet verschiedene dunkle Punkte im Lebenslauf zu wenig. Über die Reaktion Melanchthons bezüglich der Verbrennung des spanischen Arztes und Theologen Michael Servet finden sich keine genaueren Hinweise. Tatsächlich gratulierte Melanchthon Calvin sogar zur Ermordung dieses „Ketzers“. Ebenso forderte Melanchthon die Todesstrafe für Wiedertäufer, was selbst der Polterer Luther nur bedingt befürwortete.

Als besonders vorbildlich und hilfreich für Leser ist der ausführliche Anhang zu nennen. Er umfasst eine detaillierte Zeittafel, die über den Lebenslauf Melanchthons Aufschluss gibt, ferner Abkürzungen, Sekundärliteratur, die Nachweise der benutzten Literatur als auch ein weiterführendes Personenverzeichnis. Das neu aufgelegte Werk zählt zum intellektuellen Rüstzeug, das hilft, die vielen Debatten zum Reformationsjubiläum, die nächstes Jahr einen Höhepunkt erreichen dürften, zu überstehen.

Heinz Scheible: Melanchthon. Vermittler der Reformation. Eine Biographie. Verlag C.H. Beck, München 2016, 445 Seiten, EUR 28,-

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