Vampire als Helden?

In Büchern und Filmen treiben sie als Untote schon lange ihr Unwesen. Früher haben Dracula & Co. durchaus eine religiöse Botschaft transportiert: den Sieg Christi. Das scheint bei neueren Produktionen leider keine Rolle mehr zu spielen. Von Harald Stollmeier
Foto: dpa | „Interview mit einem Vampir“: Louis (Brad Pitt, re.) lernt den Vampir Lestat (Tom Cruise) kennen, der ihm eine trügerische Version des ewigen Lebens verheißt.

Vampire sind unfassbar populär. Jeder kennt sie. Bücher, Filme, Fernsehserien über Vampire sind seit Jahrzehnten erfolgreich – so erfolgreich, dass es unmöglich sein dürfte, wirklich alle zu kennen. Aber in den vergangenen 25 Jahren hat sich etwas Neues entwickelt: War der Vampir als Bösewicht schon immer ein Quotenbringer, so kommt er heute als Figur mit sympathischen Zügen, ja sogar als Held in Frage. Wie war das möglich, und was hat es zu bedeuten?

Vampire, ein Sonderfall der „Wiedergänger“, gelangten im 18. Jahrhundert als Kinder der Aufklärung zu europäischer Prominenz. Ernstgemeinte Berichte über das Auftreten von Vampiren im habsburgisch-osmanischen Grenzgebiet lösten seriöse akademische Debatten aus. Der bekannteste dieser „Vampire“ war der serbische Hajduk Arnold Paole, der vermutlich im Kosovo von einem Vampir gebissen worden sein soll, 1732 nach einem Sturz vom Heuwagen starb und offiziell exhumiert wurde, nachdem Menschen gestorben waren, von denen es hieß, er habe sie heimgesucht. Dem Bericht des Regimentsarztes Johann Flückinger zufolge wies Paoles Leichnam keine Verwesungsspuren auf und hatte frisches Blut in den Mundwinkeln. Natürlich wurde er gepfählt und verbrannt.

Der literarische Vampir ist ein Produkt der Romantik und betritt die Bühne mit John Polidoris „The Vampyre“ von 1819; erdacht im verregneten Sommer zugleich mit Mary W. Shelleys „Frankenstein“ im Schweizer Refugium des Skandaldichters Lord Byron, ist die Figur des Vampirs Lord Ruthwen sowohl ein Vorbild für Dracula als auch ein wenig schmeichelhaftes Abbild von Byron.

Die beiden anderen großen Vorläufer Draculas sind der Londoner Groschenheftvampir „Varney the Vampire“ von John Malcolm Rymer und Thomas Peckett Prest (1845–1847) und Joseph Sheridan Le Fanus österreichische Gräfin „Carmilla“ (1872), mit der die Erotik zum festen Bestandteil der Vampirliteratur wird. Bram Stokers „Dracula“ (1898) nimmt dieses Thema auf und präsentiert neben dem beeindruckenden, wenn auch eindeutig bösen Grafen verführerische weibliche Nebenvampire, deren Begegnung mit dem englischen Rechtsanwalt Jonathan Harker Elemente von Gruppensex aufweist, allerdings in der Darstellung viktorianisch gedämpft.

Dracula selbst hat in Stokers Roman keine nennenswerte erotische Ausstrahlung, wohl aber eine finster-männliche. Seine tödliche Annäherung an die englische Aristokratin Lucy Westenra ist das Ergebnis von Macht und Magie, nicht von Verführung. Erst die in einen Vampir verwandelte Lucy selbst wird als verführerisch beschrieben. Übrigens wird Lucy durch Professor van Helsing mittels einer gewandelten Hostie aufgehalten, womit Stoker ganz nebenbei die Realpräsenz bekennt.

Stokers Dracula, identisch mit dem Fürsten der Walachei, der im 15. Jahrhundert grausam gegen osmanische und einheimische Feinde Krieg führte, ist als Antagonist faszinierend. Er zwingt Mina Harker, von seinem Blut zu trinken, um sie zu seiner allerdings unfreiwilligen Jüngerin zu machen, und inszeniert sich damit, wenn nicht als Antichristen so doch als Anti-Christus, als Kontrafaktur zu Christus. Mina wird später beim Versuch, sie mit einer Hostie zu segnen, versengt, und dieses Brand- und Schandmal verschwindet mit Draculas Vernichtung.

