Washington

US-Journalistin beklagt Trend zur Zensur

Die US-Journalistin Sharyl Attkisson zeichnet in ihrem neuen Buch nach, wie sich der einst auf Objektivität berufende und Fakten recherchierende Journalismus zu Nachrichtenmedien wandelte, die eine „Narrativindustrie“ bedienen und unliebsame Berichterstattung zensieren.
Sharyl Attkisson
Foto: Imago Images | Sogar journalistische Gruppierungen, Nachrichtenagenturen und Journalistik-Professoren hätten die Definition dessen geändert, was wir als Nachrichten betrachten, meint Attkisson.

In ihrem neuen Buch „Slanted: How the News Media Taught Us to Love Censorship and Hate Journalism“ (deutsch etwa: „Tendenziös: Wie die Nachrichtenmedien uns beibrachten, die Zensur zu lieben und den Journalismus zu hassen“) schildert die fünffache Emmy-Preisträgerin Sharyl Attkisson die Abkehr traditioneller Medien von einem faktenbasierten Journalismus. Die Nachrichtenwebseite The Daily Signal führte ein Gespräch mit der 59-Jährigen, die mehrere Jahrzehnte für unterschiedliche Medienplattformen wie CBS und CNN tätig war. 

Unabhängige Berichterstattung fast unmöglich?

Im Laufe ihrer journalistischen Laufbahn erkannte Attkisson immer mehr, dass Unternehmen und PR-Firmen herausfanden, wie sie die Nachrichten beeinflussen konnten. Woraus sich ihrer Ansicht nach das entwickelt habe, was sie als „Verleumdungsindustrie“ und „Narrativindustrie“ bezeichnet: „Es wurde fast unmöglich, bei CBS – und offen gesagt auch bei anderen US-Nachrichtenagenturen – eine gewisse unabhängige Berichterstattung über Themen zu leisten, die einfach nur den Fakten folgt“. Stattdessen gebe es jetzt einen Trend, die Storys so zu gestalten, „dass sie – ohne Rücksicht auf die Fakten – auf eine bestimmte Weise ausgehen“.

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Im Laufe mehrerer Jahre sprach die Autorin mit vielen verschiedenen – liberalen wie konservativen – Journalisten, die mit ihr offen über das redeten, was sie als den „Tod der Nachrichten, wie wir sie einst kannten“ bezeichnet. In den Nachrichtenagenturen gebe es immer mehr „Propagandisten, die eine bestimmte Meinung propagieren wollen. Und wenn dazu eine Halbwahrheit oder eine Lüge erforderlich ist, sind sie wunschlos glücklich, das zu tun, wenn dies eine Mission erfüllt“. Diese Leute wollten ihre Leser, Attkisson zufolge, sogar von bestimmten genauen Informationen, Sichtweisen und wissenschaftlichen Studien abhalten, die dazu führen könnten, dass man eine Schlussfolgerung ziehen könnte, die ihrem Interesse schade“.

Doch sogar journalistische Gruppierungen, Nachrichtenagenturen und Journalistik-Professoren hätten die Definition dessen geändert, was wir als Nachrichten betrachten: „Sie sind stolz darauf zu sagen, dass sie Objektivität und Neutralität missachten, die ihrer Meinung nach überbewertet sind“. Bei der Aussage, „dass Objektivität, Neutralität und fehlende Voreingenommenheit tatsächlich antiquierte und altmodische Vorstellungen sind, die im heutigen Journalismus keinen Platz hätten“, ziehe sogar die „New York Times“ mit.

An die Quelle von Nachrichten gelangen

Attkisson führt in ihrem Buch eine ganze Reihe mutmaßlicher Fehler und Missverständnisse an, die beispielsweise bei der Berichterstattung über die Präsidentschaft von Donald Trump immer in eine ganz bestimmte Richtung gingen: „Niemals habe ich einen Fehler gefunden – und ich suche immer noch danach – der Donald Trump genutzt hätte. Es wurden stets Fehler und Irrtümer begangen, die Falschinformationen waren, die Donald Trump schadeten“. 

Ein Beispiel für eine solche Berichterstattung sei auch der Umgang mit den Ergebnissen der Präsidentschaftswahl 2020 und der Aussage Trumps, dass es dabei zu Wahlbetrug gekommen sei. Zuerst hieß es in den Medien: „Es gibt keinen Beweis“. Es habe mal eine Zeit gegeben, da hätten Journalisten nach diesen Beweisen gesucht, wären vor Ort gewesen und hätten misstrauisch Versuche geprüft, Wahlbeobachter zu behindern oder sie wären argwöhnisch Berichten über bereits verstorbene Wähler oder tausenden von Wahlstimmen nachgegangen, die irgendwo entdeckt oder der falschen Person fälschlicherweise zugerechnet wurden“. Stattdessen hätten wir erlebt, wie die Medien sagten: „Na ja, all das spielt sowieso keine Rolle“. Zunächst also habe es keinen Wahlbetrug gegeben. Und dann, als der Wahlbetrug aufgedeckt worden war, hieß es: „Na ja, der Wahlbetrug war nicht weit verbreitet“. Und dann, „als in Erscheinung trat, dass es wohl ziemlich viel Betrug und Missbrauch und eidesstattliche Erklärungen und bestimmte Beweise gab, erzählte man uns: ‚Na ja, das hätte sowieso nichts ausgemacht. Es bringt nicht genügend Wählerstimmen“.

Daher bemühe sich Attkisson, so nah wie möglich an die Quellen von Nachrichten zu gelangen: „Und dann versuche ich, alternative Standpunkte zu lesen. Wenn ich also ein Narrativ sehe, wenn ich sehe, dass alle einseitig über etwas berichten, werde ich gleich misstrauisch und skeptisch. Es bedeutet ja nicht, dass es nicht wahr ist oder ich nicht die ganze Story bekomme“. Wenn sie jedoch tiefer grabe, „ist es oftmals nicht wahr oder ich bekomme nicht die ganze Story“. Denn, „was auch immer Sie in den Nachrichten sehen, besonders dann, wenn bei der Berichterstattung alle die gleiche Sprache, ähnliche Begriffe und dieselben Filmaufnahmen benutzen, werde ich sofort skeptisch. Und noch einmal, es bedeutet nicht, dass es nicht wahr ist, aber es bedeutet, dass irgendjemand diese bestimmte Perspektive forciert“.  DT/ks

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