Unvergängliches Abendland

Die Modernekritiker Guardini, Sedlmayr und Dawson waren in der Nachkriegszeit überzeugt: Europas Zukunft liegt in seiner Vergangenheit. Von Felix Dirsch
Foto: KNA | Trotz fundamentaler Kulturkritik hochgeehrt: der katholische Philosoph und Priester Romano Guardini. Hier in der Münchner Universität zur Feier seines 70. Geburtstages am 18. Februar 1955.
Foto: KNA | Trotz fundamentaler Kulturkritik hochgeehrt: der katholische Philosoph und Priester Romano Guardini. Hier in der Münchner Universität zur Feier seines 70. Geburtstages am 18. Februar 1955.

Vor fünfzehn Jahren wäre der Ausdruck christliches Abendland ohne Anführungszeichen kaum denkbar gewesen. Sie galten weithin als Zeichen der Ironisierung eines offenkundig überholten Abschnittes der Geschichte. Heute, nach Huntington, kann man diese Bezeichnung wieder ohne Anführungszeichen verwenden, was den Denkern des Mainstreams missfällt. Zu ihnen gehört der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze, der der – wenn auch nur marginalen – Abendland-Renaissance ein Kapitel seiner Studie „Die Sünde“ widmet. Nur wenige Intellektuelle haben sich auf die im Anschluss an Huntingtons epochemachendes Werk „Kampf der Kulturen“ entstandene Kontroverse über Kollektividentitäten eingelassen oder sind gar zu einem positiven Ergebnis darüber gekommen. Kritiker des vor einigen Jahren verstorbenen Harvard-Politologen, der sich in seiner späten Abhandlung „Who Are We?“ noch klarer für eine Stärkung der christlichen Leitkultur aussprach, werfen ihm vor, nicht genügend auf die multiplen Identitäten des Einzelnen geachtet zu haben. Dieser sei ja, so exemplarisch der Wirtschaftswissenschaftler Armaya Sen, nie ausschließlich von Kultur oder Religion geprägt. Patch-work ist auch in diesem Kontext das neue Zauberwort.

Trotz solcher gängiger Distanziermechanismen liegen angesichts der Diskussionen über einen EU-Beitritt der Türkei sowie unstrittiger Probleme mit dem Islam in Europa Indizien für die spärliche Konjunktur des Topos Abendland vor. Betrachtet man die Abendland-Diskurse des vergangenen Jahrhunderts, so stellt man Wellenbewegungen fest. Oswald Spenglers Megabestseller von 1918 führte dazu, dass der Begriff zeitweise in aller Munde war. Der „Untergangs“-Prophet rief im katholischen Deutschland heftige Widersprüche hervor, nicht zuletzt wegen der biologistischen Ausrichtung der Diagnose. Autoren wie Hermann Platz oder Theodor Haecker stellten ihm ein eigenständiges katholisches Abendland-Konzept entgegen.

Die 1930er und frühen 1940er Jahre brachten wenig Neues hinsichtlich der „Abendländerei“. Nach der Niederlage von Stalingrad versuchte die nationalsozialistische Führung, sich als Verteidigerin des Abendlandes zu stilisieren. Die totale Kapitulation von 1945 offenbarte auf kulturellem Gebiet ein heute kaum vorstellbares Vakuum. Ansätze, dieses zu füllen, zeigten sich bald in zweierlei Hinsicht: mittels Anknüpfung an Traditionen der deutschen Klassik, wie sie beispielsweise Thomas Mann versuchte, der zum Goethejahr 1949 eine viel beachtete Rede hielt. Viele Bildungsbürger ersehnten zudem Kontinuität durch Anknüpfung an das abendländische Erbe.

Wissenschaftlich besonders anspruchsvolle Leistungen erbrachten im Nachkriegseuropa Romano Guardini, Hans Sedlmayr und Christopher Dawson. Sie verbindet ein kritischer Blick auf die Moderne. Eine derartige Perspektive war damals durchaus konsensfähig. Selbst Neomarxisten wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer kamen im amerikanischen Exil zu dem Ergebnis, dass die Strukturdefekte der Aufklärung weitaus größer waren, als Linke und Liberale noch Jahre zuvor bereit waren zuzugeben. Guardini erörterte in seiner Abhandlung über das Ende der Neuzeit die schrittweise Auflösung des mittelalterlichen Kosmos. Er lobte die großen philosophischen Summen dieser Epoche, die man oft als Entsprechungen der Kathedralen betrachtet. Später hat man ihm vorgeworfen, er habe die mittelalterliche Welt idealisiert. Das neuzeitliche Lebensgefühl äußerte sich vor allem in den großen Konzepten von Kultur, Natur und Persönlichkeit. Der Religionsphilosoph erkannte richtig, dass diese Entwürfe ihren Höhepunkt bereits hinter sich hatten. Welchem Literaten fiel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch ein, die Natur als Lebensspenderin so zu preisen wie Goethe? Die Zeitgenossen ahnten, dass der prometheische Persönlichkeitskult mit für die Zustände verantwortlich war, die noch 1950 niemand übersehen konnte.

