Verkehrte Welt der Journalisten

Wie der Medienwandel die öffentliche Meinungsbildung beeinflusst – Eine Diskussion im Lindenthal-Institut in Köln. Von Alexander Riebel
Foto: Friedrich Ledermann | Professor Hans Mathias Kepplinger im Lindenthal-Institut in Köln.
Foto: Friedrich Ledermann | Professor Hans Mathias Kepplinger im Lindenthal-Institut in Köln.

Verändert der digitale Wandel die öffentliche Diskussion in unserer Mediendemokratie? Wenn es so ist, dann ist die Demokratie ernstlich gefährdet. Unter dieser Frage stand am Samstag das Interdisziplinäre Colloqium im Lindenthal-Institut in Köln. Das Vertrauen in die Medien sinkt immer mehr, das Unwort des Jahres 2014, „Lügenpresse“, kommt nicht aus dem Nichts. Wie sich die Politikverdrossenheit in Politikerverachtung gewandelt hat, so auch die Kritik an Journalisten zu deren Verachtung, sagte in seiner Begrüßung Johannes Hattler vom Lindenthal-Institut. Mit der Entwicklung der Medien in Deutschland, die immer mehr in die Kritik geraten, habe auch wesentlich zu tun, dass die große Mehrzahl der Journalisten rot-grün wähle und so ihre Berichterstattung einseitig ausrichten.

Für Hans Mathias Kepplinger, Professor für Empirische Kommunikationsforschung am Institut für Publizistik der Universität Mainz, ist es eine „moderne Variante des Investiturstreits“, dass Medien maßgeblich am Rücktritt zweier Bundespräsidenten und zweier Bischöfe beteiligt waren. Die zunehmende Macht der Medien gegenüber der Politik zeige sich deutlich in der Selbsteinschätzung der Journalisten. Sie wünschen sich nach einer Umfrage das Dreifache an Macht gegenüber Politikern zu haben, während Bundestagsabgeordnete angaben, sich mit demselben Quantum an Macht wie Journalisten begnügen zu wollen. So seien auch Skandalisierungen von Personen wie Zeitungskampagnen erklärbar. Auffällig ist für Kepplinger, dass fast alle Rezensenten der Bücher von Thilo Sarrazin, Christian Wulff, Karl-Theodor zu Guttenberg oder Susanne Gaschke die Belege in ihren Artikeln unterschlagen haben, wie die Medien mit den Buchautoren umgegangen seien. So habe Sarrazin auf 70 Seiten gezeigt, wie seine Aussagen verfälscht worden sind.

Ein weiterer Punkt war für Kepplinger, dass Medien Tatsachen häufig verschweigen. So habe es etwa nur in der Rhein-Main-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eine Meldung gegeben, dass es kürzlich zu Ausschreitungen zwischen 70 Pegida-Anhängern und 4 000 Gegendemonstranten gekommen sei. Dass aber die Gewalt mit Brandsätzen und Steinen von den Gegendemonstranten ausging, sei nirgendwo zu lesen gewesen. Roland Tichy –, Vorstandsvorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, Chefredakteur von rolandtichy.de und seit Kurzem Wirtschaftskolumnist für die Bild am Sonntag –, der ebenfalls auf dem Podium im Lindenthal-Institut war, hatte die Ereignisse miterlebt und hörte die Rufe vieler Gegendemonstranten: „Hängt sie auf!“ Wenn eine Qualitätszeitung wie die FAZ so etwas nicht berichtet, sagte Kepplinger, sei sie das Geld nicht wert. Als besonders verhängnisvoll für die Zeitung hatte er den früheren Herausgeber Frank Schirrmacher bezeichnet – wäre er nicht gestorben, hätte Kepplinger die Zeitung abbestellt. Schirrmachers kampagenhaftes Vorgehen gegen Martin Walser sei wie ein krimineller Akt gewesen, sagte Kepplinger.

Auch die bei Journalisten politisch motivierte Einseitigkeit der Berichterstattung ist für Kepplinger gravierend. Als Beispiel nannte er die Energiewende. Weil Journalisten in Deutschland zumeist gegen Atomkraftwerke seien, würde im Fernsehen bei Berichten über Fukushima zumeist das zerstörte Atomkraftwerk gezeigt, in England dagegen das Chaos nach dem Tsunami, wonach einige Schiffe auf Häusern standen.