Ein Jahrhundert lang blieb Dracula der Paradevampir, und obwohl er in der Darstellung Béla Lugosis und noch mehr in der Interpretation Christopher Lees erotischer und menschlicher wurde, blieb er der Anti-Christ, Feind und Parodie Christi, der vor Kreuzen und Hostien zurückweicht: Graf Dracula ist der lebende, pardon, der untote Beweis für die Wirklichkeit der Auferstehung und der Erlösungsmacht von Jesus Christus. Deshalb war Dracula der bevorzugte Antagonist eines cum grano salis christlichen Publikums.

Die letzte große, schon manieristisch-verspielte Darstellung von Vampiren in der Antagonistenrolle präsentiert „Buffy the Vampire Slayer“ (Buffy die Vampirjägerin, ab 1997), eine US-Fernsehserie, die sich sieben Staffeln lang hielt und das Zeug zum Fernseh-Klassiker hat. Einzelne Vampire erweisen sich als anständig, und zwei erhalten ihre Seele zurück. Aber Kreuze versengen sie, und immer wieder liefert der Untergang der Vampire den Beweis, dass ihrer übernatürlich bösen Macht eine stärkere übernatürlich gute gegenübersteht.

Eine neue Strömung etablierte sich seit den 1980er und 1990er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, vor allem mit den Vampir-Romanen der katholischen Amerikanerin Anne Rice und ihren Verfilmungen. In „Interview with a Vampire“ tritt der Blutsauger Louis als Ich-Erzähler auf. Louis zeigt sich fähig zu Liebe und zu Gewissensqualen, berichtet von intensivierten Sinneswahrnehmungen und ist auffallend schön; in der Verfilmung spielt in Brad Pitt. Noch ist die Existenz der meisten Vampire düster, noch sind die vielen Opfer eine Warnung vor Vampiren und Vampirismus.

Aber in den Folgeromanen, schon in „The Vampire Lestat“, verschwindet diese Distanz. Jetzt erscheint die Vampir-Existenz als erstrebenswert, jetzt genießt der Vampir sein nächtliches Leben; allerdings entschließt sich der Ich-Erzähler Lestat de Lioncourt, nur Übeltäter zu töten, die er als Gedankenleser zweifelsfrei zu erkennen vermag. Lestat lernt, wie neue Vampire „erschaffen“ werden: Sie werden ausgesaugt, bis sie im Begriff sind zu sterben, und wenn sie dann in ausreichender Menge Vampirblut trinken, erhalten sie das (potenziell) ewige Leben. „Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut“, zitiert Lestat wiederholt die Einsetzungsworte Christi. Aber Lestat ist kein Christusbeweis mehr. Zumindest widerlegt er die Realpräsenz: Eine seiner ersten Handlungen als Vampir ist das Aufbrechen eines Tabernakels. Er berührt die Hostien und findet nichts als Brot. Christus hat auf Lestat und die übrigen Vampire keinen Einfluss.

Bei Stephenie Meyer und ihrer „Twilight“-Saga schließlich erweist sich der Vampir Edward Cullen als errettbares, ja errettetes Geschöpf. Er verzichtet auf menschliches Blut, er verzichtet auf Sex vor der Ehe, er zeugt sogar ein Kind mit Bella Swan, die ihre eigene Verwandlung in einen Vampir folgerichtig auch nicht als Übergabe an das Böse erfährt. Eine trügerische Darstellung, bei der Gut und Böse auf den Kopf gestellt werden.

So spiegelt der Wandel der Vampirrolle in der populären Kultur sicher auch die Folge des abnehmenden Glaubens an Jesus Christus, an seine Auferstehung wider. Ein Vampir zu werden, kann aber niemals eine Option für die Ewigkeit sein. Der Opfertod Christi und sein Blut sind der einzige Weg zu Erlösung und Heil.

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