Unzeitgemäß

Der Philosoph Robert Spaemann feiert am 5. Mai seinen 85. Geburtstag. Er hat das katholische Denken wie nur wenige in der Gegenwart geprägt – offen wie untergründig. Das Menschsein verdankt ihm Einsichten, die es in seiner zukünftigen Gefährdung noch gut brauchen kann. Von Stefan Rehder
Foto: dpa | Robert Spaemann wird heute 85 Jahre alt – er gehört zum Jahrgang von Papst Benedikt XVI.
Foto: dpa | Robert Spaemann wird heute 85 Jahre alt – er gehört zum Jahrgang von Papst Benedikt XVI.

Auch zwei Jahrzehnte nach seiner Emeritierung zählt Robert Spaemann immer noch zu den einflussreichsten Philosophen der Gegenwart. Gewiss, in den letzten Jahren hat die Frequenz seiner öffentlichen Interventionen spürbar abgenommen. Doch wann immer sich der in Stuttgart lebende Philosoph, der selbst von Papst Benedikt XVI. um Rat gebeten wird, zu Wort meldet, hört die Republik ihm aufmerksam zu. Keinesfalls immer zustimmend – jedenfalls nicht mehrheitlich – mitunter gereizt oder sogar vernehmbar verärgert. Aber selbst dann – von wenigen, nicht sonderlich klugen Ausnahmen abgesehen – respektvoll und nicht ohne Bewunderung für die Unabhängigkeit, die er sich und seinem Denken stets bewahrt hat. So wundert es denn auch nicht, dass sein Buch „Nach uns die Kernschmelze – Hybris im atomaren Zeitalter“, das im vergangenen Jahr, wie die meisten seiner zahlreichen Bücher, im renommierten Klett-Cotta Verlag erschien, selbst in Tageszeitungen, die mit so unterschiedlichen Blattlinien aufwarten wie die „Neue Züricher Zeitung“ und die „Süddeutsche Zeitung“, jeweils zustimmend rezensiert wurde. Und das, obwohl der bekennende Katholik, der auch aus seiner Leidenschaft für die Missa Tridentina nie ein Geheimnis gemacht hat, darin nicht weniger unternimmt, als die Moderne der „Frivolität“ zu überführen, da sie mit der Nutzung der Kernenergie begonnen habe, ohne zu wissen, ob sich überhaupt jemals eine vertretbare Lösung für die Endlagerung des radioaktiven Mülls finden lassen werde. (DT vom 7. Oktober 2011).

Manch einem Schubladendenker, von denen es auch in Deutschland immer noch zu viele gibt, scheint es ernste Schwierigkeiten zu bereiten, dass der Philosoph, der bereits 1979 in einem Aufsatz gegen die Kernenergie Stellung bezog, zugleich vehement für das Recht der ungeborenen Kinder auf Leben eintritt. Dass beides von ein und derselben Person überzeugend vertreten werden kann, ist denen, die noch in Lagern und Milieus zu denken pflegen, schwer verständlich zu machen. Denn während die Ablehnung der Atomenergie bis vor kurzem ein durch und durch „linkes Projekt“ zu sein schien, galt das Eintreten für den Lebensschutz lange Zeit als Steckenpferd der wenigen verbliebenen Konservativen. Er habe das Denken in Lagern „nie nachvollziehen können“, gesteht der Philosoph in einem Interview, das die „Stuttgarter Zeitung“ in dieser Woche veröffentlichte und bekannte darin, dass es ihn ärgere, wenn „man einen erwachsenen nachdenklichen Menschen in Schubladen“ unterzubringen suche. Und in der Tat: Obwohl Spaemann, der an den Universitäten Münster, München, Fribourg und Paris Philosophie, Geschichte, Theologie und Romanistik studierte, 1952 in Münster promoviert wurde und sich dort zehn Jahre später mit einer Arbeit über François Fénelon habilitierte, das Politische stets auch für „philosophisch relevant“ hielt, zählen „links“ und „rechts“ nicht zu den Kategorien seines Denkens, mit dem er als ordentlicher Professor für Philosophie Generationen von Studenten an den Universitäten Stuttgart (bis 1968), Heidelberg (bis 1972) und München (bis 1992) nachhaltig beeindruckte.

Um das Wirkliche und Wahre kreist sein Denken

Wie nur wenige andere verkörpert Robert Spaemann einen völlig unzeitgemäß gewordenen Typus von Philosophen, einem, der sich mit nicht weniger zufrieden geben will als der Wirklichkeit selbst.