Die moderne Kultur betrachtete der Münchner Gelehrte aufgrund ihrer Grundtendenz zur Autonomie kritisch. Natur, Kultur und Verabsolutierung der Persönlichkeit kamen seiner Ansicht nach darin überein, dass sie der Offenbarung keinen Raum ließen. Guardini machte am Horizont ein neues geschichtliches Stadium in Umrissen aus. Er prophezeite einen „nicht-humanen Menschen“ und eine „nicht-natürliche Natur“ – eine wahrhaft hellsichtige Prognose, wenn man die heutigen Möglichkeiten des Eingriffs in die Natur und die Vorstellungen des sogenannten Posthumanismus betrachtet. Längst gilt der Mensch mit seinem verwundbaren Organismus als antiquiert, ebenso personalistisches Gedankengut wie Freiheit, Verantwortlichkeit und Schuld. Das Aufgehen des Menschen im Roboter ist für viele Technik-Freaks in den Chatboxen des Internets (und nicht nur hier!) eine Frage der Zeit. Könnte Guardini die heutige Welt analysieren, käme er wohl kaum zu dem Schluss, die von ihm vor Jahrzehnten propagierte „Sorge um den Menschen“ sei gegenwärtig weniger notwendig als zu seiner Lebenszeit. Mancher besserwisserische Interpret nahm am Ende der Neuzeit den Geruch des Rückschrittlichen wahr. Immerhin hatte mit Walter Dirks ja ein Guardini-Schüler die Legende vom restaurativen Zeitalter in die Welt gesetzt! Beim Studieren von Guardinis Darstellung wird indessen deutlich, dass er bisweilen auch Lob für die Moderne bereithält. Sie habe das Endliche aufgewertet.

Anders als im heutigen europapolitischen Diskurs besaßen für Guardini weder das Wirtschaftliche noch die geographischen Grenzen Vorrang; vielmehr beantwortete er die auch in der Gegenwart drängende Frage „Was ist Europa?“ wie folgt: „Kein bloß geographischer Komplex, keine bloße Gruppe von Völkern, sondern eine lebendige Entelechie, eine wirkende geistige Gestalt“. Nach den Verwüstungen der Seelen durch den Nationalsozialismus konnte Guardini in den 1950er Jahren unter Beifall verkünden: „Europa wird christlich, oder es wird überhaupt nicht mehr sein.“ Damals war nicht absehbar, dass der mittlerweile stark säkularisierte Kontinent gelegentliche Eruptionen von „Christianophobie“ (Stefan Meetschen) hervorbringt.

In München lehrte neben Guardini auch Hans Sedlmayr. Er stammte aus der Wiener Schule der Kunstgeschichte und übernahm deren Ansatz, Kunstgeschichte im Rahmen einer kulturkritischen Synopse zu deuten. Die Veränderungen kunstgeschichtlicher Symbole sagen demgemäß Wichtiges über den Menschen (auch in seinem Verhältnis zu Gott und Welt) aus. So trat Sedlmayr mit seinem Werk Verlust der Mitte weniger als Kunsthistoriker denn als Seismograph auf. An der Universität Wien als NS-Mitläufer zwangsemeritiert, erhielt er 1951 einen Ruf an die Münchner Universität. Der Verlust der Mitte trägt von Anfang an dick auf. Spätestens im 19. Jahrhundert tritt das Stilchaos an die Stelle der früheren, überschaubaren „Leitgebäude“ Kirche und Schloss, so die These. Ab dem Schwellenjahr 1760 zeigt die Kunst Symptome des Niedergangs. Sie wird lebensfremd und abstrakt. Unter den vielfältigen negativen Tendenzen hebt Sedlmayr die „Herabsetzung des Menschen“, die Entwicklung hin zur „Dehumanisation“, ja zum „Antihumanismus“ hervor. Ortega y Gasset hatte vorher schon von der „Enthumanisierung der Kunst“ gesprochen. Besonders eindrucksvoll unter den vielen von Sedlmayr angeführten Motiven ist Goyas Gemälde „Kronos verschlingt seine Kinder“. Die Sedlmayr-Kritik ist nach dem Erscheinen seiner Moderneschelte schnell angewachsen. Das ehemalige NSDAP-Mitglied habe die alte Polemik gegen eine angeblich „entartete Kunst“ in neuem Gewand präsentiert, so hieß es. Dieser Hinweis übersieht freilich, dass die Hintergründe von Sedlmayrs Argumenten andere waren als die der Nationalsozialisten, denen es um rassistisch motivierte Ausgrenzung ging.

