Unterirdische Geschichte

In Krakau eröffnet ein außergewöhnliches Museum – Bei Kulturexperten ist es umstritten Von Zofia Zielinska

Wen es bislang bei Polenbesuchen auch unter die Erde zog, für den war das 700 Jahre alte und nahe bei Krakau gelegene Salzbergwerk Wieliczka eine unvergleichliche Attraktion: Unterirdische Kammern, Salzseen und ein unterirdisches Sanatorium, in dem Atemwegserkrankungen behandelt werden – dazu die Kapelle St. Kinga mit Altargemälden, Lüstern und Salzskulpturen. Selbst die berühmten, tiefgelegenen Jazzkneipen und Lokale Krakaus kamen bei soviel ästhetischem, heilsamem Tiefgang nicht mit. Bald allerdings wird man auch in Krakau oder besser gesagt unter Krakau kulturelle Erlebnismöglichkeiten haben. Gestern ist unter dem weltberühmten Marktplatz, dem Rynek Glowny, das größte unterirdische Museum Polens eröffnet worden.

Eigentlich war die Eröffnung schon für Juni geplant, doch es ging nicht alles nach Plan. Streitereien mit der Stadt und den Baubehörden brachten den Investor und den Projektleiter zum stoppen. Man wirft beiden vor, das unterirdische Museum in einem zu großen räumlichen Umfang verwirklicht zu haben. Was eine Gefährdung der Arbeiter wie auch der normalen, überirdischen Marktplatzpassanten mit einschließt. Kunstexperten und Intellektuelle protestieren deshalb gegen die Öffnung des unterirdischen Museums, das im übrigen eine Abteilung des Historischen Museums Krakaus ist.

Fest steht: Auf rund 4 000 Quadratmetern Fläche sollen die unterirdischen Besucher in die 5 000-jährige archäologische Geschichte Krakaus im wahrsten Sinne des Wortes eintauchen. Kernstück der Einrichtung sind archäologische Ausgrabungen, die in langjähriger Arbeit konserviert wurden. Schließlich wurde Krakau in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens mehrfach zerstört. Nach damaliger Sitte – und wie man an einer der ältesten Kirchen der Stadt, der tiefgelegenen St. Adalbertkirche, sehen kann – baute man die Stadt einfach auf den Überresten der alten Bebauung wieder auf. So blieben auch Teile der luxuriösen Kramläden unter dem Pflaster des heutigen Marktes erhalten. Neben den aus dem 13. Jahrhundert stammenden Überresten dieser frühen Geschäfts- und Wohnhäuser können Besucher des unterirdischen Museums auch die alte Stadtwaage und mittelalterliche Gräber unter dem Marktplatz besichtigen. Wobei heidnische Elemente auffälliger sind als christliche.

In einem multimedialen Ausstellungsteil – mit Bildschirmen aus Wasserdampf – können sich die Gäste des Museums über die Geschichte der Stadt sowie ihre Bedeutung im Netz der Handelsstädte vom Mittelalter bis in die Gegenwart informieren. Dabei kann man zum Beispiel auch ein historisches Begräbnis sehen oder einen Goldschmied bei der Arbeit. Wer Lust hat, kann sich auch auf einer mittelalterlichen Waage nach zeitgenössischen Maßeinheiten vermessen lassen. Eine Cafeteria und ein Buchladen laden unter dem Marktplatz ebenfalls zum Verweilen ein.

Der Eingang zu dem neuen, umstrittenen Museum erfolgt im übrigen durch die Tuchhallen, wo sich auch den kulturell interessierten Besuchern Krakaus, die weniger aufgeschlossen für Unter-Tage-Erlebnisse sind, ganz neue Perspektiven auftun: Die Gemäldegalerie im Obergeschoss der Tuchhallen wird morgen nach langen Sanierungsarbeiten wieder eröffnet. Diese Galerie, eine Dependance des Krakauer Nationalmuseums, zeigt wichtige Werke aus der polnischen Kunst. Darunter Gemälde von Jan Matejko, Jacek Malczewski oder Stanislaw Witkiewicz. Multimediale Elemente sind natürlich auch bei dieser Galerie vorhanden, der Hauptclou ist jedoch etwas anderes: Erstmals werden die Aussichtsterrassen beiderseits der Tuchhallen für den Publikumsverkehr freigegeben. Darüber hinaus wurde der Eingangsbereich barrierefrei gestaltet und ein Aufzug eingebaut. Die gesamten Renovierungsarbeiten kosteten fast acht Millionen Euro. In den mittelalterlichen Krämerläden im Erdgeschoss der Tuchhallen geht der Handel davon unbeeinträchtigt weiter. Doch gesünder und sicherer bleibt wohl Wieliczka.

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