Der Niedergang der Printpresse darf nach Kepplinger nicht dadurch aufgefangen werden, dass man sich um jeden Preis aufmerksam macht. Überraschend war seine Feststellung, das Internet habe mit diesem Niedergang nichts zu tun; der habe schon in den sechziger Jahren begonnen.

Die Verluste der Zeitungen an Auflage und Reichweite könnten allerdings nicht wieder rückgängig gemacht werden, auch nicht die Volumen der Anzeigen, meinte Kepplinger. Es gehe nun darum, die Situation abzufangen, irgendwann sei der Boden erreicht. Durch die Verringerung der Redaktionsmitglieder wie durch eine Reduzierung des Umfangs der Zeitungen könne die Lage am Zeitungsmarkt aufgefangen werden. Die Kernleserschaft der Qualitätszeitungen habe ohnehin immer nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung betragen, die schnelle Information im Internet könne nie zu einer fundierten Meinung des Lesers beitragen, wie sie in Zeitungen möglich wäre. Roland Tichy erklärte zur Schwächung des Print-Journalismus, es habe keinen Zweck zu klagen, Männer wie Augstein oder Nannen könnten das Ruder jetzt her-umreißen – das könnten sie auch nicht. Er bezeichnete den Berufsstand der Journalisten als entautorisiert, die Leser würden nicht mehr alles passiv entgegennehmen. Auch viel Geld sei heute nicht mehr die Lösung; das öffentlich-rechtliche Fernsehen habe den teuersten Medienapparat der Welt, dennoch komme weitgehend „Mist heraus“. Auch sieht Tichy eine zunehmende Entfernung der Journalisten vom Publikum, ja sogar Leserverachtung. In Berlin schaffe sich eine Clique von Politikern und Journalisten in Cafés eine gemeinsame Weltsicht. Die Orientierung der Journalisten an peer groups führte Tichy zu der Formulierung, „wir sind kein liberales Land mehr“. Kepplinger verwies auch auf Defizite in der Informationsbeschaffung. So habe die Tagesschau bei einem Bericht über die Terrororganisation Islamischer Staat nicht auf Bilder eigener Journalisten zurückgegriffen – das sei auch viel zu gefährlich, sondern auf Youtube oder gar Bilder, die der IS selber aufnahm: „Der Terror sendet sich selber“, folgerte Kepplinger.

Dass die Medien verlässliche Informationen bieten müssen, war die einhellige Meinung auf dem Podium. Tichy riet sogar mehrmals, die Zeitung abzubestellen, wenn man falsch informiert wird. Er sieht im Internet, in dem er selbst auch tätig ist, große Vorteile. Die Zeitungen hätten 200 Jahre gebraucht, um Qualitätsstandards zu erreichen, daher sollte man auch dem Internet mehr Zeit geben. Kepplinger plädierte für eine Zeitung, die langsamer als der Medienrummel ist und die Ereignisse aus größere Distanz betrachtet. Wenn man dagegen Kampagnen mache wie die gegen Bischof Tebartz-van Elst und das für den einzigen richtigen Weg des Journalismus halte, dann laufe etwas falsch. Dennoch müsse man an den Zeitungen festhalten, meinte die Moderatorin auf dem Podium, Hildegard Stausberg, die seit 2003 ehrenamtliche Vorsitzende des Kölner Presseclubs ist. Allerdings hält sie es für eine „Lebenslüge des Staatsapparats“, wenn gesagt wird, je mehr Medien es gebe, desto größer werde die Zahl der politisch Interessierten. Anders als in Amerika, wo die Chefredakteure von ihren Redakteuren eine präzise politische Meinung im Blatt einfordern können, hätten Journalisten in Deutschland mehr Freiheit, meinte Stausberg. Das Problem sei nur, dass das „konservative Lager“ in Deutschland zu schnell verstumme, ergänzte Tichy.

Das höchst interessante Colloquium in Köln machte trotz der medialen Umbrüche Hoffnung, dass sich die Lage konsolidieren kann, wenn die richtigen Maßnahmen getroffen werden. Dazu gehört aber auch entscheidend, dass das Vertrauen der Leser in die Medien wieder zurückgewonnen werden kann durch eine Berichterstattung, die die Ereignisse in der Welt auch tatsächlich abbildet.

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