Im deutschsprachigen Raum fast vergessen ist der britische Historiker Christopher Dawson. Seine Werke machten sich die traditionalistische Dekadenzoptik zu Eigen. Demnach ist der Abfall von der Schöpfungsordnung maßgeblich in Renaissance, Humanismus und Reformation mit der Emanzipation des Individuums grundgelegt. Eine weitere Stufe des Niedergangs ist aus dieser Sicht in der Aufklärung zu suchen, die im Jakobinerterror der Französischen Revolution einen katastrophalen Höhepunkt erfährt. Eine neue Kulmination der Abwendung vom „christlichen Sittengesetz“ stellt der Totalitarismus mit seinen unzähligen Opfern dar. Dawson kritisierte aber auch die „liberale humanitäre Kultur, die ein Zwischenstadium zwischen der religiösen Einheit des Christentums und einer gänzlich säkularisierten Welt darstellt“. Für kurze Zeit erhielt eine solche Position mitunter sogar Zuspruch. Werner Haftmann, wortgewaltiger Verteidiger der modernen Malerei, legte indes schon 1954 Widerspruch gegen die Rückkehr zu „gesicherten Positionen ein“, die für ihn hießen: Christentum, Humanismus und Demokratie.

Das exzeptionelle Denken von Guardini, Sedlmayr und Dawson hätte weniger durchschlagende Erfolge in der Rezeption gehabt, wenn es keine Institutionalisierung des „abendländischen Geistes“ gegeben hätte. Abendländische Akademie, Abendländische Aktion und die Zeitschrift Neues Abendland sorgten für ein Netzwerk, in welchem sich viele herausragende Autoren in Wort und Schrift profilieren konnten. Die Bandbreite der Ideen war groß, die Veranstaltungen der Eichstätter Abendländischen Akademien prominent besetzt. Referenten waren Politiker (Heinrich von Brentano, Joachim von Merkatz, Richard Jäger und viele andere) sowie zahlreiche Wissenschaftler (Michael Schmaus, Friedrich von der Heydte, Ulrich Scheuner und andere). Gegner dieser Einrichtungen wie der SPD-Abgeordnete und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt erhoben früh ihre Stimme. Einer der zahlreichen Kritikpunkte, der sich bis heute in der linksliberalen Historie hält, ist der Versuch, das Abendland-Denken als ideologische Überhöhung des Antibolschewismus zu verunglimpfen. Und selbst, wenn es so war? Was hätte die junge Bundesrepublik anderes tun können, als ihre mühsam gewonnene Freiheit gegen den östlichen Totalitarismus und seine trojanischen Pferde zu verteidigen? Dass die meisten Vorkämpfer des Abendland-Gedankens nicht so liberal waren wie ein wesentlicher Teil der Gesamtbevölkerung heute, liegt auch daran, dass ihre politische Sozialisation und Lebenserfahrung eine andere war als die mittlerweile seit zwei Generationen übliche. Die Demokratie galt seinerzeit noch nicht als das „Ende der Geschichte“ und die Bundesrepublik noch nicht als der „freieste Staat auf deutscher Erde“. Wer die zahlreichen Abendland-Publikationen (aus der unmittelbaren Nachkriegszeit) heute rezipiert, erkennt unschwer den existenziellen Grundzug ihrer Inhalte. Er bleibt über die Not des Tages hinaus spürbar. Mit Axel Schildt konzediert ein Kenner der Thematik, dass die diversen abendländischen Zirkel für den langen Weg der Bundesrepublik nach Westen mit verantwortlich waren. Er gibt zu, dass abendländisches Denken antinationalistisch und antipreußisch ausgerichtet war.

Als sich die ersten Anzeichen des Wirtschaftswunders bemerkbar machten und sich die junge Demokratie festigte, ebbte die Abendland-Begeisterung spürbar ab. Erste Anzeichen für diese Bedeutungsminderung waren die negativen Reaktionen auf von Brentanos Rede im Augsburger Rosenaustadion 1955. Anlass war der tausendjährige Gedenktag an den Sieg gegen die Ungarn. Der deutsche Außenminister bekannte sich zur abendländischen Überlieferung. Zehn Jahre später war von „Abendländerei“ nichts mehr zu hören. Nur noch das Morgige, nicht mehr das Gestrige spielte eine öffentlichkeitswirksame Rolle. Alles Abendländische galt nunmehr als obsolet – zumindest vorläufig. Indes ist bleibend gültig, was die Historikerin Brigitte Mazohl-Mallnig kürzlich schrieb: „Europas Zukunft liegt in seiner Vergangenheit.“

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