Nicht um das Opportune, nicht um das Nützliche, sondern um das Wirkliche und das Wahre kreist das Denken Robert Spaemanns. In einem seiner beiden großen Hauptwerke „Glück und Wohlwohlen“ (1989), das Spaemann bescheiden einen „Versuch über Ethik“ nennt, führt er die von Aristoteles und Kant vertretenen Ansätze einer „Wollens-“ und einer „Sollens-Ethik“ auf etwas zurück, das noch Ursprünglicher ist: das „Wirkliche“. So setzten zum Beispiel Pflichten des Menschen gegenüber anderen voraus, dass diese für ihn „wirklich“ geworden seien und als Selbstseiende von ihm wahrgenommen würden. „Es gibt“, so Spaemann, „keine Ethik ohne Metaphysik.“

Damit jedoch steht Spaemann quer zu einer Modernen, deren Wahrnehmung sich auf das Nützliche zu beschränken pflegt und der das Wirkliche aus dem Sichtfeld geraten ist. Wo die Moderne die Kernenergie als preiswerte Form der Energiegewinnung betrachtet, die es letztlich ermöglichen soll, Wohlstand – wenn auch keineswegs für Alle, so doch für Viele – zu produzieren, dort nimmt Spaemann die zukünftigen Generationen wahr, denen wir ebenso rücksichts- wie verantwortungslos unsere atomaren Abfälle aufbürden und deren Lebensräume sich damit auf unabsehbare Zeit in No-Go-Areas zu verwandeln drohen. Wo die Moderne im Abbruch einer Schwangerschaft lediglich ein Mittel zur Leidverhinderung erblickt, ein ungewolltes Kind aufziehen zu müssen und als solches heranwachsen zu müssen, dort nimmt Spaemann eine Person wahr, der gegenüber niemand befugt wäre, zu erklären, sie „solle nicht sein“. Wo „Leben“ von der Modernen heute weitgehend auf das eigene „Erleben“ reduziert wird, das Bewusstsein voraussetzt, weshalb einem Embryo nach Ansicht einiger Denker überhaupt kein Unrecht zugefügt werden könne, wenn man ihn tötet, dort nimmt Spaemann mit Aristoteles das Leben als das „Sein des Lebendigen“ wahr. In seinem zweiten, 1996 erschienenen großen anderen Hauptwerk „Personen“, fragt er nach den Besonderheiten dieser Seinsweise und arbeitet er in beeindruckender Manier den ontologischen Unterschied zwischen „jemand“ und „etwas“ heraus.

Bioethik – ohne ihn im wahrsten Sinne undenkbar

Es gibt heute keine einzige Bioethik und Biopolitik beschäftigende Frage, zu der sich Spaemann nicht geäußert hätte. Ob es sich um den „Hirntod“ handelt, den Spaemann als sicheres Todeszeichen gut begründet ablehnt, um die In-vitro-Fertilisation, in der er ein „Machen von Menschen“ erblickt, die ins „Dasein gezwungen“ würden, um das Klonen, das darüber hinaus verwerflich sei, weil es auch noch das „Sosein“ der „Herrschaft anderer“ unterwerfe und das „Recht auf eine offene Zukunft“ oder die „Tötung auf Verlangen“, in der er eine „Einstiegsdroge für die Enttabuisierung der Tötung ,lebensunwerten Lebens‘“ erblickt, stets hat der Philosoph frühzeitig und so allgemeinverständlich interveniert, dass dem öffentlichen Nachdenken über alle diese Fragen eine Dimension eröffnet wurde, die weit über das der Moderne anhaftende selbstbezogene Nützlichkeitsdenken hinausweist.

Auch dass Spaemann öffentlich über die Existenz Gottes nachgedacht hat, und mit „Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne“ (2007) sogar einen neuen „Beweis“ für die Notwendigkeit der Existenz eines Schöpfergottes vorlegte, braucht keineswegs als Marotte eines unzeitgemäßen Denkers betrachtet werden. Es kann auch als zwangsläufige Folge eines Nachdenkens verstanden werden, das um das Wirkliche kreist. Wer die „Wirklichkeit als wirklich“ denken wolle, der komme, so Spaemann, an Gott nicht vorbei. Oder noch deutlicher, wenn auch leicht anders akzentuiert: „Wer sich als frei und wahrheitsfähig begreifen will, muss an Gott glauben.“

Kein Wunder also, dass sich die Moderne, die glaubt, dass die Naturgesetze, die Welt erklären würden, und sich von Spaemann darüber belehren lassen muss, dass „die Naturgesetze selbst zu dem gehören, was der Erklärung bedürftig ist“, sich an diesem Denker wundreibt.

Es ist ihr tragischer Unernst, der es der Moderne so schwer macht, ihre eigenen Prämissen sorgfältig zu überdenken und es ihr beinah unmöglich macht, einen Mann nicht in ihre Schubladen einsortieren zu wollen, dessen Eltern zunächst radikale Atheisten waren, 1930 aber katholisch wurden und dessen Vater sich nach dem Tod der Mutter – mitten im II. Weltkrieg – zum katholischen Priester weihen ließ.

Heute feiert Robert Spaemann, der wie Joseph Ratzinger, Günter Grass und Martin Walser 1927 geboren wurde, seinen 85. Geburtstag. Zurückgezogen in einem Kloster, wie man hört. Kein schlechter Ort für einen Unzeitgemäßen, der „wenn das Palaver abends zu Ende ist“, über „die Frage, nach dem, was ist“, nachzudenken pflegt.

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